873796

Apple Expo: Kommentar zu Apples Neuvorstellungen

14.09.2000 | 00:00 Uhr |

Der erste Tag der Apple Expo in Paris ist vorbei, Zeit für ein erstes Fazit.

Apple misst der einzigen eigenen Messe ein immer größeres Gewicht zu, immerhin stellte Firmenchef Steve Jobs neben neuen iBook-Modellen auch die Vorabversion des künftigen Betriebssystems Mac-OS X vor. Soweit so gut. Die Einzelheiten, die Vorzüge, was bei derUmstellung zu beachten ist - all das wurde an dieser Stelle schon ausgiebig dargestellt.

Bleibt als Frage, ob es legitim für ein Unternehmen ist, erstens ein unfertiges Produkt an seine Kunden auszuhändigen und zweitens dafür auch noch Geld zu verlangen.

Mac-OS X Beta kann man im Applestore bestellen, es kostet 79 Mark. Aller Erfahrung nach dürfte der Preis für die erste fertige Version, Mac-OS X 1.0, die laut Apple angeblich Anfang 2001 auf den Markt kommen wird, 199 Mark betragen. Die Preisdifferenz liegt also voraussichtlich bei 120 Mark.

Der Käufer des unfertigen Produktes - Mac-OS X Beta - bezahlt demnach jetzt schon rund 40 Prozent des wahrscheinlichen Preises für das fertige Produkt (möglicherweise bekommt er das angerechnet, aber wer weiß?). Ist das Beutelschneiderei? Lohnt sich das?

Sagen wir es mal bildhaft: Die Autofirma Ferrari (passt ja zum Anspruch von Apple: immer nur vom Feinsten) entwickelt ein völlig neues Modell eines Automobils, das mit einem überarbeiteten Motor von Mercedes ausgestattet ist. Um die Reaktion der potenziellen Kundschaft zu testen, bietet sie ihr an, eine Vorabversion des Wagens auszuprobieren. Einzige Voraussetzung: Sie müssen dafür 40 Prozent des Verkaufspreises bezahlen. Das ist für die finanzstarke Zielgruppe sicherlich kein Problem, doch wer wird sich schon ein Auto kaufen, bei dem zwar bereits die elegante Karosserie fertiggestellt, aber weder der Motor ausgereift noch das Fahrwerk fahrtüchtig ist?

Auch über den Preis der neuen iBooks kann man geteilter Meinung sein (wie auch über die Farbe "Key Lime", aber das ist ein anderes Thema). Das erste iBook war rsprünglich als Mobilrechner für Einsteiger oder Anwender mit schmalem Geldbeutel im Markt platziert worden, die neuen Modelle kosten - zumindest im Applestore - rund 4000 respektive 4700 Mark. Das ist nicht mehr weit entfernt zu den 6000 Mark, die das "preiswerteste" Powerbook kostet, und die Powerbooks stellen die Oberklasse unter Apples tragbaren Personalcomputern dar. Auch hier also die Frage, ob die Preise gerechtfertigt sind. Die Zukunft wird es weisen, aber welcher Endverbraucher kauft sich schon einen Fiat Punto zum Maxipreis eines 3er-BMWs?

Vielleicht sehen das andere ähnlich wie der Autor dieser Zeilen, zum Beispiel jene Zeitgenossen, die in Apple investieren. Kursentwicklungen an der Börse geben immer auch einen Eindruck davon wieder, wie Anleger eine Firma und ihr Potenzial einschätzen - eine Binsenweisheit.

Demnach sind die Anleger von Apple und den gestrigen Produktneuvorstellungen auf der Apple Expo in Paris nicht sonderlich beeindruckt. An der Nasdaq konnte das Apple-Papier nur um magere 25 Cent zulegen und schloss mit 58,00 Dollar. In Frankfurt musste die Aktie sogar einen mittelschweren Kursrutsch von 3,00 Euro hinnehmen zu, sie ging mit 66,00 Euro aus dem Handel.

Und dabei handelt es sich bei dem, was Apple-Chef Steve Jobs unter anderem vorstellte, nämlich die Vorabversion von Mac-OS X, immerhin um nichts weniger als eines der Kernprodukte der Firma für die kommenden Jahre.

Andreas Borchert

Chefredakteur Macwelt Online

0 Kommentare zu diesem Artikel
873796