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Kommentar: Apple vor dem Abstieg? Nein!

27.04.2016 | 11:48 Uhr |

Apples Erfolgsgeschichte ist nach 13 Jahren zu Ende gegangen, das Unternehmen steht vor einem langen Abstieg. Quatsch!

Die nackten Zahlen sind nicht schön: Apple macht im März-Quartal weniger Umsatz und Gewinn als im Jahr zuvor, alle Bereiche leiden und geben bis zu zweistellig nach . Die Aussichten für das Juni-Quartal sind auch nicht die allerbesten, denn der Mac agiert in einem schrumpfenden Markt, der für das iPhone scheint gesättigt und das iPad weiß sich noch nicht so richtig zu orientieren. Die Apple Watch ist mit allergrößter Sicherheit ein Flop, das nächste große Ding kommt erst in ein paar Jahren auf die Straße, wenn überhaupt. Der Aktienkurs schmiert ab. So weit die öffentliche Meinung oder zumindest der Grundtenor der veröffentlichten Meinung. Man kann die Zahlen aber auch ganz anders lesen.

Denn Apple kommt von einem außerordentlich hohen Niveau und die etwas über 50 Millionen im Berichtszeitraum verkauften iPhones sind immer noch ein fantastisches Ergebnis, vom Gewinn in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar ganz zu schweigen. Zehn Millionen iPads hat Apple im Quartal verkauft, dazu vier Millionen Macs, wohl meist mobile, mit denen sich die Tablets vorwiegend um die Kundschaft streiten. Zum Vergleich: Nach IDC-Zahlen hat der weltgrößte PC-Hersteller Lenovo im ersten Kalenderquartal etwas mehr als 12 Millionen "klassische" PCs verkauft, dürfte seine Tablets aber nur schwer unter die Leute bekommen. Apple ist deshalb der größte Computerhersteller der Welt und liegt bei den Smartphones mit Samsung in etwa gleich auf an der Spitze. Kein Grund zur Panik also.

Höhenflüge und Zwischenlandungen

Gewissermaßen ist Apple das Opfer seines eigenen Höhenflugs geworden, vor einem Jahr hatten sich iPhone 6 und iPhone 6 Plus vor allem in Asien wie geschnitten Brot verkauft, im zweiten Quartal 2014/15 hatte Apple bei den iPhone-Verkäufen fast um 50 Prozent zugelegt. Kein Wunder, dass das iPhone 6S (Plus) trotz aller unbestreitbaren Verbesserungen nicht noch einen drauf gelegt hat, so häufig greifen die Kunden auch nicht zu einem neuen Modell.

Hochmut kommt vor dem Fall, lautet ein altes Sprichwort, doch anscheinend braucht man als immer noch virtuell wertvollstes Unternehmen der Welt nicht einmal hochmütig zu sein, um im Falle des Umsatzrückgangs kräftig Häme zu kassieren und den baldigen Untergang prognostiziert zu bekommen – das Internet ist heute voll von "Apple is doomed"-Geschichten. Sicher rühmt sich Apple stets, "Weltklasse-Produkte und -Services" anzubieten und freute sich 13 Jahre lang über stets neue Rekordergebnisse – man zeige mal aber auf ein erfolgreiches Unternehmen, das eine Rekordbilanz mit "ach, das ist doch kaum der Rede wert und eigentlich völlig unverdient" kommentiert. Und es ist nicht so, dass Apple nicht schon vor drei Monaten nach Vorlage der letzten noch rekordträchtigen Bilanz vor einem Rückgang der Verkaufszahlen gewarnt hat ? Irgendwie scheint es Apple zu gehen wie Pep Guardiola beim FC Bayern: Nach dem Triple zählt ja nur noch das nächste Triple. Aber hätte Jupp Heynckes in Wembley absichtlich verlieren lassen sollen? Nein! Also warum hätte Apple dann absichtlich weniger iPhones, iPads und Macs absetzen sollen, als es gerade lief?

Heulen und Zähneklappern – aus Mangel an Phantasie

In dem großen Casino, in dem selbst die irrationalsten Glücksspiele erlaubt sind – andere nennen das Konstrukt "Börse" – ist das Wehklagen jetzt groß. Klar, da zählen keine vergangenen Erfolge und Trophäen, sondern nur die Aussichten auf künftige Gewinne. Da scheint es Anlegern derzeit an Phantasie zu fehlen, was den Erfolg Apples betrifft. Deshalb verweisen Tim Cook und Konsorten immer intensiver auf einen Teil der Bilanz, der ob monströser Zahlen bei der Hardware zuletzt eher untergegangen war: Services. Gegenüber Vorjahr legte Apple um fast 20 Prozent oder eine Milliarde US-Dollar zu, das neue Apple Music hat da nur die Hälfte beigetragen. Nicht unerheblich zu Apples Wachstum trägt auch der Bezahlservice Apple Pay bei, der das Potential hat, zum Goldstandard des mobilen Payments zu werden. Erfolgreiche Firmen müssen sich alle paar Jahre erneuern, um erfolgreich zu bleiben, da ähneln sie Fußballvereinen, die, um erfolgreich zu bleiben, sich ständig hinterfragen und den Kader erneuern müssen.

Apple war im Weihnachtsquartal mit einem Gewinn von 18,5 Milliarden US-Dollar auf dem Gipfel und von dort kann nur der Abstieg beginnen. Um neue Gipfel zu erreichen, die womöglich noch höher sind. Es hat also nicht der Abstieg in die Verdammnis begonnen, sondern nur ein Teilumbau. Apple wird in wenigen Jahren weiterhin ein Hardware- und Softwarehersteller sein, aber mehr den je ein Service-Anbieter. Und womöglich gegen 2022 alles von dem und dazu auch noch ein Automobilhersteller und eine Bank oder eine Krankenkasse . Der nächste Gipfel kommt bestimmt.

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