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AOL/Time Warner-Fusion auf dem Prüfstand

20.06.2000 | 00:00 Uhr |

Die EU-Kommission hat wegen des Internetgeschäfts
schwere Bedenken beim Zusammengehen des weltgrößten Onlinedienstes
American Online (AOL) und des US-Mediengiganten Time Warner. Deshalb
werde der geplante Zusammenschluss vertieft in Brüssel geprüft,
teilte die EU-Kommission am Montag in Brüssel nach einer rund
sechswöchigen Standarduntersuchung mit.

Die Kommission untersucht in ihrer bis zu vier Monate dauernden
Untersuchung der "Phase zwei" auch die Beziehungen zwischen AOL und
der deutschen Bertelsmann-Gruppe.

AOL, die führende Internetgesellschaft in den USA, hätte mit der
Fusion Zugang zu einem gigantischen Musikrepertoire. AOL könnte nach
Ansicht der Kommission möglicherweise technische Standards für die
Musikübertragung über das Internet diktieren. Auch drohe ein Monopol
bei der entsprechenden Software. Bedenken hat die Kommission auch bei
kostenpflichtigen Internetdiensten wie beispielsweise Filmen oder
Finanzinformationen.

Die Kommission wies darauf hin, AOL habe eine Verteilungs- und
Verkaufsvereinbarung mit dem deutschen Medienkonzern Bertelsmann
getroffen. AOL habe zwar «gewisse Konzessionen» angeboten, wonach die
Bande zu Bertelsmann gelockert werden könnten. Diese Angebote seien
aber unzureichend, berichtete die Kommission.

Bertelsmann hatte im März angekündigt, seine Beteiligung an dem
50:50 Gemeinschaftsunternehmen AOL Europe an AOL Inc. zu verkaufen.
Beide Unternehmen vereinbarten aber, dass Bertelsmann «bevorzugter
Anbieter von Medieninhalten und elektronischem Handel» für die
derzeit weltweit 23 Millionen Nutzer von AOL wird.

AOL will Time Warner im Zuge eines Aktientausches für 184
Milliarden Dollar (384 Mrd DM) übernehmen. Die neue AOL Time Warner
Inc. soll gut 30 Milliarden Dollar im Jahr umsetzen. Die Verbindung
des Zeitungs- und Fernsehgeschäfts mit dem Online-Business könnte
laut Branchenkennern die gesamte Medienbranche umwälzen. Erst in der
vergangenen Woche hatte Brüssel mitgeteilt, die Fusion des Londoner
Musikkonzerns EMI mit Time Warner ebenfalls streng zu prüfen.

dpa

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