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Alternativen für MP3-Freaks

14.02.2001 | 00:00 Uhr |

Einer der schlimmsten Schneestürme der
vergangenen Jahrzehnte wütet vor der Tür und ein Berufungsgericht in
San Francisco gibt am Montag seiner geliebten Musiktauschbörse
Napster einen fast tödlichen Stoß. Doch anstatt am Boden zerstört zu
sein, sitzt Computerfreak JoBlo am Tag der Urteilssprechung gelassen
in seinem Heim über dem kalifornischen Silicon Valley. Kein Wunder -
schließlich hat er zu Napster genug Alternativen.

«Der Versuch der Musikindustrie, Napster zu schließen, gleicht dem
Versuch, einen Eisberg mit einer Fackel abzuschmelzen», lacht JoBlo
und weist hin auf Dutzende von anderen Musik-Seiten wie Napigator,
Gnutella, Bearshare und Limewire. Der gleichen Meinung ist auch
Napster-Nutzer Mathew Martinez aus der kalifornischen Stadt Santa
Barbara: «Es gibt andere Programme. Das Internet ist weltweit und sie
können uns nicht stoppen.»

Obwohl die alternativen Musiktauschbörsen nicht so populär sind
wie Napster, genießen sie einen entscheidenden Vorteil: Sie sind
nicht zu schließen. Wird bei Napster ein Lied angefragt, durchsucht
der Server eine zentrale Liste von Musikdateien, die auf den
Computern der Napster-Mitglieder liegen, erläutert JoBlo. Daraufhin
stellt Napster eine Verbindung zu dem gewünschten Lied auf dem
fremdem Computer her und das Herunterladen der Musikdatei kann
beginnen. «Bei anderen Systemen wie Gnutella gibt es keinen zentralen
Server. Das Programm befindet sich auf dem Computer jedes einzelnen
Users», sagte der Computerfreak. Folge: Die Tauschbörse kann nur
geschlossen werden, wenn man auch den Zugriff auf alle Nutzer
ausschließt.

Trotz der anderen Gratis-Angebote hatten nach der Urteilssprechung
noch Hunderttausende der über 60 Millionen Mitglieder umfassenden
Napster-Gemeinde Lieder heruntergeladen. Denn Napster hat als der am
schnellsten wachsende Service in der Geschichte des Internets einen
Vorsprung: Er hat die größte Liedersammlung. Schließt die
Tauschbörse, würden die Mitglieder augenblicklich zu einem anderen
Service wechseln.

Napster hofft, dass User wie JoBlo und Martinez nicht zum Wechsel
gezwungen werden. Napsters Star-Anwalt David Boies kündigte bereits
Berufung an. Da die Musiktauschbörse kein urheberrechtlich
geschütztes Material selbst kopiere, könne es nicht für den
Festplatteninhalt der Mitglieder verantwortlich gemacht werden.

Selbst wenn Napster mit der Berufung erfolgreich sein sollte,
stehen weit reichende Veränderungen bevor. Experten gehen davon aus,
dass sich Verhandlungen zwischen der Musiktauschbörse und den
Musikverlagen in den nächsten Wochen intensivieren werden. Napster
will sich vom Feind der Musikindustrie zum größten Online-
Musikverkaufs-Portal entwickeln.

Erste Schritte in diese Richtung geht Napster bereits mit
Bertelsmann. Die Musiktochter des Gütersloher Medienunternehmens,
BMG, gehörte ursprünglich zu den Klägern. Gemeinsam wollen die
Partner die Tauschbörse als gebührenpflichtiges Angebot für
urheberrechtlich geschützte Musik etablieren. Andere Experten
befürworten dagegen ein Ende Napsters und den Aufbau eines völlig
neuen Musikportals für Abonnenten. Sie glauben, die meisten Napster-
Nutzer seien nicht bereit, für Musik zu bezahlen.

Dem widerspricht Computerexperte JoBlo. Er würde einen
«vernünftigen Preis» ausgeben, bekäme er zusätzlich Promotion-
Material und für Fans interessante Inhalte. Nur «ausnehmen lassen»
wolle er sich nicht, machte JoBlo deutlich: «Dann bleibe ich bei den
freien Seiten.» dpa

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