Workshop: Detailtypografische Regeln

Ein guter Satz

(Detail-)Typografie ist eine der wichtigsten Grundlagen von Printmedien. Auszubildende und Studenten in den Medienberufen lernen das sehr früh. Sie bildet neben Orthografie und Grammatik ein weiteres Regelwerk, ohne das das tägliche Lesen schwer fallen würde und das Design einer Zeitschrift und eines Buches leiden. Dennoch wird sie manchmal sträflich vernachlässigt. Der folgende Artikel listet die wichtigsten Aspekteder Detailtypografie auf.

Von Thomas Biedermann (27.02.2007)

„Good typography is something everyone sees, but no one notices.“ John Warnock (Adobe). Wer ein Printmedium gestaltet, bleibt irgendwann am Thema Typografie hängen: „Wie war das noch mal …? Die Deutschlehrerin in der Schule …? Der Berufsschullehrer …?“ Erinnert man sich dann an den Namen „Gutenberg“, hat man schon die halbe Miete. Denn tatsächlich gehen auf Gutenberg – der im 15. Jahrhundert den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand – viele Regeln der Typografie zurück.

Registerhaltigkeit

Besser lesbar: Textspalten, die sich am Grundlinienraster orientieren, sind heute nicht mehr selbstverständlich, obwohl alle Layoutprogramme entsprechende Funktionen anbieten. Gerade Tageszeitungen stopfen bei Übersatz einfach mitunter mehr Zeilen in die letzte Spalte.
Besser lesbar: Textspalten, die sich am Grundlinienraster orientieren, sind heute nicht mehr selbstverständlich, obwohl alle Layoutprogramme entsprechende Funktionen anbieten. Gerade Tageszeitungen stopfen bei Übersatz einfach mitunter mehr Zeilen in die letzte Spalte.
Ein wesentliches Merkmal einer gedruckten Seite sind der Satzspiegel und die Registerhaltigkeit des Textes. Gutenberg legte dafür die Grundlagen, indem er die einzelnen, in Blei gegossenen Buchstaben(kegel) in einem Register aus Holz anordnete. Jede Textspalte einer Zeitungsnachricht erhielt ein eigenes hölzernes Fach. Und jede Textzeile der Spalte saß auf einer festen „Linie“ und korrespondierte mit der Textzeile der Nachbarspalte: Die Textzeilen hielten „Register“. Dies wird noch heute praktiziert und lässt sich über die Einrichtung eines Grundlinienrasters in einem Layoutprogramm bewerkstelligen. In mehrseitigen Publikationen unterstützt dies die Lesbarkeit des Textes und schmeichelt dem Auge des Lesers. Ob Gutenberg vor 500 Jahren soweit gedacht hatte?

Schusterjunge/Hurenkind

Ungeliebte Kinder: Während Schusterjungen mittlerweile immer öfters zu sehen sind, gelten Hurenkinder immer noch als Zeichen schlechter Umbruchbearbeitung.
Ungeliebte Kinder: Während Schusterjungen mittlerweile immer öfters zu sehen sind, gelten Hurenkinder immer noch als Zeichen schlechter Umbruchbearbeitung.
Auch antiquiert anmutende Wörter haben seit jener Zeit Einzug in die Sprache des Gestalters gehalten, mittlerweile werden sie oft verwechselt. Ein Schusterjunge bezeichnet beispielsweise eine einzelne Zeile am Ende einer Textspalte, mit der ein neuer Absatz beginnt: Und das Hurenkind? In der Typografie bezeichnet es die letzte Zeile eines Absatzes, die am Anfang einer neuen Textspalte steht. Beide Varianten machen im Schriftsatz kein gutes Bild. Verlage und Druckvorstufenbetriebe akzeptieren jedoch den Schusterjungen in größeren Publikationen. Das Hurenkind ist nach wie vor verfemt. Hier bleibt nur: Nachbessern – durch Textkürzung oder -verlängerung oder gestalterische Maßnahmen! Eine Eselsbrücke für die Unterscheidung der beiden „ähnlichen“ Begriffe kann diese sein: Vor 500 Jahren sind Kinder von Prostituierten aus gesellschaftlicher Sicht immer den anderen Kindern „hinter gehinkt“. Wie das Hurenkind im Schriftsatz. Der Schusterjunge lässt sich dann schnell als das „andere“ Phänomen erinnern.

An-/Abführungszeichen

Wörtliche Rede, Zitate, doppelsinnige Wörter und Redewendungen werden in An- und Abführungszeichen gesetzt. Die in Deutschland einzig zulässigen Zeichen sind die „99“ als An- und die „66“ als Abführungszeichen. Akzeptiert sind auch noch die französischen »Guillemets«, die jedoch – entgegen der Verwendung im Französischen – die Wörter mit den Spitzen einschließen.

Jedes Land hat seine eigenen typografischen Regeln. Aus diesem Grund ist es zulässig, ein englisches Zitat in englischen “An- und Abführungszeichen” zu setzen. Halbe An- und Abführungen im Deutschen – für Zitate innerhalb einer wörtlichen Rede –erhalten die halben Zeichen: ‚9‘ und ‚6‘ oder » und «. Verwendet man für die An- und Abführungszeichen die Zollzeichen auf der Tastatur oder Kommata oder Apostrophen, ist dies falsch! Jedes Layoutprogramm bietet heute detaillierte Einstellungsmöglichkeiten, sodass Texte aus Textverarbeitungen mit Zollzeichen automatisch mit korrekten, typografischen Zeichen importiert werden.

Akzent/Apostroph

Erfindungsreich: Vor allem Wochenblätter sind eine Quelle fehlerhafter Akzente und Apostrophen. Quelle: Wochenblatt, Hamburg
Erfindungsreich: Vor allem Wochenblätter sind eine Quelle fehlerhafter Akzente und Apostrophen. Quelle: Wochenblatt, Hamburg
Die Verwendung eines Akzents anstelle eines Apostrophen ist eine weit verbreitete Unsitte. Das sollte man auf jeden Fall unterlassen. Der Apostroph – oder das Auslassungszeichen – stellt das Wegfallen eines Vokals, einer Silbe oder hinter Eigennamen, die mit einem s, ß oder x enden, den Genitiv dar. Das in Deutschland einzig verwendbare Zeichen hierfür ist die am Wort oben sitzende ‚9‘, so dass die im Beispiel abgebildete Dachzeile richtig lautet: „O’zapft is’ in Wandsbek.“

Bindestrich/Gedankenstrich

Schlechte Beispiele: Weder die englischen Zeichen des HT16-Mitgliedermagazins noch die Kreationen der anderen Zeitschriften sind korrekt.
Schlechte Beispiele: Weder die englischen Zeichen des HT16-Mitgliedermagazins noch die Kreationen der anderen Zeitschriften sind korrekt.
Die falsche Verwendung des Bindestrichs und des Gedankenstrichs ist in der Praxis auch häufig zu finden. Ärgerlich ist es, wenn auch Grafik-Designer und Mediengestalter nicht auf richtige Zeichensetzung achten. Da taucht schnell die Frage auf, wo diese Fachleute ihr Handwerk gelernt haben. Allen Dozenten an Fachhochschulen oder Berufsschullehrern, denen dieses Thema nicht einige Unterrichtsstunden wert ist, gehört kräftig auf die Finger geklopft.

Der Gedankenstrich hat seine Herkunft in den Bleikegeln Gutenbergs. Der Kegel mit dem breitesten Maß stellt ein großes „M“ dar, der dem typografischen Maß „Geviert“ den Namen gibt. Der Gedankenstrich ist ein Halbgeviertstrich – und dient zur Darstellung einer Gedankenpause. Darüber hinaus eignet er sich auch zum Trennen von Rede und Gegenrede, als Minusstrich, Nullersatzstrich, Bisstrich, Streckenstrich, Spiegelstrich und Ersatz für Klammerzeichen. Ob bei –2° C Temperatur, einem Preis von 20,– e in den Jahren 2005–2006, bei der Bahnfahrt Hannover – Hamburg, der Begegnung Hamburger SV – Bayern München oder der Aufzählung:

– fahren wir oder

– fahren wir nicht?

handelt es sich immer um den Gedankenstrich. Findet er im Fließtext am Ende einer Zeile als Gedankenstrich Verwendung, bricht er nicht in die neue Zeile um –denn er könnte in diesem Zusammenhang auch durch ein Komma ersetzt werden.

Der Bindestrich, auch Trennstrich oder Divis, bezeichnet lediglich eine Silbentrennung oder ein verbundenes Wort. Vielleicht sollte man ihn besser so schreiben: Binde-Strich – es wäre einprägsamer. Dass Computertastaturen bis heute noch nicht „reformiert“ sind und neben dem gewöhnlichen Binde-/Trennstrich den Gedankenstrich enthalten: Ein Rätsel! Der Geviertstrich findet im Deutschen keine Verwendung, ist jedoch im Englischen als Gedankenstrich von Bedeutung. Er wird dort ohne Zwischenräume zwischen die Wörter gesetzt: … he means—but he does not …

Auslassungspunkte/Ellipse

Vorbildlich: Neben vielen Negativ-Beispielen hier mal eine typografisch korrekte Variante von Gedanken- und Bindestrich. Quelle: Freundin
Vorbildlich: Neben vielen Negativ-Beispielen hier mal eine typografisch korrekte Variante von Gedanken- und Bindestrich. Quelle: Freundin
Wie geht man vor, wenn Teile eines Satzes oder eines Wortes wegfallen sollen …? Das hierfür verwendete typografisch korrekte Zeichen sind die Auslassungspunkte, im Fachterminus „Ellipse“ genannt. Vorsicht, es handelt sich dabei nicht um drei hintereinander gesetzte Punkte! Sondern um ein feststehendes, einzelnes Sonderzeichen. Fallen mehrere Wörter eines Satzes weg, verwendet man die Ellipse mit einer Leerstelle davor: „Ich ging meines Weges, dann aber …“ Signalisiert die Ellipse die Auslassung eines Wortteils, um manchmal bestimmten Menschen nicht zu nahe treten zu wollen, folgt die Ellipse natürlich ohne Leerstelle direkt am Wortteil: „Du B…!“ – was „Du Blödmann“ bedeuten soll. Folgt der Ellipse noch ein Satzzeichen, so steht dies direkt dahinter, auch wenn dies gewöhnungsbedürftig erscheint ….

Ligaturen

Tipp: (•) So setzt man Anführungszeichen (••) Bei größeren Schriftgraden (•••) Vor und hinter den Zeichen steht etwas Raum
Tipp: (•) So setzt man Anführungszeichen (••) Bei größeren Schriftgraden (•••) Vor und hinter den Zeichen steht etwas Raum
Soll ein Printmedium den letzten Schliff erhalten und bleibt bei der Gestaltung noch Zeit übrig, bietet es sich an, im Text Ligaturen zu verwenden. Ligaturen („Verbünde“) sind die optische oder formale Verbindung von zwei oder drei Schriftzeichen zu einer Figur. Die gängigsten Ligaturen sind: ff fi fl ffi ffl

Sie haben gleich mehrere Funktionen. Eigentlich sollen sie vermeiden, dass sich Zeichen ungewollt berühren, indem sie diese Zeichen gewollt miteinander verbinden. Darüber hinaus ziehen sie Doppelkonsonanten zusammen, die als Lauteinheit auftreten; und sie können der Verzierung dienen. Die Verwendung von Ligaturen im Zeitungs- und Zeitschriftensatz wäre ein mühseliges Unternehmen und allein aus Zeitgründen gar nicht zu bewerkstelligen. Handelt es sich jedoch um hochwertige Bücher, Plakate oder Imagebroschüren, finden solche Elemente durchaus ihren Platz.

Fazit

So nicht: Neue Medien stehen nicht unbedingt für schlechte Typo: Der dritte Song auf dem Handy-Display heißt: Lose Yo… urself von Eminem und ist im Gegensatz zum Zitat im SPD-Mitgliedermagazin richtig gesetzt.
So nicht: Neue Medien stehen nicht unbedingt für schlechte Typo: Der dritte Song auf dem Handy-Display heißt: Lose Yo… urself von Eminem und ist im Gegensatz zum Zitat im SPD-Mitgliedermagazin richtig gesetzt.
Die Anwendung dieser sieben Grundregeln für korrektes typografisches Gestalten führt zu ausgewogenen Printmedien. Dem aufmerksamen Leser und Betrachter fallen schon nach kurzer Zeit die Kardinalsfehler schlecht gesetzter Medien auf. John Warnock hat mit seinem zu Beginn zitierten Ausspruch sicherlich Recht. Nicht nur, dass jeder gute Typografie liest, ohne es bewusst wahrzunehmen, oftmals sieht man nicht einmal typografische Fehler, geschweige denn, verbessert sie. Medienfachleute sollten diese Regeln jedoch beherrschen.

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