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Interview mit Automobil-Experten Peter Salzberger

12.09.2016 | 09:05 Uhr |

Peter Salzberger, Delivery Manager bei SQS Software Quality Systems AG , ist Automotive-Experte und berät Automobil-Hersteller in Qualitätsfragen u.a. für Infotainmentsysteme. In den letzten 16 Jahren führte Salzberger Projekte bei mehreren deutschen Automobilherstellern durch. Er befasst sich mit Entwicklungsprozessen in der Automobilindustrie und sammelte in den vergangenen Jahren umfangreiche Erfahrung in der Konzeption, Integration und Absicherung von IT-Technologien im Fahrzeug.

Peter Salzberger, Delivery Manager bei SQS Software Quality Systems AG,
Vergrößern Peter Salzberger, Delivery Manager bei SQS Software Quality Systems AG,
© Peter Salzberger

Wir hatten mit Peter Salzberger im Jahr 2014 einen spannenden Chat zum Thema "Das Auto der Zukunft" durchgeführt. 2015 befragten wir Salzberger nach seiner Einschätzung zum Apple-Auto.

Redaktion: Was sollte das Apple Car können?

Salzberger: Für Apple dient das iCar vermutlich in erster Linie als weitere Vertriebsplattform für Software und Apps. Damit verdient Apple bereits jetzt richtig viel Geld. Außerdem dürfte das iCar eine hervorragende Datenquelle für Apple sein. Daten wiederum sind ebenfalls bares Geld, sei es für gezielte Werbeeinblendungen, für Kooperationen mit Autoversicherern oder für andere neue Geschäftsmodelle.

Das Apple Auto sollte daher alle Anwendungen unterstützten, die im iOS-Umfeld angeboten werden. Das Auto selbst liefert Apple zusätzliche Kundeninformationen wie Bewegungs- und Aufenthaltsprofile, aber auch weitere Nutzerinformationen aus dem Bereich Infotainment und Kommunikation. Die Backend-Systeme greifen diese Informationen auf und verarbeiten sie in Big-Data-Systemen beziehungsweise erzeugen neue Information über Business Intelligence. So könnte Apple zusätzliche Produkte anbieten, bis hin zu digitalen Service-, Versicherungs- oder Dienstleistungsprodukten, die "over the air" (OTA) auf das Fahrzeug gespielt werden. OTA kommt heute bereits für Software-Updates zum Einsatz.

Anmerkung der Redaktion:  VW plant künftig Updates für die Software seiner Infotainmentsysteme ebenfalls kabellos auszuspielen.

Welche Karosserieform und Größe könnte am ehesten passen?

Salzberger: Apple wird die Designsprache des Apple-Autos an seine aktuellen Produkte anlehnen: klare Formen und Konturen, hochwertige Materialien, nutzerfreundliche Dimensionen. Auf das Auto bezogen könnte das eine kleine (smarte) bis mittlere Größe für den Einsatz in Ballungszentren bedeuten. Also ein iCar, mit dem man auch in kleinen Parklücken noch Platz findet und flotte Ampelstarts hinlegen kann. Und wieselflink im dichten Stadtverkehr unerwegs ist. Das Apple-Auto dürfte ein eher innovatives und modernes Design besitzen, z.B. ähnlich BMW i3, Lotus Ethos, Nissan Sway. 

Wie könnte es sich von der bereits existierenden Konkurrenz (Tesla, Audi, BMW, MB, Lexus) oder der in einigen Jahren erscheinenden Konkurrenz abheben?

Salzberger: Wir erwarten im iCar Vollvernetzung, große Displays auf der iTafel, gegebenenfalls AuLED- oder OLED-Technologien, perfektionierte Touch-, Gesten- und Spracheingabe (Siri Advanced). Um Innovation zu zeigen, aber auch Kosten zu sparen, dürfte Apple mehr Funktionen per Software statt über Hardkeys bedienbar machen. So wie es Tesla derzeit vormacht: nur noch zwei Schalter für Warnblinker und Handschuhfach. Dazu Perfektionierung von Apple Karten mit Augmented Reality Funktionen.

Dazu könnte man sich die Auswertung von kartenbasierten Höhenprofilen für den energiereduzierten Segelbetrieb vorstellen. Oder fahrerbezogene Werbepopups im großflächigem Headup-Display in der Windschutzscheibe (z.B. je nach konfiguriertem Benutzerwunsch) für Preisangebote von Fastfoodketten, Bekleidung, usw. Aber auch erweiterte Social-Media-Funktionen wie WhoAmI, WhereIAm, und Motivations-Hinweise zur Fahreffizienz (Efficiency Contest), sowie CarSharing Live (wer fährt gerade in meiner Nähe und wohin und nimmt mich mit?). Außerdem Informationen dazu, wo sich die meisten verfügbaren Ladestationen auf meiner Strecke befinden.

Dazu noch erweiterte Echtzeitverkehrsinformationen: Wenn fünf Apple-Auto-Nutzer auf der A3 stehen, ist dort offensichtlich ein Stau. Das wird dann direkt an andere Apple-Autos weitergeleitet, damit diese den Stau umfahren können.

(Anmerkung der Redaktion: Derzeit melden iPhones solche Stauinformationen an die Server von TomTom, die diese dann im Rahmen ihrer Echtzeitverkehrsinformationen an ihre Kunden weitergeben. Das beinhaltet aber eine gewisse zeitliche Verzögerung und geht eben nicht direkt von Auto zu Auto, sondern über zentrale Server.)

Welches Antriebskonzept ist zu erwarten: Elektro (mit Allrad) oder Hybrid oder Wasserstoff?

Mittel- und langfristig dürfte ein Elektro-Antrieb aufgrund der aktuellen Technologien und der politischen Vorgaben das Mittel der Wahl sein. Aufgrund Kosteneinsparung ist eher nicht mit Allradantrieb zu rechnen (der zu höherem Gewicht, mehr Verbrauch und Verschleiß führt). Bei der Fahrleistung ist die Reichweite wichtiger als die PS-/kW-Zahl, die Geschwindigkeiten dürften bei maximal 140 km/h abgeregelt werden. Ein niedriger cw-Wert, der durch glatte Oberflächen, dem Weglassen von Kanten, Fugen, sowie der Verwendung von schmalen Reifen mit großem Durchschnitt erreicht wird, ist beim Apple Auto sicherlich besonders wünschenswert.

Wasserstoff ist aufgrund der kaum gegebenen Verfügbarkeit, dem zumindest theoretischen Gefahrenpotential, dem hohen Tankgewicht sowie auch wegen der hohen Kosten für Materialien noch in zu weiter Ferne.

Sollte das Apple Car zwangsläufig ein autonom fahrendes Fahrzeug sein?

Im Gegensatz zu den üblichen Nutzereinschränkungen im iOS-Umfeld und der unterschiedlichen Gesetzgebung im EU-Raum, in den USA und Asien muss Apple ein vollfunktionstüchtiges autonom-fahrendes Fahrzeug anbieten, welches auf manuelle Steuerung umschaltbar ist. Der Spaß am (Selbst-)Fahren sollte beibehalten werden, was Apple wahrscheinlich so sehen wird – und der Gesetzgeber weiterhin fordern wird.

Mit „den üblichen Nutzereinschränkungen im iOS-Umfeld“ meint Salzberger die Bevorzugung von AAC. Andere Formate wie MP3 müssen immer wieder zusätzlich und umständlich eingestellt werden, zum Beispiel bei der Konvertierung von Audi-CDs. Oder dass die Music App keine NAS oder andere Filesysteme zulässt, nur iTunes und lokale Musikdateien. Oder dass iOS kaum individualisierbar ist beziehungsweise das nur nach einem Jailbreak möglich ist.

Wer käme als Kooperationspartner in Betracht und wo wird das Apple-Auto gebaut?

Ein OEM mit langjährigem Fahrzeug-Know-How und hohen Qualitätsstandards (Modelle mit 5-Euro-NCAP-Sternen) dürfte sich als Produzent des iCars anbieten. Wenn man die amerikanische Politik derzeit betrachtet, wird auch Apple primär nach amerikanischen OEMs Ausschau halten, um Know-How und Reputation im Land zu lassen. Berücksichtigt man die Antriebstechnologien, so könnte Tesla ein Kandidat sein. Hierbei könnte die Akku-Technologie eine Rolle spielen. Tesla-Chef Elons Musk plant sowieso ein Gigawerk 2 und 3 neben dem bereits bestehenden Werk 1. Die notwendigen Grundstücke hat er bereits gekauft.

Aber auch einer der großen amerikanischen Konzerne wie Chevrolet, GM oder Ford könnte sich für Apple anbieten. Die Produktion von Zuliefer-Komponenten könnte in China, Indien stattfinden, der Zusammenbau dann in den USA.

(Anmerkung der Redaktion: Tesla will in drei Jahren in China Fahrzeuge fertigen lassen.)

Auf welchen Preis-Level wird sich das Apple Car bewegen?

Als Apple-Produkt dürfte das iCar in der höheren Preiskategorie ab 45.000 bis 70.000 Euro angesiedelt sein, je nach Konfiguration und Ausstattung. Dafür könnte es staatliche Förderungen, Stromgutscheine beziehungsweise die Möglichkeit zum kostenlosen Stromaufladen (ähnlich wie bei Tesla) und Leasingangebote geben, um Apples Preisniveau nicht zu destabilisieren.

Sinnvoll wäre ein Start mit zwei Modellen: ein Zweisitzer und ein Vier- bis Fünfsitzer. Jedes der beiden Modelle in zwei bis drei Derivaten: Eine Preisstaffelung gibt es dann durch Sonderausstattungen, ähnlich wie beim Infotainmentbereich von Audi und BMW. Auch hier kann man vermuten, dass Apple um Kosten einzusparen den Aftersales für Funktionen auf reiner Software-Basis umsetzt. Diese muss nur noch codiert, freigeschaltet oder hochgeladen werden. Und schon stehen dem iCar-Besitzer neue Funktionen zur Verfügung.

(Anmerkung der Redaktion: Teilweise geht das bereits heute so in vielen Fahrzeugen. So ist zum Beispiel in vielen Modellen ein Außenthermometer verbaut, dessen Temperaturwerte werden jedoch dem Fahrer nicht angezeigt, wenn er dieses Paket/Feature beim Kauf nicht mit erworben hat. Nachträglich kann man die Temperaturanzeige im Cockpit aber oft freischalten lassen.)

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