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Anonymous vs. ISIS: Wer steckt dahinter, was machen sie?

18.11.2015 | 17:25 Uhr |

Die Anschläge von Paris haben auch den Krieg im Netz erneut entfacht. Die Hacker der Anonymous-Gruppierung wollen ihren Beitrag leisten.

"Wir sind Anonymous. Wir sind Legion" – Das Bibel-Zitat und die Guy-Fawkes-Maske begleiten die sogenannten "Hacktivisten" von Anonymous, einer losen Vereinigung im Netz, die gegen alles Böse im Internet ankämpft. Böses nach ihrer Definition, versteht sich. Spätestens seit den Anschlägen auf die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo", aber auch nach den jüngsten Angriffen in Paris hat sich der Kampf gegen den Terrorismus auch im Internet verschärft. Erst vorgestern tauchte ein Video auf, in dem ein Mann in der typischen Maske und mit der üblichen Ansage eine Vendetta gegen ISIS ansagte. Gestern wurden laut "The Independent" die ersten Klarnamen der ISIS-Anhänger veröffentlicht, auch wir sind bei der Recherche für diesen Beitrag auf eine Liste der angeblichen ISIS-Fans gestoßen: Diese stellte sich bei näherer Überprüfung als eine Liste von Personen heraus, die in Verbindung mit der dänischen Webseite Hizb ut-Tachrir standen. Zwar ist Hizb ut-Tachrir eine fundamentalistische Partei, sie distanziert sich aber von den Gewalttaten der Al-Quaida und des ISIS.

Wer ist Anonymous?

An dieser Stelle sind natürlich keine Klarnamen zu erwarten. An der Operation gegen ISIS beteiligen sich momentan aktiv mindestens drei von einander unabhängigen Gruppierungen. Zum einen ist es der Autor des bereits bekannten Videos, in dem man ISIS den Kampf ansagt. In einem aktuellen Interview für BBC gibt der Mann an, vordergründig gegen die ISIS-Propaganda auf Twitter kämpfen zu wollen. Auf die Frage, ob es nicht schlauer wäre, ISIS-Konten auf Twitter einfach den Sicherheitsbehörden zu melden, anstatt sie in den Untergrund zu treiben, hat er auch eine Antwort: "Ihre Propaganda wirbt für die Gräuletaten. Sie wollen ihre Unwesen öffentlich betreiben, mit blutigen Bildern und gewaltsamen Videos. Wir können sie nicht mit traditionellen Waffen bekämpfen, aber wenn wir ihre Propaganda stoppen, schwächen wir ihre menschlichen Ressourcen und beschränken ihre Anwesenheit im Internet. Die Kommunikationsstörungen erschweren auch die Angriffsplanungen."

Die zwei anderen Gruppen sind in Sachen ISIS-Bekämpfung schon länger im Netz tätig. Die Gruppen Ghost Security Group und GhostSec.org sind aus der Anti-ISIS-Operation nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" hervorgegangen . Ihre Aktion "Tango Down" konzentrierte sich ebenso auf die Twitter-Konten der ISIS-Fans oder gar -Kämpfer. Die Methode ist hierbei einfach: Der gemeldete Twitter-Account wird daraufhin überprüft, ob der Nutzer tatsächlich islamistische Propaganda oder gewaltverherrlichende Videos verbreitet. Ist das der Fall, werden sämtliche Follower gebeten, den Account bei Twitter zu melden. Mit mehreren Hunderten oder gar Tausenden solcher Beschwerden landet das Konto am Anfang der Warteschlange der Twitter-Moderatoren. Für gewöhnlich werden solche Konten gesperrt.

Zwar klingen solche Twitter-Kriege nach Schulspaß, doch man darf die Macht der sozialen Medien nicht unterschätzen. Nach Angaben der Brooking Institution gab es 2014 zwischen 40.000 bis 70.000 Twitter-Accounts, die mehr oder weniger locker mit ISIS verbunden waren. Weder Twitter selbst, noch die traditionellen Sicherheitsinstitutionen können mit herkömmlichen Mitteln eine solche Masse an Propaganda-Inhalten bekämpfen. Zwar löschte Twitter im April 2015 an einem Tag rund 10.000 ISIS-bezogene Konten , die Morddrohungen an die Twitter-Mitarbeiter daraufhin zeigen, wie wichtig die Plattform für den Islamischen Staat geworden ist.

Webseiten, Foren infiltriert

Die Betreiber der beiden Gruppen Ghost Security Group und GhostSec.org geben auch an, dass sie sich nicht ausschließlich auf soziale Medien konzentrieren. Hinzu kommt der Kampf gegen Websites, die die ISIS-Inhalte verbreiten, für Freiwillige werben oder Spenden sammeln. Der Sprecher der Ghost Security Group gibt an, dass es der einfachste Weg sei, den Internet-Anbieter zu kontaktieren, um solche Seite offline zu nehmen. Viele willigen ein, wenn sie die Inhalte sehen. Wenn nicht, "...dann gibt es andere Wege." Nach eigenen Angaben hat die Gruppe bis heute rund 100.000 Konten in den diversen sozialen Medien offline genommen. Bei den Websites kommen sie auf die Stückzahl von 149. Die Ghost Security Group arbeitet auch mit den US-Sicherheitsbehörden zusammen. Diese Tatsache hat  jedoch zur Abspaltungen in der Szene geführt. Im Interview an "Cryptosphere" wurde einer der Teilnehmer gefragt, ob er verdächtige Aktivitäten vor den Paris-Anschlägen bemerkt hat. Die Antwort: "Kein Kommentar zu den laufenden Ermittlungen." Manche Teilnehmer an der Bewegung sind incognito in den Jihadi-Foren und auf den Websites unterwegs. 

Warum das wichtig ist

Während der Kampf mit den Twitter- und Facebook-Konten nach einem Kampf gegen Windmühlen aussieht, zeigt sich zuweilen, dass die Sperrung dieser Accounts den Informationsfluss verhindert. Auch Europol erkennt in seinem jüngsten Bericht die Gefahren der Propaganda in den sozialen Netzwerken. Demnach zielen die Betreiber verstärkt auf das junges Publikum. Ihre Hassbotschaften verstecken sie hinter humorvollen und satirischen Meldungen, die auf sozialen Netzwerken beliebt sind.

Auch ohne Konten-Sperrungen können sich auf sozialen Medien zuweilen wichtige Infos finden. So haben sich die Gruppen Bellingcat und Informnapalm darauf spezialisiert, anhand der Daten aus den öffentlichen Quellen eigene Ermittlungen zu betreiben. Vor allem Informnapalm spezialisiert sich auf Herausfinden wichtiger Infos wie Geodaten, Klarnamen und Position innerhalb der Militärstruktur .

Dass solche Online-Aktivitäten auch Menschenleben retten können, haben die Mitglieder von Ghost Security Group in diesem Sommer bewiesen: Mit den Infos von den "Hacktivisten" konnten die Behörden einen Anschlag in Tunesien am 4. Juli verhindern .

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