
Handystrahlung und Gesundheitsgefahren
Die meisten Menschen tragen ständig eines mit sich herum. In der Aktentasche, leger in der Hose oder in der Jackentasche. Das Handy ist zum ständigen Begleiter geworden. Manche haben Angst vor möglichen Gesundheitsgefahren der unsichtbaren Strahlung, die von den mobilen Telefonen ausgeht. Die Angst ist unberechtigt, meint die überwiegende Zahl der Wissenschaftler.
Von Martin Strang (17.05.2007)
Ein Fünftel der Deutschen sorgt sich nach einer aktuellen Umfrage des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) um mögliche Gesundheitsgefahren von Handys. Ein knappes Drittel (29 Prozent) macht sich zudem "ziemliche oder starke Sorgen" über Mobilfunk-Sendeanlagen in der Nähe der Wohnung. Bei schnurlosen Festnetz-Telefonen haben mit 14 Prozent etwas weniger Bedenken.
Die Deutschen stufen dabei den Mobilfunk nicht als die größte Gefahr ein. Die Liste möglicher Gefahren führt die Luftverschmutzung mit 62 Prozent an, gefolgt von der Sorge um Fleisch aus unbekannter Herkunft (55 Prozent).
Aber Medienberichte über neue Studien, die eine angebliche Gesundheitsgefahr von Handys belegen, sorgen regelmäßig für Aufsehen. Anfang 2007 titelte die Bild "Krebs-Angst". Selbst die Süddeutsche Zeitung vermeldete die scheinbar gesicherte Tatsache "Handy können Krebs auslösen". Beide Zeitungen führten eine finnische Studie der Forscherin Anna Lahkola an.
Die Studie fand keinen Zusammenhang zwischen Handy-Gebrauch und dem Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken. Ein erhöhtes Risiko ergab sich lediglich – statistisch betrachtet – wenn man die Kopfseite, auf der die Patienten erkrankt waren, in Zusammenhang betrachtete mit der Seite, an der sie ihr Handy gehalten hatten. Die Forscher hatten allerdings schon in der Studie auf ein grundsätzliches Problem hingewiesen: Die Aussage, an welche Kopfseite sie ihr Handy gehalten hatten, beruht allein auf Angaben der Patienten. Oft neigen Patienten aber dazu, unbewusst die Seite zu nennen, an der sie erkrankt sind.
Mit was für einer Strahlung hat man es bei Handys eigentlich zu tun? In den deutschen GSM-Netzen (Global Systems for Mobile Communications) arbeiten die Mobilfunkprovider mit Mikrowellen von 900 MHz (D-Netze) und 1.800 MHz (E-Netze). Im UMTS-Netz verwendet man Strahlen im Frequenzbereich zwischen 1.900 und 2.170 MHz. Auch schnurlose DECT-Telefone arbeiten mit Mikrowellen, die Frequenz liegt hier bei rund 1.900 MHz, die Sendeleistung ist hier im Vergleich zum Handy jedoch deutlich schwächer.
Wirken die Strahlen auf einen Menschen ein, der mit seinem Handy telefoniert, können sie Wassermoleküle zum Schwingen bringen und Wärme erzeugen. Das Prinzip nutzen wir bei der Mikrowelle, um Getränke oder Essen zu erhitzen. Telefoniert man längere Zeit, erwärmt sich die Haut direkt unter dem Handy tatsächlich um drei bis fünf Grad. Die meisten haben diese Erwärmung schon einmal gespürt, wenn sie über längere Zeit mobil telefoniert haben. Mit elektromagnetischer Strahlung hat diese Erwärmung jedoch nur teilweise zu tun.
Studien haben gezeigt, dass der Großteil der Erwärmung schlicht darauf zurückgeht, dass die Haut vom Handy verdeckt wird und keine Wärme mehr abgeben kann. Zudem erwärmt sich der Akku während des Telefonierens. Die elektromagnetische Strahlung selber verursacht nach Informationen des Bundesamtes für Strahlenschutz weniger als ein Grad Wärme. Negative gesundheitliche Folgen der Erwärmung, die mitunter als "Wollmützeneffekt" bezeichnet wird, sind nicht bekannt. Die Auswirkung auf das Körperinnere ist zudem minimal, innere Organe erwärmen sich durch eine solche Strahlung um weniger als 0,1 Grad.
Wie viel Energie der Strahlung ein Mensch aufnimmt, misst man mit Hilfe der spezifischen Absorptionsrate (SAR). In Deutschland hat die Strahlenschutzkommission einen Grenzwert von 2 Watt/Kilogramm Körpermasse empfohlen. Die meisten derzeit erhältlichen Handymodelle besitzen einen SAR-Wert von weniger als 1 Watt/Kilogramm. Welchen SAR-Wert das eigene Handy besitzt, erfährt man aus der Bedienungsanleitung. Für gängige Handymodelle führt das Bundesamt für Strahlenschutz eine eigene Liste, die zuletzt im Dezember 2006 aktualisiert wurde. Die spezifische Absorptionsrate gibt allerdings nur einen Anhaltspunkt, wie hoch die Strahlenbelastung bei einem bestimmten Handymodell ist.
Abgesehen von einer vergleichsweise geringen Erwärmung haben die Mikrowellen der Handystrahlung keinen direkten Effekt auf den menschlichen Körper. In der Wissenschaft gilt es als unwahrscheinlich, dass die elektromagnetische Strahlung chemische Bindungen innerhalb von Molekülen aufspalten und so das menschliche Erbgut schädigen könnte. Die Energie, welche von der Handy-Strahlung ausgeht, ist dafür zu gering.
Die Studie der finnischen Forscherin Lahkola hatte dies, abgesehen von der statistischen Besonderheit, wie viele andere Forschungsprojekte bestätigt. Die Medien dagegen greifen naturgemäß gerne die Studien auf, die selbst in Teilergebnissen eine gesundheitliche Gefährdung durch Handys nahe legen.
Eine solche Gefährdung unterstellte beispielsweise eine schwedische Forschergruppe rund um Lennart Hardell in einer Studie aus dem Jahr 2005. Hardell stellte eine statistische Häufigkeit einer speziellen Art eines Hirntumors bei langjährigen Nutzern fest, die seit mehr als zehn Jahren Handys nutzten. Dieses Ergebnis ist aber bislang von anderen Forschern nicht bestätigt worden.
Das grundsätzliche methodische Problem, auf das Lahkola hingewiesen hatte, zeigt sich auch bei der schwedischen Studie. Alle Angaben zum Handygebrauch werden von den Patienten angegeben. Auf welcher Seite sie überwiegend telefoniert haben, wie viele Stunden pro Wochen, welches Modell sie genutzt haben – all das wird säuberlich erhoben und in Tabellen eingetragen, die man statistisch auswertet. Aber wie zuverlässig sind die Daten, zumal man es mit Menschen zu tun hat, denen kurz vorher ein Hirntumor entfernt wurde?
Zweifel an der Aussagekraft der Daten sind hier angebracht. Selbst Hardell schreibt in seiner Studie, dass sich die Patienten an ihre benutzten Handymodelle meist nicht erinnern konnten. In einer Studie des deutschen Epidemiologen Schüz aus dem Jahr 2006 nennen die Studienteilnehmer sogar Netzwerkanbieter, die es zu den Zeiten, zu denen sie erstmals ein Handy benutzt haben wollten, noch gar nicht gab. Die Genauigkeit der Daten sei schwierig zu beurteilen, so Schüz in seiner Studie.
Dass bei dieser Art der Datenerhebung manche Studien zu vermeintlichen Beweisen einer Gesundheitsgefahr gelangen, verwundert nicht. Und gleichzeitig gibt es unzählige Studien, die sich mit der Strahlung von Handys und schnurlosen Telefonen befassen.
Die Studien von Schüz und der finnischen Forscherin Lahkola sind Teile des Interphone-Projektes der International Agency for Research on Cancer (IARC). In insgesamt 13 Ländern werden Forschungsstudien nach einem einheitlichen Protokoll durchgeführt, um die Ergebnisse zu vergleichen.
Das Fachblatt Deutsches Ärzteblatt kritisierte bereits die Interviewerhebung im Rahmen der Interphone-Studie. Die Zeitschrift wies daraufhin hin, dass Patienten beim dänischen Teil der Studie beim Gedächtnistest Schwächen zeigten. Die Interphone-Studie wird dank der großen Anzahl von Studienteilnehmern mögliche Gesundheitsgefahren deutlicher untersuchen können. Da die Telefoniergewohnheiten per Interview erhoben werden, sind Einzelergebnisse jedoch mit Vorsicht zu genießen.
Außen vor bleiben zudem die Langzeitnutzer, in der Interphone-Studie nur ein geringer Prozentsatz der Teilnehmer. Die Menschen, die ein Handy mehr als zehn Jahre regelmäßig nutzen, werden jedoch bald in der Mehrheit sein. Hier müssen zukünftige Studien ansetzen, um eine Langzeitschädigung auszuschließen.
Da es theoretisch das Risiko gibt, dass Handystrahlung über einen langen Zeitraum die Gesundheit schädigen könnte, vertritt das Bundesamt für Strahlenschutz die Haltung "sicher ist sicher". Die Behörde empfiehlt eine "Expositions-Minimierung": Verbraucher sollten ihr Handy so nutzen, dass die Strahlungsbelastung möglichst gering ist. Dazu hat das Bundesamt einige Tipps veröffentlicht. So sollte man, wenn möglich, auf ein Festnetztelefon zurückgreifen und die Gespräche über das Handy kurz halten. Bei schlechtem Empfang rät das Amt vom mobilen Telefonieren ab, da hier das Handy mit höherer Leistung senden muss. Autofahrer sollten daher grundsätzlich eine Außenantenne installieren, wenn sie aus dem Wagen heraus telefonieren. Ansonsten rät das Bundesamt, ein Headset zu verwenden, um den Abstand zwischen Kopf und Antenne zu vergrößern, und vermehrt SMS-Nachrichten zu versenden statt Handy-Telefonate zu führen.
Die überwiegende Mehrheit der Forscher konnte bislang keinen gesundheitsschädlichen Effekt von Handy-Strahlung feststellen. Diskutiert wird allerdings, ob mögliche Gesundheitsschädigungen erst nach einem längeren Zeitraum auftreten könnten. Diese Möglichkeit besteht theoretisch und kann erst durch zukünftige Studien ausgeschlossen werden, die das Gesundheitsrisiko von Langzeitnutzern untersuchen.
Sinnvoll ist daher die Empfehlung des Bundesamtes für Strahlenschutz, die Strahlungsbelastung vorsorglich gering zu halten. Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, wird mit Sicherheit die eine oder andere Sensationsmeldung in den Medien landen. Das liegt mitbegründet in der wissenschaftlichen Arbeitsweise. Da Forscher möglichst viele Publikationen vorweisen müssen, werden oftmals – wie beim aktuellen Interphone-Projekt – Teilergebnisse veröffentlicht. Dies steigert die Gefahr, dass Journalisten einzelne Ergebnisse aus dem Zusammenhang reißen und dramatisieren. Bis zum „Handy-Krebs“ ist es dann nicht mehr weit.
Empfehlungen des BfS zum Handy-Telefonieren
Tabelle mit SAR-Werten von erhältlichen Handys (Stand 12/2006)
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