
5 Tage Mac-Programmierung im Kloster Eberbach
Big Nerd Ranch Europe bietet unter anderem Schulungen für Mac-Programmierer an. Anfang August zum Beispiel zum Thema "Cocoa", Apples zentrale Softwarebibliothek. Veranstaltungsort ist Kloster Eberbach bei Wiesbaden.
Von Walter Mehl (28.08.2007)
Wer Software für den Mac entwickeln will, wird auf den Namen "Cocoa" stoßen. Seit 1999 fasst Apple unter diesem Namen eine große Sammlung vorgefertigter Software zusammen, mit der sich Fenster auf den Bildschirm bringen lassen, Dateien lesen und speichern, aber auch ganze HTML-Dateien lesen und darstellen lassen.
Für Programmierer ist Cocoa ungewohnt. Es basiert zwar auf der weit verbreiteten Programmiersprache C, geht aber bei der Verwaltung des Arbeitsspeichers und ganz generell bei der Objektorientierung andere Wege als Java oder andere moderne Sprachen. Denn Cocoa ist in Objective-C geschrieben, einer objektorientierten Erweiterung von C, die von den Informatikern bei Steve Jobs' Firma Next entwickelt wurde.
Deshalb hat ein Lehrer, der anderen Cocoa nahe bringen will, eigentlich zwei Aufgaben: Er muss Objective-C kennen und vermitteln, um danach die Konzepte von Cocoa in der Praxis anwendbar zu machen.
Seit sieben Jahren bietet Aaron Hillegass Schulungen zu Cocoa an, seine Firma Big Nerd Ranch hat mittlerweile einen Ableger in Europa beziehungsweise mitten in Deutschland: Stefanie Höfling veranstaltet in Kloster Eberbach in der Nähe von Wiesbaden die Kurse unter dem Namen "Big Nerd Ranch Europe" - Inhalte und vor allem Vortragende sind aber die selben wie bei den Kursen in den USA. Der Preis für ein 5-Tage-Seminar liegt bei rund 3300 Euro, inbegriffen sind unter anderem Übernachung und Vollpension, alle Schulungsunterlagen und Zugang zu einer geschlossenen Diskussionsgruppe im Internet, die nach dem Kurs für Fragen zur Verfügung steht.
Der Ablauf aller Kurse ist gleich und fix: Frühstück bis 9.00 Uhr, Mittagessen um 12.30 Uhr und Abendessen um 18.30 Uhr. Am Nachmittag um 14.30 Uhr noch ein halbstündiger Spaziergang. Der Rest des Tages wird in Abschnitte von 20 bis maximal 40 Minuten eingeteilt, in der der Lehrer ein Thema erklärt und anschließend den Studenten Zeit gibt, das soeben Gesagte selbst zu einem lauffähigen Programm zusammenzutippen.
Wer von außen auf das Seminar blickt, sieht deshalb häufig eine Gruppe von maximal 18 Menschen, die etwas in die Tastatur ihres Rechners tippen. Manchmal tippen sie auch einfach nur ab, was in einem dicken Buch neben dem Rechner steht. Der Vergleich mit mittelalterlichen Schreibstuben in den Klöstern drängt sich auf. Anders als damals wird man heute von Hillegass und seinen Kollegen angehalten, Fragen zu stellen. In den ersten Tagen des Cocoa-Bootcamp (Englisch: „bootcamp“ = „Zeltlager“) führt das fast immer zu Sätzen wie „Aaron, kannst Du mal kommen, mein Programm ist abgestürzt“ oder „Das Fenster ist komplett leer. Was habe ich falsch gemacht?“.Spätestens am dritten Tag aber hört man eher die Mac-typischen Fragen: „Aaron, der Befehl 'Kopieren' sollte aber deaktiviert sein, damit man in diesem Spiel nicht schummeln kann. Wie kann ich ihn speziell für dieses Textfeld abschalten?“ Und die Software, die aus den kurzen Puzzlestücken zusammengesetzt wird, zeichnet zum Beispiel Vektorlinien in Fenster und lädt anschließend ein Bild von der Festplatte und blendet es halbtransparent über dem Vektorbild ein.
Wichtig bei alle dem ist die Ruhe, die in den Seminarräumen des Klosters herrscht - jene Ruhe, die Hillegass für die Kurse haben will.
„Wir schaffen die Voraussetzungen für sehr intensives Arbeiten in den Kursen. Die Teilnehmer sollen sich in dieser Woche ganz Apples Softwarebibliothek Cocoa hingeben können. Keine Ablenkung, sondern Konzentration auf das Wesentliche - so wie die Mönche früher im Kloster. Deshalb passt dieser Ort ideal“, sagt Stefanie Höfling, die Verantwortliche für die Schulungen der Big Nerd Ranch in Europa. Gesprochen wird in den Kursen ausschließlich Englisch, was auch in Europa hilfreich ist, da die Teilnehmer aus allen europäischen Ländern in das Kloster kommen und mitunter sogar aus Nachbarländern oder aus Afrika.
Basis für das Cocoa-Bootcamp ist ein Buch, das Aaron Hillegass selbst geschrieben hat: „Cocoa Programming for Mac OS X“ (2. Auflage, Addison Wesley, ISBN 0-321-21314-9) und es spricht für die Qualität der Beispiele, dass die meisten Studenten sie in der kurzen Zeit nachvollziehen und zu einem größeren Ganzen zusammensetzen können. Basis für das Buch ist die nicht aktuelle Version 10.3 von Mac-OS X, während der Kurse zeigt Hillegass aber, welche neuen Funktionen (wie Spotlight) Mac-Programmierer kennen müssen, ob ihre Software für die aktuelle Ausgabe des Betriebssystems zu optimieren. Wahrscheinlich Anfang 2008 erscheint die 3. Auflage, die die Besonderheiten von Mac-OS X 10.5 berücksichtigen soll – jenes Betriebssystem, das Apple im Oktober 2007 in den Handel bringen will.
Da Hillegass davon ausgeht, dass die meisten seiner Studenten bereits Programmierkenntnisse haben, wird wenig Zeit auf den grundsätzlichen Ablauf einer Software und deren internen Kontrollstrukturen verschwendet. Das hat auf der anderen Seite zur Folge, dass fast alle Teilnehmer am Ende der Woche über einen reichlich gefüllten Kopf klagen. Nicht nur voll mit Beschreibungen über Texteingabefelder, Rechtschreibkontrolle und die Zwischenablage, sondern auch mit Ideen für die nächste Software, die auf ihrem Mac entstehen soll.
Aaron Hillegass und seine Kollegen bieten Intensivkurse rund um die Software-Entwicklung an. Außer zu Cocoa unter anderem über OpenGL, Python, Ruby on Rails und zur Datenbank PostgreSQL. Dem Vernehmen nach nimmt selbst mittlerweile Apple in den USA die Dienste der Big Nerd Ranch in Anspruch.
Weitere Informationen über
Veranstaltungsplan (USA und Europa)
Die nächsten Kurse sind:
- 10. bis 14. September Open GL Bootcamp mit Rocco Bowling, dem Entwickler der Software Big Bang Board Games.
- 8. bis 12. Oktober Ruby on Rails Bootcamp
- 12. bis 16. November Perl Bootcamp
- 14. bis 18. Januar 2008 Postgre SQL Bootcamp
- 4. bis 8. Februar 2008 Cooca Bootcamp
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