Gestaltungs-Basics: Raster
Zu Beginn eines Layouts in ist die virtuelle Seite Papier meist weiß. Bevor man einen Rahmen aufzieht, Text oder ein Bild platziert, ist es sinnvoll, sich Gedanken über die Aufteilung der Seite(n) zu machen
Von Günter Schuler (05.09.2008)
Dazu sollte man grundsätzliche Fragen klären: Wie viele Spalten soll das Dokument haben? Wie groß soll der Abstand zwischen dem Text und dem Seitenrand ausfallen? Wie möchte ich meine Seite überhaupt aufteilen? Dafür gibt es die Möglichkeit, sich als Layouter und Layouterin selbst Orientierungspunkte zu setzen. Der Fachbegriff hierfür lautet Gestaltungsraster. Gestaltungsraster sind nichts weiter als Hilfsmittel: selbst aufgestellte Layoutregeln. Ihr Sinn besteht darin, die spätere Arbeit zu vereinfachen. Über die handwerkliche Komponente hinaus wirft die Frage der Seitenaufteilung jedoch einige grundsätzliche Fragen auf.
Gestaltungsraster haben nicht gerade das beste Image. Vor allem im Independent-, Pop- und Jugendkulturbereich erinnern Layout-Raster an etwas, von dem man sich stilistisch abgrenzen möchte: das Industriedesign der Sechziger und Siebziger. Das Abgrenzungsbedürfnis ist legitim, und auch die Assoziation ist nicht ganz falsch. Gestaltungsraster sind in der Tat ein Industrieprodukt. Entstanden sind sie mit dem modernen Grafik-Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die ersten Grafikdesigner, die rasterartige Aufteilungen bewusst in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten, waren Anhänger der funktionalistischen Designströmungen in den Zwanziger Jahren. Aufzuführen ist hier vor allem das Bauhaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die Konzepte der vormaligen Modernisierer recht schnell zum Mainstream der zeitgenössischen Gestaltung. Als Internationaler Stil, später auch als Schweizer Stil weiterentwickelt, standen sie einerseits für Zweckmässigkeit, in bestimmten Ausprägungen jedoch auch für funktionale Kühle. Bedeutende Vertreter waren der Schweizer Max Bill sowie der bekannte deutsche Industriedesigner Otl Aicher - letzterer bekannt auch durch seine Schrift Rotis. Der Schweizer Gestaltungsstil der Wirtschaftswunderära war zwar stark "rasterfixiert". Typografisch dominierten Neutralgrotesk-Schriften, viel Weißräume sowie eine reduzierte, rein auf Informationsvermittlung forcierte Gestaltungsweise.
Klarheit herrschen sollte über folgende Punkte:
1. Wen will ich mit meiner Publikation überhaupt erreichen?
2. Um welche Art von Publikation handelt es sich - ein Buch, eine Tageszeitung, ein Magazin? Oder möchte ich einen Flyer, eine Anzeigenkampagne oder einen Katalog produzieren?
3. Welche Struktur hat meine Publikation?
4. Wie ist das Verhältnis von Bildern und Text?
5. Wie sind die Texte aufgebaut? Sind sie kurz und in sich abgeschlossen oder lang?
6. Welche produktionstechnischen Möglichkeiten bestehen, also Anzahl der Druckfarben (4C-Druck, Schwarzweiß oder Sonderfarben) sowie die Hierarchiekette während der Projektierung. Frage hier: Welche Vorgaben existieren bereits?
Nahezu unabdingbares Gestaltungsmittel ist das Grundlinienraster. Es dient vor allem dazu, den Fließtext "auf Register" zu halten. Notwendig ist diese Registerhaltigkeit, damit der Text der Rückseite nicht versetzt durchschimmert - eine optisch äußerst störende Angelegenheit. Auch innerhalb einer Seite ist registerhaltender Fließtext angenehm zu lesen. Folgerichtig warten Layoutprogramme wie Xpress und Indesign mit weitreichenden Regulierungsmöglichkeiten für das Grundlinienraster auf. In der Regel sollte es identisch sein mit dem Zeilenabstand der Grundschrift; bei einigen Satzkonstellationen ist es allerdings nötig, das Intervall zu halbieren oder anderweitig zu teilen.
Ein weniger bekanntes Hilfsmittel für das Aufrastern von Seiten ist das Dokumentraster. Während Indesign, Illustrator und Photoshop diese Funktion enthalten (das Einstellen der Schrittintervalle erfolgt über die Voreinstellungen), müssen Xpress-Anwender bislang darauf verzichten. Dokumentraster hinterlegen Dokumente, Grafik- oder Bilddateien mit einem rechenheftähnlichen und in der Größe frei bestimmbaren Raster. In allen vier Programmen zurückgegriffen werden kann auf Hilfslinien. Sie lassen sich zum einen aus den Linealen oben und links im Dokument herausziehen und frei platzieren. Alternativ bieten einige Programme die Funktion, Hilfslinienraster über numerische Parameter zu erzeugen.
Wie sieht ein Seitenraster nun in der Praxis aus? Die meisten Anwender von Layoutprogrammen "rastern" ihre Muster- und Dokumentseiten mit zwei Hilfsmitteln: dem Satzspiegel (inklusive der dazu gehörenden Spalten und Stege) und zusätzlichen Hilfslinien. In vielen Fällen kommt man mit Rändern, Spalten und Hilfslinien gut über die Runden. Bei der Positionierung des Satzspiegels innerhalb der Seitenbegenzung reichen meist Erfahrungswerte. Bei einfach strukturierten Satzjobs wie zum Beispiel bei Büchern benötigt man kaum weitere Elemente. Allerdings gibt es eine wichtige Ausnahme: das Grundlinienraster.
Für die Grob-Aufteilung von Seiten - also das eigentliche Seitenraster - sind Hilfslinien in aller Regel das Hilfsmittel, das sich am einfachsten anwenden lässt. Welche Aufteilung Sie konkret vornehmen, hängt vom Typ der Drucksache, eventuell bestehende Vorgaben (CI-Schriften, bereits vorhandene Publikationen etcetera) sowie der Art des Drucks ab. Einen, grundsätzlich richtigen Weg gibt es hier nicht. Wichtig ist allerdings, dass sich Seitenaufteilung und Satzspiegel-Spalten nicht in die Quere kommen. Texte, die Bilder umfließen, gewinkelte Elemente und andere Gestaltungsmittel können, bewusst eingesetzt, ein Layout interessanter machen. Dabei gilt die Regel: Je komplexer das Layout, desto sorgfältiger sollte die Vorbereitung sein.
Es empfiehlt sich beim Anlegen feingliedriger Layouts, die benötigten Orientierungspunkte aufeinander abzustimmen. Ergeben Hilfslinien, Satzspiegel inklusive dazugehöriger Spalten und Stege, Grundlinienraster und Dokumentraster ein zusammenhangloses Tohawobu, ist es vielleicht an der Zeit, über ein effektiveres Raster nachzudenken. Da sich in professionellen Programmen Layoutbestandteile magnetisch an Rastern und Hilfslinien ausrichten lassen, erspart Genauigkeit in einem frühen Stadium später viel Arbeit. Eine Kernfrage dabei ist die der Seitenaufteilung. Für feingliedrigere Raster empfiehlt sich oft der Griff zum Taschenrechner. Dabei kann man das Dokument mit einem rechenheftartigen Feinraster unterteilen (die Dokumentraster in Indesign und Illustrator sind hierfür bestens geeignet). Vertikal kleinste Einheit ist der Intervallschritt des Grundlinienrasters. Horizontal nimmt man eine ähnliche Größe; sie muss nicht unbedingt identisch sein. Als nächstes gleicht man die Begrenzungen von Satzspiegel und Spalten an diese Intervalle an. Größere Rasteraufteilungen - also die eigentliche Seitengliederung - können dann anhand dieses Schemas vorgenommen werden: zwei mal zwei, drei mal drei, drei mal vier, oder was auch immer.
Die nächste Berechungseinheit für das Beispielraster ist das Grundlinienraster. Stimmt man es auf das Dokumentraster ab, erhält man ein echtes Präzisionsraster. Für die vorgesehene Grundschrift ist es sinnvoll, die Grobgliederung durch eine Sechsteilung weiter zu untergliedern. Indesign ermöglicht ein Aufgliedern des Dokumentrasters in Unterbereiche. Bei einer Zwölferrechteck-Höhe von 24,75 mm ergibt dies eine Schrittfolge von 4,125 mm - was ungefähr einem Zeilenabstand von 11 Punkt entspricht und im konkreten Fall für die Grundschrift passt. Überträgt man diesen Wert auf die Einstellung für das Grundlinienraster, ergibt dies ein identisches Intervall für Grundlinienraster und vertikales Dokumentraster.
Die Aufteilung in horizontaler Richtung erfolgt nicht ganz nach diesem Schema. Ein Teilwert von vier (satt sechs) ergibt allerdings einen Wert, der dem des Grundlinienrasters sehr nahe kommt: 4,375 mm. Da eine mittige Positionierung optisch ungünstig ist und die Stege auf dem Raster liegen sollen, ist der finale Satzspiegel um eine Einheit nach innen sowie nach unten und oben erweitert. Alle drei Feinkorrekturen sind optisch gesehen unproblematisch. Vorteil dabei ist jedoch, dass sämtliche Elemente auf dem Rechenraster positioniert sind. Die Erweiterung des Satzspiegels nach oben und unten erfolgt ebenfalls aus Aufteilungsründen: In den drei Spalten lassen sich so untereinander drei Bilder in DIN-Proportionen anordnen - inklusive zweier Leerzeilen dazwischen. Ergebnis ist ein Neuner-Raster, dessen Elemente - ebenso wie die Seite - auf den DIN-Proportionen basieren.Zugegeben - es muss nicht immer so viel Feinarbeit sein. Der Vorteil eines solchen Rasters ist, dass es "sicher" ist. Feinschliff ist auf einer solchen Basis immer noch drin - etwa zusätzlicher Platz für Bildunterschriften, eine Erweiterung der Stege um eine zusätzliche Einheit sowie andere Feinoptimierungen. Das Wichtigste ist jedoch, dass das abgebildete Layout zumindest für Editorial-Design funktioniert. Es ist stabil, bietet allerdings gleichzeitig die Grundlage für jede Menge Layout-Varianten.
Die folgenden Fachbegriffe sind beim Anlegen von Seitenlayouts wichtig
Anschnitt. Bedruckte Teile einer Seite, die über das Seitenformat hinausragen. Aufgrund minimaler Ungenauigkeiten beim abschließenden Beschnitt ist es üblich, angeschnittene Seitenelemente einige Milimeter (drei sind allgemein üblich) über den Seitenrand hinaus zu positionieren.
DIN-Formate. Genormte Standardformate für Papier. Allgemein gebräuchlich ist vor allem die A-Reihe; daneben gibt es noch drei weitere Reihen: B, C und D. Die Größen:
A1: 594 mm x 840 mm
A2: 420 mm x 594 mm
A3: 297 mm x 420 mm
A4: 210 mm x 297 mm
A5: 148 mm x 210 mm
A6: 105 mm x 148 mm
A7: 74 mm x 105 mm
Gestaltungsraster. Konstruktionsraster für die Aufteilung von Dokumentseiten. Die meisten Raster orientieren sich am konkreten Zweck sowie dem vorgegebenen Papierformat. Proportionstechnisch kommen neben klassischen Proportionsalgoritmen wie dem Goldenen Schnitt, den DIN- und Fotoformaten auch ungewöhnliche Lösungen zum Zug, wie zum Beispiel hoch- oder quergestellte Panoramaformate.
Goldener Schnitt. Klassisches Proportionsschema, dessen Umsetzung vor allem aus Werken der klassischen Malerei hergeleitet wird. Regel: Beim Goldenen Schnitt verhält sich die größere Strecke zur kleineren wie die Summe aus beiden zur größeren.
Kontrast. Farbkontraste sind beim Anlegen von Layouts ebenfalls wichtig. Beim Anlegen von Gestaltungsrastern ist vor allem der Spannungskontrast zwischen Text-, Bild- und Grafikelementen wichtig. Grundsätzlich hat die Anordnung der einzelnen Elemente Ähnlichkeiten mit den Bildaufteilungsregeln in der Fotografie. Zusätzlich zu berücksichtigen ist dabei die Rolle des typografischen Weißraums.
Marginalspalten. Spalten, die - vom Haupttext abgetrennt - an den äußeren Rändern von Seiten mitlaufen. Marginalspalten eignen sich gut als Container für Elemente, die sonst schlecht unterzubringen wären, für das Generieren von typografischem Weißraum und allgemein zur Auflockerung.
Registerhaltigkeit: Ausrichtung der Grundschrift und eventuell weiterer Textelelemente an einem gemeinsamen vertikalen Zeilenfall. Klassischer Verwendungszweck ist das Verhindern von Zeilen, die auf der Rückseite versetzt durchscheinen. Umgesetzt wird Registerhaltigkeit vor allem mit dem Grundlinienraster. Als Ordnungsschema ist es auch innerhalb einer Seite von Nutzen - insbesondere bei komplexeren Layouts.
Satzspiegel. Nutzfläche eines Layouts. Im Satzspiegel enthalten sind zum einen die Spalten, zum zweiten die Stege zwischen den Spalten. Auch Marginalspalten werden gemeinhin dem Satzspiegel-Bereich zugerechnet.
Steg(e). Raum zwischen den einzelnen Spalten. Im Buchsatz wurde als Steg früher der unbedruckte Bereich hin zum Bund bezeichnet. Indesign teilt Dokumentseiten stringent in Ränder und Spalten. Spalten plus Stege ergeben hier den Satzspiegel.
Typografischer Weißraum. Weiß, unbedruckte Flächen sind als optische Ruhepunkte ein wichtiges Element in Seitenlayouts. Ein wichtiger Weißraum sind die Seitenränder außerhalb des Satzspiegels. Wie viel Weißraum sonst freigelassen wird, ist Erwägungssache. Publikationen, die auf ein mondänes Image Wert legen, gehen damit eher großzügig um. Da unbedruckter Weißraum auch ein ökonomischer Faktor ist, wird er dort gern eingespart, wo man keine Information zu verschenken hat. Ein weiterer Weißraum-Faktor ist der mikrotypografische Weißraum, der jedoch eher dem Bereich der Typografie und Schriftgestaltung zuzuordnen ist.
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