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1:3 - Knockout für den neuen Mac Pro

05.02.2014 | 11:13 Uhr |

Man könnte meinen, Apple-Profis hätten nur auf den neuen Mac Pro gewartet. Tatsächlich kann er erstmal nur in einer Disziplin überzeugen.

Trotz guter Leistungswerte schafft es der neue Mac Pro in den Bestenlisten der Redaktion nur auf Platz 6 bei den Desktop Macs. Der hohe Preis, die magere Ausstattung und ein insgesamt nur ausreichendes Ergebnis bei Verbrauch und Ergonomiewerten können weder den aktuellen iMac noch den Mac Mini von ihren Plätzen an der Spitze der Bestenlisten stoßen.

So weit die Bestandsaufnahme im Macwelt-Testcenter. Um die Praxistauglichkeit des Mac Pro richtig einzuordnen, haben wir zum Reality-Check in professionellen Einsatzbereichen wie Grafikdesign, Publishing, Audio oder Video überzeugte Mac-Anwender befragt. Und hier muss der neue Rechner noch Überzeugungsarbeit leisten: Nur ein "Ja", aber drei klare "Nein" und zwei "Vielleicht" sind die Bilanz unserer aktuellen Momentaufnahme.

Eingespielte Workflows, mobile Arbeitsumgebungen

Hans-Christian Anger
Vergrößern Hans-Christian Anger

Wo viele Komponenten ineinandergreifen hat die alte Weisheit "Never change a running System" immer noch ihre Berechtigung. Und so ist für Hans-Christian Anger, Leiter Druckvorstufe in der Harzdruckerei Wernigerode ein Umstieg keine Perspektive: "Meiner Meinung nach ist die Leistung des (alten) Mac Pro bei ausreichender Bestückung mit RAM (bei mir 16 GB) für die Bildbearbeitung und das Layout völlig ausreichend. Die Möglichkeit der Erweiterung durch interne Steckplätze gefällt mir besser (kein unnötiges Kabelgewirr, keine zusätzlichen Stromanschlüsse." Publishing- und Prepress-Software fordert die Rechner heute nicht mehr so, dass die acht Rechenkerne und die zwei Grafikkarten ihre Stärken zeigen können, selbst beim Photoshop-Benchmark liegt der Mac Pro gleich auf mit dem iMac Core i7 und 2,3 GHz. Und so lautet das Fazit aus der Harzdruckerei: "Ich erwarte vom neuen Mac Pro keine erhebliche Leistungssteigerung in meinem Aufgabenfeld."

Claus Wiencke
Vergrößern Claus Wiencke

Ein ähnliches Urteil fällt auch Claus Wiencke, der in seinem eigenen Tonstudio Wondersound Musikproduktionen, Live-Aufnahmen oder Nachbearbeitungen stemmt. Schon allein um mobil zu bleiben, sieht Wiencke aktuell keine Alternative zu seiner Kombination aus Macbook Pro und 27-Zoll-iMac: "Die Rechenleistung meiner Macs reicht für mich völlig aus. Ich habe schon Projekte mit 48 Spuren bearbeitet ohne Probleme. Für mein kleines Studio reicht der iMac 27 Zoll. Ich bin für Musikaufnahmen oft mobil unterwegs und mache nebenbei oft noch Lichttechnik und Beschallung. Da bin ich mit einem Macbook Pro besser bedient weil es am Set schneller aufgebaut und installiert werden kann." Für Wiencke ist besonders wichtig, dass die eingesetzte Hardware gut auf Rechner und Betriebssystem abgestimmt ist. Schon der Umstieg auf Mavericks hat dem kleinen Tonstudio ordentlich Stress gemacht: "Die Hardware-Lieferanten für Soundinterfaces sind nicht auf das neue OS von Apple vorbereitet (an wem auch immer das liegt, Apple selbst oder den Produzenten). OS X 10.9 ist jetzt schon ein Vierteljahr verfügbar und die HW-Hersteller liefern einfach keine Updates für die bei ihnen gekauften Produkte. Nachfragen werden arrogant abgetan." Ein weiterer Umstieg ist für Wiencke daher erstmal keine Option."

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Macwelt 3/2014 - Professionell arbeiten am Mac. Die kompletten Statements der von uns befragten Anwender und den ausführlichen Testbericht zum Mac Pro von Christian Möller l esen Sie in der neuen Macwelt , die seit 4. Februar auch am Kiosk zu haben ist. Weitere Schwerpunkte des Titelthemas:

Immer an sechs Rechnern im Einsatz

Martin Schneider-Lau
Vergrößern Martin Schneider-Lau

Ganz anders stellt sich die Situation für den Regisseur, Kameramann und Videoschnittspezialisten Martin Schneider-Lau von AVM Moving Pictures dar. An seinem Arbeitsplatz steht noch der alte Mac Pro mit acht Rechenkernen, der Nachfolger wird sehnsüchtig erwartet. "Warte schon ungeduldig!!! Hätte ihn am liebsten heute schon. Momentan bin ich immer noch schneller als jeder Computer, sodass ich an mehreren Rechnern gleichzeitig arbeiten muss, da einer immer noch rendert und nicht mit der Arbeit ganz fertig ist. Alles geht immer noch schneller und dann natürlich in 4K." Damit decken sich die Anforderungen von Schneider-Lau genau mit den Stärken des neuen Mac Pro: In unserem Test stellt er 16 Videostreams in 4K-Auflösung gleichzeitig dar, die Rechenzeiten in After Effects und Final Cut Pro beweisen eindrucksvoll: Für wen 4K kein Hype, sondern Arbeitsalltag ist, der profitiert auf ideale Weise vom neuen Mac Pro.

Arbeitsplatz von Andreas Zerr
Vergrößern Arbeitsplatz von Andreas Zerr

Noch etwas zögerlich ist Andreas Zerr , ebenfalls Profi in Sachen Videoschnitt, Cutter und Motiondesigner. Ihm macht vor allem die Peripherie-Frage zu schaffen: "Die Umstellung der Hardware auf externe Geräte über Thunderbolt ist notwendig. Was wir bis jetzt über PCIe und Firewire gemacht haben, müsste auf Thunderbolt umgestellt werden. Grafik- und Systemleistung sollten einen deutlichen Sprung nach oben machen! Momentan arbeitet mein mittlerweile vier Jahre altes System zwar zuverlässig (auch durch die Unterstützung von CUDA über eine FX4800 Nvidia Grafikkarte), könnte aber durchaus schneller werden." Argument Nummer zwei, sich den Umstieg gründlich zu überlegen sind die Kosten: Kein Wunder, das von uns getestete System kostet schon ohne jede Peripherie 6800 Euro, bei Zerr addieren sich noch weitere Komponenten: "Der hohe Preis ist schon abschreckend. Obwohl wir viel Geld für unsere Hard- und Software ausgeben, würde uns ein Umstieg auf den neuen Mac Pro mit entsprechender Peripherie (BMD Ultrastudio 3D über Thunderbold) in der entsprechend potenten Ausführung rund 10 000 Euro kosten!"

Nah am Kunden - und der ist noch nicht am Mac Pro

Ein ebenfalls klares Nein - zumindest für den Januar 2014 stammt auch von Andreas Asanger, Autor und Dozent, Medienentwickler und Spezialist für 3D-Animation. Weder in der Kreation noch beim Lehren sieht er einen Platz für den Mac Pro: "Für das Rendering einer rechenintensiven Auftragsarbeit würde ich eher auf eine auf solche Aufgaben spezialisierte Renderfarm zurückgreifen." Außerdem stört er sich daran, dass momentan weder die Grafikkarten noch die CPU vom Anwender gewechselt werden können. "High-End-Anwendern wird nicht schmecken, dass Apple derzeit keine Alternative zu den AMD-GPUs anbietet und auch nur eine CPU konfigurierbar ist. Ein unglücklicher Kompromiss, wenn dies dem Gehäusedesign geschuldet wäre. Wer den neuen Mac Pro in ein Render-Netzwerk einbinden möchte, zahlt zwangsläufig für 2 GPUs, die er nicht braucht." So weit der Kreative. Doch auch der Dozent Andreas Asanger wird wohl noch eine Weile ohne Mac Pro bleiben: "So seltsam das klingt, aber ich verwende performanceseitig für meine Arbeit eher durchschnittliches Equipment. Warum? Weil ich den gemeinsamen Nenner mit den Lesern meiner Bücher, Workshops und Tutorials brauche. Es wäre ein Riesenproblem, wenn ein Leser meinen Ausführungen nicht folgen könnte, weil sein Rechner nicht mitmacht."

Andreas Asanger
Vergrößern Andreas Asanger

Sensationelles Design und flüsterleiser Betrieb vs spartanische Ausstattung und Leistung

Ein unentschiedenes "Ja und Nein" ringt sich Nikolaus Netzer, Dozent und Inhaber eines Designbüros ab. Der Designer mit einem klaren Fokus auf Foto, Bildbearbeitung, Grafik und Layout steht eigentlich für den klassischen Mac-Profi, doch Apple macht ihm die Entscheidung schwer: "Für den neuen Mac Pro spricht neben dem sensationellen Design, dem flüsterleisen Betrieb und den vorbildlichen Verbrauchswerten die vorhandenen Leistungsreserven für Profis sowie der konsequente Einsatz zukunftsweisender Technologien."

Rechner von Nikolaus Netzer
Vergrößern Rechner von Nikolaus Netzer

Netzer sieht jedoch klar, wo der Mac Pro seine Stärken ausspielt, und das ist nicht im eigenen Designstudio: "Durch die verbesserte Kommunikation zwischen den Komponenten und spezieller Anpassung der Software profitiert Videoschnitt mit Finalcut Pro X momentan am meisten. Für den Satz- und Layout-Arbeitsplatz ist die kleinste Ausstattung die sinnvollste, denn die Taktfrequenz ist mit 3,7 GHz die höchste aller Kombinationen. Hier profitieren besonders Anwender, deren Softwareausstattung hauptsächlich einen Prozessorkern belastet." Nicht nur die "spartanische interne Ausstattung" lässt Netzer zögern, sondern auch das Handeling von Massenspeichern: "Momentan sind maximal ein Terabyte Speicher möglich. Profis müssen ganz auf externe Laufwerke setzen. Damit stehen die Vorzüge der geringen Lärmentwicklung und des geringen Stromverbrauchs nicht mehr so stark im Vordergrund."

Arbeitsplatz von Nikolaus Netzer
Vergrößern Arbeitsplatz von Nikolaus Netzer

Auch für Nikolaus Netzer ist das Preis-Leistungsverhältnis noch kein Kaufargument: "Der bekannte Prozessor-Benchmark Geekbench kommt bei einem 12-Kerner aus 2010 auf 27398 Punkte. Der Mac Pro von 2013 immerhin auf 32912 Punkte, was einem Zuwachs reiner Rechenleistung von etwa 20 Prozent entspricht - zu einem stolzen Preis von knapp 8000 Euro."

Wir sind gespannt, ob der neue Mac Pro tatsächlich erstmal nur bei Spezialisten für Videoschnitt und Special Effects Einzug hält. Was ist Ihre Meinung ?

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