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Apple Music: Nicht nur, wenn sie laut ist

04.01.2016 | 08:30 Uhr |

Lange hat Apple gebraucht, um neben dem iTunes Store einen Streamingdienst für Musik zu etablieren. Die Meinungen darüber sind geteilt.

Will man ein Beispiel dafür, wie sehr das Internet tradierte Geschäftsmodelle zerstört, in Einzelteile zerlegt und aus den Bausteinen ganz andere Wertschöpfungen erzeugt, muss man sich nur die Musikindustrie ansehen. Deren goldene Zeiten waren vor allem die Neunziger, als auch die letzten Technikskeptiker sich einen CD-Player angeschafft hatten und nicht nur in neue Musik investierten - sondern auch die Alben, die sie schon auf Vinyl hatten, noch einmal anschafften. Mit der Erfindung des Formats MP3, steigenden Bandbreiten im Internet (ISDN, DSL,...) und vor allem den stets fallenden Preisen für Speicher wurde die CD aber zum Verhängnis für die Plattenbosse. Denn so eine Scheibe war nicht nur schnell für den Privatgebrauch auf den eigenen Rechner kopiert, sondern ebenso schnell über das Internet geteilt. Legal, illegal, völlig egal. Erstaunlicherweise hatte es bis 2003 gedauert, bis die damals großen fünf Plattenfirmen und in ihrem Gefolge tausende kleine Independent-Labels dem Vertrieb über das Internet zustimmte. Den iTunes Music Store sah Apple von Anfang an vor allem als legales Angebot, das sich gegen die zahllosen illegalen Quellen durchsetzen sollte. Gestreamt und geteilt ohne monetäre Beteiligung der Urheber und der Rechteverwerter wurde aber weiterhin. Denn kaum schien die Tauschbörse vom Downloadportal abgelöst, bog Youtube um die Ecke...

Aber schon parallel zum iTunes Store etablierten sich Flatrate-Angebote für Musik, vor allem das mittlerweile durch die Bertelsmann-Übernahme legalisierte Napster oder der Dienst Rhapsody versuchten sich Abo-Modellen, die Apple stets ablehnte. Im Jahr 2007 trat dann aber zunächst in Schweden mit Spotify ein neuer Konkurrent auf den Plan, der einen neuen und legalen Ansatz verfolgte: Musikstreaming. Gegen eine Montasgebühr - oder das Ertragen von Audiowerbung - erhalten Musikhörer Zugriff auf (fast) alle Titel, die es auch bei Apple zu kaufen gibt. Dazu die Möglichkeit, über redaktionell kuratierte Playlist, solchen von Algorithmen erstellten oder denen von Freunden neue Musik zu entdecken. Vorteil für den Hörer: Die legal erhältliche Musik hat einen schier unendlichen Umfang und das zum Preis einen Albums pro Monat. Nachteil für den Musiker: Die über Streams erwirtschafteten Tantiemen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was man mit Albumverkäufen erzielen könnte. Zwar steigt die Wahrscheinlichkeit, von einem Algotihmus in das Bewusstsein der Hörer gespült zu werden, das in den digitalen Musikmarkt fließende Geld sollte weiter gestreut werden. Aber im wahren Leben sind es auch wieder nur die üblichen Hitproduzenten, deren Streams Hörer in nennenswerten Zahlen finden.

Der Trend zum Stream hält aber weiter an, mitmachen oder aussteigen, das gilt für Musiker und für Anbieter gleichermaßen. Apple hat erstaunlich lange gebraucht, um sich dem Trend anzuschließen. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Apple verdient bei Albenverkäufen auch kräftig mit und hat daher mehr vom Kuchen, wenn die Kunden Musik lieber besitzen wollen als sie sich dauerhaft zu leihen. Zudem will Apple immer das beste Produkt seiner Klasse bringen und hat sich deshalb lange Gedanken gemacht, wie ein Streamingservice zum besten Nutzen für alle beteiligten Parteien gelingen könnte, für zufriedene Hörer, zufriedene Musiker und ein zufriedenes Apple. Außerdem war da die Erfahrung mit dem in iTunes zwischen 2010 und 2012 gescheitertem sozialen Experiment Ping, das man gewiss nicht wiederholen wollte.

Was nun bei Apple Music herausgekommen ist: Ein Streamingservice, der auf den von Beats Music aufbaut, dass es bis dato nur in den USA gegeben hat. Ein umfangreiches Angebot, für das Apple wohl dank der Kontakte des Beats-Gründers Jimmy Iovine immer mehr Exklusives erhält. Eine Radiostation, die rund um die Uhr weltweit funkt und dank seiner renommierten Moderatoren immer mehr an Relevanz gewinnt. Mit Connect ein Tool, das Musiker mit ihren Fans vernetzt und ihnen mittelfristig zu mehr Umsatz mit Merchandising und Konzerttickets verhelfen könnte. Ein besonders für Familien attraktiver Preis, zudem drei Monate Probezeit für Neukunden.

Aber auch: Eine zunächst völlig unübersichtliche Oberfläche, die Apple erst nach und nach mit Updates verbessert. Verwirrung bei Dateiformaten und Abspielrechten auf den unterschiedlichen Plattformen. Erst einmal nur Platz vier im Markt. Und nach wie vor Grenzen: Adele ließ sich trotz eines ihr von Beats 1 gewährten Promo-Interviews nicht erweichen, ihr neues Album zum Stream frei zu geben. Ob Apple mit Apple Music  Musiker vor dem Ruin rettet, darf man anzweifeln. Mittelfristig führt aber kein Weg daran vorbei, mit Streaming Geld zu verdienen. Es werden dann aber schon wieder die wenigen sein, die schon heute von der Musik leben können. So etwas wie ein Plattenvertrag ist schon längst kein Versprechen mehr auf das unbeschwerte Leben eines Rockstars.

Lesen Sie hier noch einmal, was wir 2015 alles über Apple Music berichtet haben:

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