Von Peter Müller - 01.02.2013, 14:41

Apple in den Medien

Apple-Bashing groß in Mode

©Apple

Nun erklärt also auch noch der Focus den Lesern von Deutschlands zweitem Nachrichtenmagazin, warum Apple böse und iPhone und iPad schlecht sind. Apple-Bashing scheint groß in Mode, die Argumente sind aber schwach. Eine Polemik.
"What goes up, must come down, spinning wheel, got to go round…" Was "Blood, Sweat and Tears" in den Siebzigern sangen, darf Apple dieser Tage und Wochen erleben: Wurde das Unternehmen in den letzten Jahren von einer gierigen Öffentlichkeit so weit hochgejubelt, dass es zum nach Börsenwert teuersten der Welt aufsteigen konnte, delektiert sich genau diese Öffentlichkeit jetzt an einem allerdings nur vermuteten Verfall. Der Aktienkurs rauscht in die Tiefe, sprich, er liegt wieder auf dem Wert von vor gut einem Jahr. Der charismatische Gründer ist tot, sein blasser Nachfolger bekommt nichts auf die Reihe - außer die bisher beste Quartalsbilanz eines Technologieunternehmens in der Geschichte. Schließlich ist Apple böse, weil es in China produzieren lässt, wo offenbar kein anderes Unternehmen der ersten Welt seine Geräte von Arbeitern zusammenschrauben lässt, die in den Fabriken von Foxconn und Konsorten in einem Monat so viel verdienen können, wie sie es auf dem Land vielleicht nicht einmal im ganzen Leben schafften. Greenpeace hat vor ein paar Jahren bereits eingeräumt, Apple auch wegen seiner Strahlkraft anzugreifen ("We want a greener Apple"), der Aufmerksamkeit wegen.
Nun steigt auch der Focus, Deutschlands zweites Nachrichtenmagazin, in das derzeit bequeme Apple-Bashing ein, der Aufmerksamkeit wegen. Dabei bedienen sich die Kollegen keiner neuen Argumente - die sie zudem anscheinend nicht zu Ende gedacht haben. Im Einzelnen:
Überteuerte Geräte: Sicher, iPhone und iPad sind teurer als die Geräte von Samsung und Google. Aber der Preis für ein Konsumgut ist nie nur die Summe aus Produktions- und Entwicklungskosten plus fairer Gewinnmarge, sondern wird dadurch bestimmt, was der Kunde zu zahlen bereit ist. Apple hat sich noch nie auf einen Preiskampf einlassen müssen und wird das fortan auch nicht tun. Wer iPhone und iPad als überteuert bezeichnet, erinnert an den Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen und er diese als sauer schmäht.
Abgeschottetes System: Warum sollte ein Nutzer von iPhone und iPad eine andere Software zur Synchronisation als iTunes einsetzen wollen? Bestehen Nutzer von Epson-Druckern auf HP-Treibern? Und das Argument, Inhalte für iPhone und iPad könne man nur aus iTunes beziehen ist falsch: Amazons MP3s laufen genauso auf dem iPhone, wie sich auf dem iPad auch Kindle-Bücher lesen lassen. Und seit iOS 5 muss auch niemand mehr sein neues iPad oder iPhone mit iTunes auf Mac oder PC einrichten. Ob iTunes für Windows – Stichwort Speicherfresser – ein Ärgernis ist, können wir nicht beurteilen.
Zensur: Über Apples Ansinnen, den App Store möglichst "sauber" zu halten, kann man streiten. Fakt ist: Der teils langwierige Freigabeprozess führt zu mehr Sicherheit, im App Store gibt es deutlich weniger Malware oder anderweitig störende Inhalte als bei anderen Quellen. Natürlich ist es lächerlich, verweigert Apple einem Buch über Hippie-Kultur die Zulassung wegen Bilder nackter Hippies und noch seltsamer, wenn auch die entschärfte Fassung gesperrt wird, weil entscheidende Stellen mit Apfel-Logo verdeckt sind. Aber es gilt: Wer Porno will, muss sich nicht mal ein Android kaufen, sondern einfach nur seinen Browser bedienen. Mag sein, dass Apple aus Sicht von Inhalteeignern zu rigide und wohl zu prüde ist, aber es soll ja auch Kioskbesitzer geben, die nicht jeden Titel in ihre Auslage stellen. Wer hier von Zensur spricht, hat staatliche Zensur nie am eigenen Leibe erfahren müssen.
Der Apple-Hype: Gut, wir sitzen als Fachpublikation gewissermaßen im Glashaus, auch wir greifen Gerüchte und Spekulationen auf - nur setzen wir sie nicht in die Welt, sondern versuchen sie einzuordnen. Da Apple bekanntermaßen sich lang und breit über kommende Produkte ausschweigen kann, verbreiten sich Gerüchte gerne auch so, als wären sie Nachrichten. Es soll aber auch andere Unternehmen geben, die ihre Entwicklungen vor Veröffentlichung schützen und keine Detailstrategien preisgeben. Der Vorwurf, Apple würde den Hype selbst durch eine Mischung aus Verschwiegenheit und Inszenierung anheizen und die arme Presse sei Opfer dieser perfiden Taktik und müsse daher alles mitmachen, greift zu kurz. Wenn der Focus mal ein Jahr lang nicht über Apple und den "Hype" berichten möchte: Nur zu!
Inszenierung: Komisch, was die veröffentlichte Meinung in den letzten Jahren so sehr an Apple gelobt hat, die perfekt choreographierten Keynotes, die Konzentration auf ein Produkt, die Reduktion seines Markenauftritts, soll jetzt auf einmal schlecht sein? Nervig, uninspiriert und an den Haaren herbeigezogen waren die Keynotes von Ex-CEO Gil Amelio, besonders jene, als er den "verlorenen Sohn" Steve Jobs zurück ins Unternehmen holte, Macworld Expo 1997. Und was bitteschön, sollte Apple bei einer Produkteinführung anders machen? Etwa an alle Presseorgane und Blogger weltweit einen Zweizeiler des Inhalts schicken: "Ach ja, seit gestern ist übrigens das iPad Mini im Handel, vielleicht ist es schon jemandem aufgefallen. Kann sein, dass wir das ein oder andere Gerät verkaufen, aber ansonsten gibt es nichts neues zu sagen..."
Arroganz: Apple ist arrogant, weil es seine Produkte als "Weltklasse" bezeichnet. Apple ist arrogant, weil es in einem langwierigem Streit, in dem auch die andere Seite nicht nachgibt, seine Marktposition zu halten und seine Produkte vor Nachahmern zu schützen versucht. Apple ist arrogant, weil es mit einer neuen Karten-App noch einmal völlig von vorne anfängt, weil der bisherige Partner (einst Liebling der Öffentlichkeit, jetzt von dieser nur noch "Datenkrake" genannt) dem Unternehmen nicht mehr als zuverlässig erscheint. Apple ist arrogant, weil es derzeit erfolgreich ist und Neid und Missgunst den Blick verklärt. Denn dann wird aus Selbstbewusstsein ohne eigenes Zutun Arroganz. Man möge nachfragen beim FC Bayern, dessen Selbstbewusstsein Anhänger anderer Marken als Arroganz empfinden.
Mangelnder Datenschutz: Natürlich ließe sich auch hier trefflich streiten, ob Apple nicht zu lax mit den Daten seiner Kunden umgeht und was es besser machen könnte. Nur sollte die Kritik vor allem den Gesetzgeber in den USA treffen, an dessen Regeln sich Apple und die deshalb ebenso kritisierten Unternehmen Facebook und Google halten. Mehr Datenschutz wäre gewiss wünschenswert, doch werden Apple, Facebook, Google und Konsorten die europäische Aufgeregtheit darüber kaum verstehen. Und dass Apple Datenschutz nicht vollkommen ignoriert, zeigt der Erfolg des iTunes Store, in dem bisher 500 Millionen Konten registriert sind, die meisten mit Kreditkarten- und anderen vertraulichen Daten. Von einem Einbruch ist nichts bekannt, da hatte Sony letztens ein weit größeres Problem…
Ausbeutung der Arbeitnehmer: Ist das gerecht, wenn Apple an einem iPhone hunderte von US-Dollars verdient, die Arbeiter, die pro Tag hunderte davon zusammenschrauben, aber mit nur wenigen Dollars täglich in ihr Wohnheim schlurfen? Nein, ist es nicht. Das System nennt man aber Kapitalismus, welches die Weltwirtschaft fast wie ein Naturgesetz bestimmt. Kann und will Apple etwas daran ändern? Kann Apple die Schwerkraft aussetzen? Ist Apple der einzige westliche Hersteller, der sich billiger Lohnarbeiter bedient? Lässt Nokia noch in Bochum fertigen und Siemens überhaupt noch Handys? Man kann zwar bezweifeln, dass die FLA, die letztes Jahr in Apples Auftrag die Fertiger in China untersucht hat, wirklich unabhängig ist, Fakt ist aber auch, dass Apple in möglichst hoher Transparenz sich um Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei seinen Partnern müht, letztens wurde einem Fertiger wegen erwiesener Kinderarbeit gekündigt. Heben andere Hersteller dieses wichtige Thema, die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, an das Licht der Öffentlichkeit? Nein. Also, warum dann alleine Apple für die Missstände verantwortlich machen? Genau - wegen der Publicity, Apple-Bashing ist verdammt einfach dieser Tage.
Schlechter Service: Schon wieder verwechselt jemand Garantie mit Gewährleistung. Folgendes: In der EU gilt eine zweijährige Gewährleistung und eine halbjährige Garantie. Apple gibt freiwillig ein Jahr Garantie und hält sich an die zweijährige Gewährleistung. Die Garantieverlängerung Apple Care auf zwei oder drei Jahre mag vielleicht überflüssig sein, sie ist aber nichts, was Apple kostenlos gewähren müsste. Und dass Apple für Apple Care wirbt und nicht in dreißig Meter hohen Feuerbuchstaben den Unterschied zwischen Gewährleistung und Garantie erklärt, so dass es auch wirklich jeder versteht, ist also schlechter Service. Ja, der Akku-Austausch bei Apple ist teuer, weil er nicht unkompliziert ist. Aber wie oft muss man einen Akku tauschen? In der Regel halten die Dinger weit länger als ein Produktzyklus. Man kann aber durchaus darüber streiten, warum man alle zwei bis fünf Jahre ein neues Laptop, Smartphone oder Tablet sich anschaffen muss und die Dinger nicht ein Leben lang halten. Aber dann sind wir wieder in einer grundsätzlichen Systemdiskussion über Ökonomie, Ökologie und Soziologie und nicht mehr beim einfachen Apple-Bashing.
Fehlende Innovation: Wie lange hat es vom iMac bis zum iPhone gedauert? Neun Jahre, mit dem Zwischenschritt iPod nach drei Jahren. Wie lang von iPhone zu iPad? Nur drei, weil die Geräte quasi nebenher entwickelt wurden. Wie lange wird Apple für die nächste große Innovation brauchen? Wir wissen es nicht, nicht einmal, ob sie überhaupt kommt. Wer aber Apple für die schrittweise Weiterentwicklung von iPhone und iPad mangelnde Innovation vorwirft, hat die Welt der Technik nicht verstanden. Und bei Apple sind zuletzt nicht die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gesunken, sondern nur deren Verhältnis zum explosionsartig gewachsenen Umsatz. Das "nächste große Ding" biegt vielleicht schon bald um die Ecke. Dann ist es Zeit für den nächsten Apple-Hype.
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