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Adblocker, Tracker und die Gegenmaßnahmen

03.11.2015 | 09:48 Uhr |

Die Adblocker-Sperre bei Bild.de wird nicht die einzige bleiben – kleinere Webseiten sollten sich ein solches Vorgehen aber gut überlegen.

Eine Klage kann manchmal auch nach hinten losgehen - Kenneth Adelson war nicht als einziger geschockt, als er von Barbara Streisand auf 50 Millionen US-Dollar verklagt wurde. Adelson hatte Fotos der kalifornischen Küste veröffentlicht, inklusive der Strandvilla des „Funny Girl“. Ergebnis der Aktion: Zuvor hatte das Foto niemand interessiert, kurz nach Bekanntwerden der erfolglosen Klage wurde es eine halbe Million Mal aufgerufen. Einen ähnlichen „Streisand-Effekt“ könnte die Anti-Adblocker Aktion von Bild erzielen . Viele Surfer wurden überhaupt erst durch die intensive Berichterstattung auf den Werbeblocker aufmerksam gemacht – und wunderten sich: „Es gibt einen guten Adblocker, der sogar Youtube unterstützt? Mal ausprobieren.“ Vor einigen Tagen setzte die Springer-Tochter bekanntlich sogar noch eine Stufe drauf: Veröffentlicht man eine Anleitung, wie man die Browser-Sperre bei Bild.de umgeht, erhält man einen Brief von den Bild.de-Anwälten. So sollte der Youtuber Tobias Richter nach dem Veröffentlichen einer entsprechenden Anleitung eine  Unterlassungserklärung unterzeichnen und 1800 Euro Abmahnkosten zahlen. Die Reaktion erscheint übertrieben, schließlich muss der Adblock-Nutzer nur eine zusätzliche Filterliste aktivieren. Da die Software in diesem Fall aber keine Werbung blockt, sondern eine Schutzseite, interpretierten die Bild-Anwälte dies als Verstoß gegen das Urheberrecht - wir sind gespannt, ob die Gerichte dieser ungewöhnlichen Interpretation folgen.

Adblocker – kalte Enteignung oder einfach Notwehr?

Vorbild für andere Medien?

Mit seiner harten Haltung gegenüber Adblockern fährt Bild.de-Chef Julian Reichelt einen Konfrontationskurs. Erkennt die Webseite von Bild.de, dass ein Surfer einen Werbeblocker nutzt, wird der Zugriff komplett geblockt. Bild.de ist auf diese Eskalation gut vorbereitet, so kann der Verlag Werbeverächtern ein Gegenangebot machen. Springer bietet nämlich neben dem kostenpflichtigen Angebot Bild Plus seit kurzem auch „BILDsmart“, ein kostenpflichtiges Angebot ohne Werbung. Vermutlich ist die Stärkung dieser einträglichen Angebote für Bild.de sogar wichtiger als alle Einbußen durch Werbeblocker.

Was folgt aber daraus für die anderen Online-Medien? Ohne Zweifel fragen sich aktuell gerade Nachrichtenseiten, ob sie Werbeblocker länger zulassen sollen . So plant offenbar der Verlag Gruner und Jahr , auf allen Webseiten eine ähnliche Adblocker-Sperre einzusetzen. Strategisch sinnvoll wäre dies aber nur, wenn man den Nutzern ein echtes Alternativangebot machen kann – ein Bezahlangebot ohne Werbung.

Neben Bild.de bietet ja deshalb seit kurzem auch Youtube mit Youtube Red einen werbefreien Dienst an , die Spieleseite Gamestar.de bietet das werbefreie Plus-Abo an. Offenbar waren ja Adblocker für Youtube der wichtigste Grund für die Einführung von Youtube Red . Problematisch, wenn man das Geschäftsmodell lediglich auf Finanzierung durch Werbung setzt. Springer hat den Verlegern mit seiner Aktion einen Bärendienst erwiesen, Werbeblocker verbreiten sich nun noch schneller, was auch alle anderen  Webseiten unter Zugzwang setzt. Betreibt man eine rein werbefinanzierte Webseite, sollte man das Blocken seiner Leser deshalb besser unterlassen oder sich auf die Einblendung mahnender Worte beschränken. „Friss oder stirb“ hört kein Kunde gerne - und selbst jahrelange Nutzer einer Seite sind schnell vergrault. Eine Medienmacht wie Bild.de kann sich eine solche Aktion erlauben - bei einer Seite wie Geo.de wären wir uns dagegen nicht so sicher. Grundsätzlich ist es dem Besucher einer Webseite schließlich ganz einfach egal, wie eine Webseite finanziert wird. Kann man in einem Wirtshaus wegen Baulärm und unfreundlichen Kellnern sein Essen nicht genießen, geht man eben das nächste Mal in ein anderes Restaurant. Gejammer über steigende Kosten und kranke Verwandte will ein Kunde von den Betreibern einfach nicht hören.

Technische Probleme

Das Wettrüsten zwischen Adblockern und Webseitenbetreibern führt zu technischen Problemen für Anbieter und Leser. Adblocker-Nutzern das Handwerk zu legen, ist gar nicht so einfach. Es gibt zwar bereits eine ganze Reihe an Gegenmaßnahmen, angefangen von einfachen Skripten für Wordpress bis zu aufwendigen Server-Anwendungen wie Addefend. Das verursacht aber stetige Kosten und diese Tools haben zudem einige Tücken. So bekommt man als Safari-Nutzer bei Bild.de Probleme, wenn man statt Eyeos Adblock Plus den Werbeblocker Adblock von Michael Gundlach benutzt. Wie bei Adblock Plus wird man aufgefordert, den Blocker zu deaktivieren oder eine Ausnahmeregel zu erstellen. Das Erstellen einer Ausnahmeregel wird allerdings von den Springer-Servern nicht erkannt und man hat nicht einmal mehr Zugriff auf die Sperrseite. Außerdem sind ja Browser-Erweiterungen nur eine der Optionen. Mobilfunkbetreiber überlegen bereits, die Anzeige von Werbung für ihre Kunden schon bei der Auslieferung zu unterbrechen - zahlt der Mobilsurfer doch etwa die Hälfte seine Mobilfunkgebühren für Werbeanzeigen.

Tracking: Problematischer als die eigentliche Werbung

Man kann vermuten, dass sich Adblocker-Gegner nicht nur um entgangene Werbeeinnahmen sorgen, sondern auch im Blockieren von Tracking-Diensten durch Adblocker ein Problem sehen. Surfer ärgern sich zwar über lästige Video-Ads schwarz, so genanntes Targeting lässt sie bisher aber kalt. Werbekunden reicht es nämlich längst nicht mehr, zu wissen, dass jemand auf ihr Banner geklickt hat. Sie wollen erfahren, ob der Besucher zu ihrer Zielgruppe gehört und was er aktuell für Kaufinteressen hat. Das funktioniert aber nur, wenn man ihn per Cookie über mehrere Webseiten verfolgen kann . Besucht man eine Webseite wie „Focus.de“, wird man von stolzen 18 Tracking-Diensten beäugt, wie uns  das Analyse-Plug-in Ghostery zeigt . Das beschränkt sich aber nicht auf Nachrichtenportale. Der Webshop Notebooksbilliger lädt ebenfalls 13 Dienste, die Seite Otto.de nutzt sogar 27 Tracker. Die meisten Tracker finden wir bei unserer Stichprobe übrigens auf der Seite Taz.de - insgesamt 29 Dienste sind hier vertreten. Die hohe Anzahl ist eher ein Hinweis auf die Vielzahl der aktiven Anbieter als Grund zur Besorgnis. Trotz Bewusstsein für Datenschutz wird dies von den Surfern bisher akzeptiert - im Prinzip zu Recht. Viele Dienste sind ja reine Statistik-Dienste und eigentlich harmlos. So haben ja auch viele Supermarkt-Kunden kein Problem damit, per Payback ihre privatesten Einkäufe erfassen zu lassen. Aber auch Facebook und Twitter überwachen die Aktionen ihrer Nutzer sehr genau - was ebenfalls kaum Protest verursacht. Eine Diskussion über Adblocker und Datenschutz könnte hier aber noch einiges Porzellan zerschlagen.

Tracker und Blocker: Die Story geht weiter

Das Aufkommen von Adblockern sollte für Webseitenbetreiber ein Anlass sein, das eigene Werbeaufkommen zu hinterfragen. Kunden vor den Kopf zu stoßen, kann sich nicht jedes Medium leisten, gerade wenn es technisch versiertere Leser als Bild.de hat. Die Frage ist außerdem, ob eine Nachrichtenseite nicht damit ihr eigenes Angebot weiter schwächt. Gerade bei den Mobilversionen eines Artikels gibt es aktuell eine Tendenz, immer mehr und immer aufdringlichere Werbung einzusetzen. Dabei gibt es mit Instant Articles von Facebook und Apples News-App bald komfortable Alternativen für Mobilsurfer. Und wer dann Werbeanzeigen und Kundenkontakte kontrolliert, sollte jedem klar sein.

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