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Apple Music hinkt der Konkurrenz hinterher: Die Gründe

07.12.2015 | 10:44 Uhr |

Apple Music steht in der Gunst der Hörer nicht auf Platz 1 – und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Die Gründe dafür.

Apple sieht seinen Streamingdienst Apple Music zwar als großen Erfolg an, im Markt bleibt derzeit aber nur der vierte Platz hinter Pandora, Spotify und Youtube – das mit der App Youtube Red nun auch ein bezahlten Zugang zu Google Play Music geschaffen hat. Pandora hat nach eigenen Angaben 78 Millionen aktive Nutzer und will nach der Übernahme von Rdio mit einem On-Demand-Streamingdienst weiter wachsen . Spotify hat schon einen Streamingdienst, bei dem der Hörer selbst das Programm bestimmen kann, mit 75 Millionen Nutzern, davon rund 20 Millionen zahlende Zuhörer. Bis Ende des Jahres will Spotify seine Nutzerbasis auf 100 Millionen ausbauen. Apple wiederum hat bislang nur einmal eine Zahl genannt, 6,5 Millionen Musikfreunde sollen nach der dreimonatigen Testphase sich für das Zahlen entschieden haben .

Diesmal vielleicht zu spät

Nun war nicht unbedingt zu erwarten, dass Apples Streamingangebot sofort durch die Decke geht, da Apple Music bereits auf ein bestelltes Feld trifft. Apple Music definiert nicht wie der iTunes Store vor zwölfeinhalb Jahren den Markt völlig neu, sondern muss sein Heil in der Verdrängung etablierter Kräfte gewinnen. Warum das noch nicht so gelungen ist, wie es Optimisten womöglich erwartet haben, dafür gibt es mehrere Gründe, wie die Kollegen von The Verge darlegen .

Womöglich war Apple mit dem Streaming diesmal einfach zu spät dran und kann etwa Spotifys Vorsprung von acht Jahren niemals einholen. Nun hat es bei Apple zwar erfolgreiche Tradition erst einmal auf das Ausreifen einer Technik zu warten und dann mit einer besseren Lösung zu kommen. Das war nicht nur beim iPod der Fall, sondern auch beim iPhone 3G. Über das Fehlen der neuesten Funktechnik im originalen iPhone musste man sich wundern, doch Apple war 2007 anscheinend das Risiko zu groß, einen energiehungrigen UMTS-Chip einzubauen. Erst als erwies, dass die meisten iPhones am Ende des Tages noch ausreichend Restladung hatten, wagte Apple das Risiko. Ähnlich gelagert ist der Fall des iPhone 6 Plus, der Trend geht schon länger zu Smartphones mit großen Bildschirmen (Phablets), nur hat dann erst das iPhone 6 Plus so richtig eingeschlagen, wo das Samsung Galaxy Note Vorarbeit verrichtet hatte. Beim Streaming könnte Apple aber zu spät gekommen sein. Laut Nielsen Netratings benutzten schon 67 Prozent der US-Amerikaner Streamingdienste, bevor Apple Ende Juni 2015 Apple Music an den Start brachte. Basis für Apple Music ist bekanntlich Beats Music, das Apple zusammen mit dem Anbieter Beats Electronics im Mai 2014 erwarb, die Übernahme war zum 1. August 2014 effektiv geworden.

Fehler über Fehler

Indes war Apple Music nicht der erste Ansatz Apples, die Inhalte des iTunes Store auch über Streaming anzubieten. Über eine halbherzige Konkurrenz zu Pandora namens iTunes Radio kam Apple dabei aber nicht heraus. iTunes Radio blieb auch nur auf die USA beschränkt, die Pläne mit Beats verhinderten offensichtlich die internationale Expansion. Das iTunes-Fundament ist aber gleichzeitig die größte Hürde für Apple Music. Allein die verwirrende Anzahl von Formaten , die man auf der Festplatte des Mac versammelt, je nachdem, wie die Musik in der iTunes-Mediathek gelandet ist: Selbst gerippte Alben, bei Amazon gekaufte MP3, im iTunes Store erstandene AAC-Dateien, über iTunes Match abgeglichene Werke und schlussendlich die bei Apple Music gemieteten Songs, die nach dem Ende des Abos nicht mehr abspielen dürfen. Dazu besteht auch in Zeiten von Apple Music iTunes Match weiter und die diversen Radiostationen neben Beats 1 tragen zu Verwirrung bei. Kein Wunder, dass iTunes und die Musik-App von iOS 9 durch Apple Music nicht gerade übersichtlicher wurden - und ihre Anwender immer wieder mit Fehlern ärgern. So ist es uns schon öfter mitten im Album passiert, dass iTunes meint, wir wären nicht berechtigt, einen offline zur Verfügung gestellten Song zu hören, da wir angeblich nicht bei Apple Music eingeloggt wären.

Das Lockangebot fehlt

Streaming im Allgemeinen ist für den Musikfreund ein reizvolles Angebot, Apple Music im Speziellen ja auch. Aber auch das bemängeln die Kollegen von The Verge: Nach drei Monaten Probehören gibt es bei Apple eigentlich nur "Ganz oder gar nicht". Vom auch nach der Probezeit kostenlosen Beats 1 ausgenommen, verstummt das Streaming-Angebot, will man nicht zahlen. Spotify hingegen unterhält ein werbefinanziertes Gratis-Angebot, auch iTunes Radio hatte für nicht zahlende Kundschaft Werbung eingeblendet. Apple Music hingegen kann nicht darauf zählen, dauerhaft bei Musikhörern präsent zu sein und hoffen, dass diese gegen Monatsgebühr die Werbung loswerden wollen.

Mängel hat Apple Music zudem auch im sozialen Bereich. Connect ist zwar vor allem für Künstler interessant, die mit ihren Fans in Kontakt bleiben wollen und ihnen womöglich bald auch direkt Konzertkarten oder Merchandisingartikel verkaufen. Doch erledigt etwa Spotify die Aufgabe besser, interessierten Hörern neue Musik zu zeigen, in dem diese sehen, was ihre Freunde so Neues hören.

Streaming boomt, davon sollte auch Apple profitieren. Doch ist man von Cupertino nicht gewohnt, nur auf einem vierten Platz zu stehen. Um Apple Music mittelfristig an die Spitze zu bringen, sind gewaltige Anstrengungen notwendig. Zudem müsste Apple auch die vielbeschworenen Kontakte des Beats-Gründers Jimmy Iovine zur Musikindustrie gewinnbringender nutzen können. Dass Adele sich dem Streaming ihres neuen Albums "25" komplett verweigert und auch bei Apple Music keine Ausnahme macht, zeigt, wie groß auch hier noch die Lücke vom Anspruch zur Wirklichkeit ist.

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