Was wir an Apples Handy wirklich vermissen
Was für ein Start: In drei Tagen lieferte Apple eine Million iPhones in die Handelskanäle und dennoch gilt das Smartphone vielerorts als ausverkauft. Aber muss man jeden Hype mitmachen? Es gibt Gründe dagegen. Wirklich gute Gründe.
Von Peter Müller (17.07.2008)
Das iPhone 3G ist seit bald einer Woche im Handel, Apple hat nach eigenen Angaben bereits eine Million iPhone 3G verkauft, was Analysten jedoch anzweifeln. Wir haben das iPhone 3G bereits ausführlich getestet und auch die GPS-Funktion für gut befunden. Nicht nur an letzterer scheiden sich jedoch die Geister, eine echte Navigation mit Richtungsangabe bietet das iPhone 3G nicht. Apple hat zwar nicht ausgeschlossen, dass eine GPS-Anwendung noch kommen könnte, doch auch andere Funktionen wie MMS, Copy-and-paste, Bluetooth A2DP oder Spracheingabe fehlen manchen Kritikern. Alles Humbug, entweder sind die angeblich fehlenden Features vom Provider unerwünscht (Instant Messaging), noch in Arbeit (GPS), nicht wichtig genug für diese Revision (Copy-and-paste) oder technisch unsinnig. Denn eine Kamera mit höherer Auflösung macht keine besseren Bilder, solange dem CCD keine vernünftige Optik vorangestellt ist. Und ein iPhone mit einem professionellen Objektiv passt in keine Hosentasche mehr. Wir haben jedoch zehn Gründe gefunden, warum uns das iPhone dennoch nicht gefällt. Zugegeben, diese Sammlung ist ein wenig subjektiv.
Mit Vertrag kostet das iPhone 3G mit 8 GB Kapazität weltweit nicht mehr als 199 US-Dollar, hat Steve Jobs im Juni noch getönt. Die Aussage ist nicht grundverkehrt, aber dennoch falsch, in einigen Ländern wie Japan oder Schweden kommt das iPhone 3G teurer. Bei seinen Berechnungen muss der Apple-CEO wohl auch einen Dollarkurs von 2001 zu Grunde gelegt haben, das in der Anschaffung teuerste T-Mobile-iPhone mit dem Tarif Complete S kostet umgerechnet heute 270 US-Dollar, Tendenz weiter steigend. Nun darf man den billigsten Tarif nicht als Maßstab heranziehen, da er weder SMS noch eine Datenflatrate bietet. Sehen wir uns mal den Tarif Complete M an, mit diesem kostet das iPhone 3G 8GB 60 Euro oder 95 US-Dollar. Das klingt erst einmal nach einem guten Angebot. Umgerechnet in eine Währung, die ich verstehe, wären das etwa fünf Kästen König Ludwig Weißbier. Auf die nach und nach zu verzichten hätte auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Aber jetzt kommt’s: T-Mobile will für Complete M jeden Monat 50 Euro überwiesen bekommen. Meine bisherige Handy-Rechnung reicht selten bis nie an die 25-Euro-Grenze heran. Und jeden Monat auf zwei weitere Kästen Weißbier zusätzlich zu den insgesamt fünfen für die Anschaffung zu verzichten, hieße fast gar nichts mehr zu trinken. Gut, der Gesundheit käme das zupass, aber das iBeer will und will einfach nicht schmecken.
Mit der vielgelobten Exchange-Unterstützung und VPN-Fähigkeiten will sich das iPhone im Unternehmensumfeld positionieren. Dabei ignoriert Apple aber den großen Teil der Unternehmenswelt, der auf Lotus Notes setzt. Kann sein, dass IBM seit dem Intel-Switch Apples nicht mehr so gut auf Cupertino zu sprechen ist, im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass ich eben nicht mit einem passenden Client auf geschäftliche Mails, Termine und Kontakte zurückgreifen kann. Von einem kommenden Lotus-Notes-Client hat man schon so lange nichts mehr gehört, dass man das Guns’n-Roses-Album "Chinese Democracy" schon für wahrscheinlicher hält. Und wenn die für die Arbeit benötigten Applikationen per Citrix bereit gestellt sind, hilft auch die schönste VPN-Unterstützung nichts. Lotus Notes und Citrix sind ja nun auch… (ab hier werden die handschriftlichen Notizen unseres Kollegen leider unlesbar, Anm. des Setzers)
"Who needs a Stylus?" fragte Steve Jobs rhetorisch in die Runde, als er das Bedienkonzept des iPhone im Januar 2007 auf der Macworld Expo erstmals der Öffentlichkeit vorführte. Da will ich nun mal den Finger heben. So elegant und sinnvoll das Zehn-Finger-Getatsche auch ist, es hat seine Grenzen. Mit einem Eingabestift könnte man auf der virtuellen Tastatur flotter und mit weniger Fehler tippen. Sicher, Stifte als Zubehör bieten zahlreiche Smartphone-Hersteller an. Aber wohin damit, wenn das iPhone keinen Einschub bietet? Kommen wir ohne Umschweife zum nächsten Punkt.
Rasch hingeworfene handschriftliche Notizen kann ich auch Tage danach noch entziffern, außer wenn ich bei der Niederschrift unter Zeitdruck stand oder hochgradig genervt war. Aber in das iPhone muss man alles eintippen, ohne Stift. Geschmierte Notizen konnten Palm-PDAs schon vor gut zehn Jahren als Grafik abspeichern, Apples legendärer Newton hatte eine halbwegs brauchbare Handschriftenerkennung an Bord. Eine Technologie zur Identifizierung von Gekrakel und sauberer Schrift ist unter dem Namen Inkwell seit 2002 Bestandteil des Mac-OS X. Aber die setzen auch Besitzer von Grafikboards wohl so selten ein, dass Apple sie nicht ins iPhone integrierte. Oder auch nur, damit Steve Jobs über die Konkurrenz tönen kann: "Who needs a Stylus?"
Dass man Musik nicht über Bluetooth auf passende Kopfhörer spielen kann, weil das dafür notwendige Protokoll fehlt, hatten ja auch schon andere bemängelt. Noch mehr wurmt jedoch, dass es keine Bluetooth-Tastatur für das iPhone gibt. Wie gesagt: Das Getippe auf der virtuellen Tastatur mag für kurze Nachrichten noch angehen, aber komfortabler wäre eine externe Tastatur allemal. Der Markt bietet wirklich schöne faltbare Bluetooth-Tastaturen. Damit könnte man auf dem iPhone ganze Romane schreiben oder wenigstens den Wordpress-Client für das iPhone ausgiebig nutzen. Geht nicht. Gibt’s nicht.
Wenn schon keine Tastatur per Bluetooth an das iPhone koppelt, könnte das doch wenigstens mit einem Macbook geschehen. Aber nein, das iPhone dient nicht als Modem für unterwegs. "Wozu auch?", mag man bei Apple gedacht haben, "das iPhone ist doch schon für sich die ultimative mobile Plattform." Immerhin, für einmalig 30 Euro Aufpreis bietet T-Mobile eine zweite SIM-Karte an. Noch einen UMTS-Stick dazugekauft, schon können iPhone-Besitzer unterwegs mit ihrem Macbook ins Netz gehen. Hätte man auch einfacher machen können.
Hast du schon ein iPhone? Wann kaufst du dir eines? Wann kommt das Modell mit 32 GB? Als Apple-Anwender war man jahrelang gewohnt dass einen die Leute wahlweise mitleidig belächelten oder - was häufiger vorkam - einen als saucoolen Hund und Nonkonformisten bewunderten. Jetzt werde ich ständig mit Fragen bombardiert und gelte als uncool, weil mich bis dato sechs Gründe vom Kauf eines iPhone abgehalten haben. Das ist der siebente Grund, warum mich das iPhone nervt.
Alle Welt hat ein iPhone, nur ich nicht. Und wenn ich nun, um meinen Coolnessfaktor wieder zu erhöhen, in den nächsten T-Punkt pilgere, die bisher sechs Hinderungsgründe in den Wind schieße, einen neuen Zweijahresvertrag unterschreibe, meinen bisherigen Handyvertrag teuer ablöse, was bekomme ich dann? Richtig, ein Telefon, das schon alle haben und mir nicht mal mehr einer klauen würde. Individuell lassen sich allenfalls Bildschirmhintergrund und Klingelton gestalten (Ich bevorzuge ja Pink Floyd: Time. Richtig, das Weckergerassel …). Könnte man nicht wenigstens die hintere Plastikschale austauschen? Zu Zeiten meines Nokia 3210 gab es so wahnsinnig viele hässliche Schalendesigns, dass die schon wieder schön waren. Wäre die Schale tauschbar, käme man auch leichter an den Akku ran. Denn so ein iPhone möchte man schon über die Vertragslaufzeit hinaus nutzen, wenn die Batterie aber nach drei bis vier Jahren schlapp macht, kommt der Austausch in jedem Fall teuer.
So richtig komplett wird das iPhone 3G erst mit Apples Webdienst Mobile Me. Von überall auf seine Adressen, Termine, Mails und Bilder zugreifen, und dabei auf jedem Rechner und dem iPhone den gleichen Datenstand zu haben, ist eine schöne Sache. Der Haken: Der Service hat seinen Preis. 79 Euro für 12 Monate, respektive für 12 Monate und 30 Tage, wenn man Apples Kulanz nach den Startschwierigkeiten von Mobile Me mit in Betracht zieht. In Weißbier will ich das gar nicht erst umrechnen.
Kaum ein Handy legte einen derart beachteten Start hin. Der App Store hält 800 Programme vor, fast überall gilt das iPhone als ausverkauft. So schlecht kann das iPhone 3G also nicht sein, es sind ja wohl kaum so viele Irre unterwegs. Und dennoch führen Nörgler echte oder vermeintliche Nachteile an, von fehlenden MMS-Funktionen über GPS-Schwächen bis hin zu diesem Grund: Mich nervt, zehn Gründe finden zu müssen, warum das iPhone nervt. So. Und jetzt vergessen Sie alles, was Sie in diesem Artikel gelesen haben und tun mir es gleich: Gehen Sie zum T-Punkt (oder zu Gravis oder zum Saturnmediamarkt). Begeben Sie sich direkt dort hin. Gehen Sie nicht über Los. Geben Sie etwas mehr als 1.000 Euro über 24 Monate aus. Kaufen Sie … (der Rest der handschriftlichen Notizen ist leider unlesbar. Den wirr "iPhone. Muss. Es. Haben." vor sich hin stammelnden Kollegen konnten wir auch nicht mehr befragen, als ihn zwei weiß gekleidete Herren aus dem Büro heraus trugen. Anm. des Setzers)
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