
Raw-Labore im Vergleich
Zur Photokina Ende September sorgten Apple und Adobe für neuen Gesprächsstoff unter den Digitalfotografen. Apple zeigte Aperture in der nun eingedeutschten Version 1.5 und Adobe legte noch eine Betaversion von Lightroom nach, jetzt erstmals offiziell vom Hersteller Photoshop Lightroom genannt
(25.10.2006)
Die erfreuliche Nachricht für die ersten Anwender von Aperture: Upgrades von bestehenden Aperture-Versionen sind kostenlos. Tester der Betaversionen von Lightroom werden sich noch einmal etwas umstellen müssen: Wichtige Werkzeuge sind noch einmal grundlegend verändert worden. Dafür hat sich Adobe nun etwas konkreter auf einen Erscheinungstermin der offiziellen Kaufversion festgelegt. Anfang 2007 lautet nun die Aussage für den Start des Aperture-Konkurrenten. Ein denkbarer Termin ist da die Macworld Expo im Januar. Die Laufzeit der nun vierten, für jeden downloadbaren Betaversion ist jedenfalls bis zum 28. Februar 2007 eingestellt.
Aperture und Photoshop Lightroom sind zwei „Komplettlösungen“ für Digitalfotografen, die ihre Aufnahmen in den Kameraformaten JPEG, TIFF und vor allem den verschiedenen Raw-Formaten in einer Softwareumgebung verwalten, sichten, organisieren, optimieren und für verschiedene Ausgabezwecke wie Drucken, Diashow oder Webgalerien nutzen wollen. In ihrer Ausrichtung sind sich beide Programme dabei näher als andere Lösungen zur Raw-Konvertierung wie etwa Capture One Pro oder Bibble (siehe auch Macwelt 05/2006, Seite 50ff).
Damit gleicht das Dateimanagement-konzept von Aperture in großen Teilen dem von Photoshop Lightroom, kann aber besser mit dem Dateisystem synchronisieren und empfiehlt sich so für ein sicheres Backup. Am bislang schon eingängigen Dateimanagement von Lightroom hat sich nicht sehr viel geändert. Beim Import lassen sich nun EXIF-Daten der Aufnahmen für eine Umbenennung mit einbinden, sofern die Bilddaten nicht nur referenziert werden. Neu ist der Photo Binder, eine Art Container, in den man von Lightroom organisierte Bilder mitsamt Metadaten und Lightroom-Einstellungen verpacken kann. Photo-Binder-Ordner können so an andere Lightroom-Installationen weitergegeben oder archiviert werden.
Mit Previews geht Lightroom anders als Aperture um. Schon beim Import kann man wählen, ob Lightroom bereits vorhandene Preview-Daten der Bilddatei nutzen oder eigene Previews rendern soll. Auch nach dem Import lässt sich noch festlegen, auf welche Art Previews erzeugt werden sollen. Um den Speicherplatz für Preview-Daten nicht ausufern zu lassen, kann man Preview-Dateien nach einem festgesetzten Zeitlimit automatisch löschen, etwa wenn Bilder seit 30 Tagen nicht gesichtet wurden.
Aperture hingegen generiert immer Preview-JPEGs. Ein Drag-and-drop-Versuch auf den Schreibtisch liefert folgende Ergebnisse: Lightroom dupliziert die Originaldatei auf den Schreibtisch; Aperture dupliziert die selbst gerenderte Preview-Datei im Format JPEG. Direkt aus dem Finder oder aus einer anderen Applikation auf die Aperture-JPEGs zuzugreifen ist allerdings nicht möglich, da Aperture diese Vorschaubilder in seine Library-Datei packt.
Lightroom ist nicht für einen speziellen Zweimonitorbetrieb konzipiert, löst die Aufgabe der Bildorganisation auf einem einzelnen Monitor aber sehr gut. Vor allem ist das Adobe-Programm bereits in der Beta auf weniger prozessorstarken Rechnern schneller als Apples Aperture. Dies zeigt sich insbesondere beim Sichten von Bildausschnitten. Aperture wartet mit der viel beachteten Lupenfunktion auf, bei der tatsächlich wie bei einer Lupe ein kreisförmiger Bildausschnitt 1:1 oder in Vergrößerung gezeigt wird. Die Aperture-Lupe ist in ihrer Größe anpassbar, kann an einer bestimmten Bildschirmstelle fixiert werden und zeigt die aktuellen Bilddaten unter dem Mauszeiger. Dabei ist es egal, ob man Bilder im Filmstreifen unter dem Mauszeiger hat oder im aktuellen Vorschaubild einen Bildausschnitt genauer betrachten will. Die Anzeige der Lupenvergrößerung lässt jedoch auf weniger prozessorstarken Macs mitunter auf sich warten oder zeigt (wie bei einem unserer Testrechner, einem Powerbook G4 mit 1,5 GHz) manchmal gar keine Ausschnittsvergrößerung. Lightroom ist auf demselben Rechner wesentlich fixer bei der Ausführung seiner Lupenfunktion, die immer eine rechteckige Ausschnittsdarstellung ist und nur für die aktive Vorschau angewendet werden kann. Beide Programme rendern die Lupenansichten aus den Masterdateien.
Die Leuchtkraftregelung überzeugt besonders, denn sie erlaubt es, einzelne Farben zu „reinigen“. Allerdings vermissen wir einen speziellen Farbbereich für die Hauttöne. Die bereits seit der dritten Beta vorhandene Farbkorrektur von Lightroom ist der von Aperture fast gleichwertig, ihr fehlt lediglich der Regler zur Ausweitung oder Begrenzung des Farbbereichs.
Raw-Konverter sollten für Bilder, die man nicht in Bildbearbeitungsprogrammen weiter bearbeiten will, auch über eine zufriedenstellende Bildschärfungsfunktion verfügen. Bei Photoshop Lightroom ist nur ein einfacher Schärfen-regler vorhanden, der allerdings in Kombination mit den Reglern zu Bildglättung und Rauschunterdrückung recht effektiv eingesetzt werden kann. Eine Überschärfung riskiert nur, wer den Schärfenregler bis zum Anschlag hochzieht. Dennoch: Bessere Schärfenfunktionen finden sich in Photoshop selber.
Apple spendiert Aperture 1.5 eine ausgebaute Schärfekontrolle, die auf Luminanzschärfung von Kanten setzt. Die-se neue Kantenschärfung kann mit der vorhandenen normalen Schärfenfunktion kombiniert werden, die Kontrolle über die Lupe erlaubt ein sehr feines Einstellen der Schärfewirkung. An Aperture gefällt auch, dass sich einzelne Bildparameter für einen Vorher-Nachher-Vergleich schnell deaktivieren und wieder aktivieren lassen. Bei Lightroom ist ein solcher Vorher-Nachher-Vergleich umständlicher.
Beim Demosaicing (dem Zusammensetzen der Farbinformationen aus der Raw-Aufnahme) und Farbrendering hat sich bei beiden Programmen etwas getan. Lightroom verwendet nun neue Farb-renderprozesse und Apple hat Aperture auf die Unterstützung von über 50 Kameramodellen ausgebaut, den Raw-Prozessor überarbeitet und nebenher noch die Kameradateien aktualisiert. Nun können Anwender wählen, welche Version eines Kameraprofils zum Einsatz kommen soll – nach unserem Eindruck hat Apple dabei auch ordentlich die bislang unbefriedigende Hauttonwiedergabe nachgebessert. Lightroom wie auch Photoshops Raw-Modul Camera Raw erkennen weit mehr Kamera-Raw-Formate, aktuell über 120. Mit Adobes DNG-Format mag sich Apple nach wie vor nicht richtig anfreunden. Nach wie vor sind DNG-Bilddateien nur dann für Aperture verständlich, wenn sie auch über Apples Betriebssystem-Library als Raw-Formate nachdefiniert sind und damit beispielsweise auch für iPhoto nutzbar sind.
Nach dem Fehlstart von Apple Aperture (siehe Macwelt 2/06) haben die Entwickler kräftig nachgebessert und mit Version 1.5 ein brauchbares Programm vorgestellt. Doch auch die Konkurrenz hat einiges zu bieten. Photoshop Lightroom wird gerade für Besitzer leistungsschwächerer Macs eine echte Alternative zu Aperture sein.
Note: 2,7 befriedigend
Vorzüge deutlich verbesserte Raw-Konvertierung, gute Integration mit Betriebssystem und iLife- sowie iWork-Programmen, Update kostenlos, offene Dateiverwaltung
Nachteile komplexe Einarbeitung, hohe Hardwareanforderungen, keine komplette DNG-Unterstützung
Preis € (D) 300, € (A) 320, CHF 450
Systemanforderungen (empfohlen) Macs mit 2 GHz Intel-Prozessoren oder höher, ab 2 GB RAM
Info Apple
Note: keine (Betasoftware)
Vorzüge modulares Konzept, offene Dateiverwaltung, gute Renderqualität, interaktive Funktionalität, breite Raw-Formatunterstützung
Nachteile Ausgabemodule noch verbesserungsfähig, Verschlagwortung unbefriedigend, Bildauswahlen bleiben zwischen Programmmodulen teilweise nicht erhalten
Preis noch nicht bekannt
Systemanforderungen Power Mac oder Intel Mac ab G4-Prozessor, 1 GB RAM empfohlen
Info Adobe
Es wird langsam Zeit für eine kommerzielle Veröffentlichung von Photoshop Lightroom – die öffentliche Betaphase wird dann ungefähr ein Jahr lang gedauert haben. Aperture ist mit Version 1.5 endlich auch in deutscher Sprache und damit auch für nicht-englische Betriebssysteminstallationen einsetzbar. Die Einarbeitung in Aperture ist etwas aufwendiger als in Lightroom, das durch sein modulares Konzept besser auf einzelne Arbeitsschritte zugeschnitten ist. Für Profifotografen mit genügend Geld in der Tasche ist Aperture nun eine echte Alternative zu anderen Raw-Konvertern, auch weil Apple die Konvertierungsqualität verbessert hat. Photoshop Lightroom hat trotz des neuen Namensbestandteils „Photoshop“ nicht viele Gemeinsamkeiten mit Adobes Bildbearbeitung, entwickelt sich aber zu einem ernst zu nehmenden Multiformat-Raw-Konverter. Da nächstes Jahr auch die unter Profifotografen sehr geschätzte Software Capture One Pro in einer stark überarbeiteten Version ansteht, bleibt die Situation bei den Entwicklungslabors für digitale Negative weiter spannend.
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