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Apple ist uncool

19.04.2013 | 11:15 Uhr |

Ist Apple zu cool geworden, nur um plötzlich nicht mehr cool zu sein? Cabel Sasser, Gründer des Softwareherstellers Panic, hat sich Gedanken gemacht, wie der Erfolg Apple verändert hat.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit als Mac-User eine Randerscheinung waren? Die Verweigerer, die Außenseiter, die ADB-Stecker (Apple Desktop Bus) am USB-Anschluss? Mittlerweile haben alle Gäste zu unserer Party gefunden, das ist großartig, aber ich fühle mich noch nicht ganz wohl dabei.

Weshalb? Lassen Sie es mich anhand eines Vergleichs erklären. Ich kenne eine schockierende Anzahl an Liedern nur durch die Parodien von „Weird Al“ Yankovic , dem US-amerikanischen Musiker, Parodisten und Akkordeon-Spieler. Ich habe keine Ahnung wie der Originaltext von James Browns „ Living in America“ lautet, aber ich kann sämtliche Krankheitssymptome von „Living with a Hernia“ aufzählen. Während in der Schule die coolen Jungs die coolen Lieder hörten, hörte ich die selben Lieder, jedoch, und darüber lässt sich streiten, mit lustigeren Texten. Also hatte ich, in meiner Vorstellung als 12-Jähriger, gewonnen.

Über den Autoren

Den Gastbeitrag hatte Cabel Sasser verfasst, Gründer des auf Mac-Software spezialisierten Herstellers Panic. Das in Oregon ansässige Unternehmen stellt unter anderem den FTP-Client Transmit her. Übersetzung: Ole Leitloff

Doch es gibt noch mehr. Bevor ich zum Mac wechselte, besaß ich einen Amiga . Die meisten Leute kennen den Amiga nicht. Aber der Computer war seiner Zeit so weit voraus, dass er mühelos mehrere Programme parallel ausführen konnte und gleichzeitig die Unschuld seines Besitzers um jeden Preis verteidigte. Ich war so zufrieden mit meinem Amiga, dass die Firma bankrott ging. Zum Mac wechselte ich, weil es die einzige Wahl war. Unter keinen Umständen hätte ich einen PC benutzen können, denn das taten alle anderen: die Spießer mit ihren Anzügen, Hypotheken und ihren warmen Mittagessen. Der Mac war unbeliebt, wurde allgemein verspottet und, was am wichtigsten war, unglaublich gut.

Der Riese Apple

Es ist immer noch ein bisschen komisch für mich heute in einen Apple Store zu gehen und festzustellen, dass er randvoll mit Menschen ist und nicht nur mit Nerds wie mir, die bedauern, dass aus dem Kurzfilm Heat Vision and Jack keine Fernsehserie geworden ist. Alle, von den vor Photo Booth posierenden Mädels, die coolen Kids, die sich ihre Jams mit den „Beats by Dre“-Kopfhörern anhören, bis hin zu den hippen an winzigen Tischen Toca Boca spielenden Kleinkindern und den fragwürdigen Schwarzmarkt-Händlern, die 150 iPads mit Umschlägen voller Geld kaufen, wirklich alle sind im Apple Store angekommen.

Ja, in unglaublich kurzer Zeit hat Apple sich gewandelt. Apple hat eine neue Frisur bekommen, sich die Augen lasern lassen, den Schnurrbart abrasiert, die Nerd-Brille weggelassen und den iPod entwickelt. Und anschließend das iPhone . Und danach das iPad . Und das Momentum, welches bereits mit den Macs an Fahrt aufnahm, hob mit den iGeräten vollständig ab. Die Apple-Aufkleber wanderten langsam von der Volvo-Heckscheibe auf das Skateboard-Brett.

Das ist gut. Es ist wunderbar, dass Leute das gefällt, was ich schon immer geschätzt habe. Es ist spannend zu sehen, wie Apples Entwicklungen mehr Menschen erreichen als jemals zuvor. Es ist schön, dass über Facetime die aktuelle Folge von Game of Throne diskutiert wird und dass Facetime Großeltern und Enkelkinder verbindet. Es ist schön, endlich Spiele spielen zu können, (Spiele!) auf der Apple-Plattform. Es ist fantastisch zu sehen wie Leute realisieren, dass Macs die besten Computer der Welt sind. Aber manchmal, spät abends, höre ich Stimmen. Sie flüstern: „Wie lange kann das so weitergehen?“

Die Tränen von heute sind der Regenbogen von morgen

Letzten Endes ist das heutige Angry Birds das Pac Man von morgen und Skrillex von heute ist das Right Said Fred von morgen. Eigentlich war der Skrillex-Witz schon veraltet, als ich ihn vor 13 Sekunden geschrieben habe. Wenn Sie dies hier lesen, wird Skrillex schon längst durch etwas anderes ersetzt worden sein. Durch ich weiß nicht was, einen neuen Musiker namens Marsh-Mex, der für die Srianhachas singt. Diese Dinge verändern sich schnell. Suchen Sie mal auf Twitter nach „Wer benutzt Facebook?“ und Sie werden die schmerzliche Wahrheit kennenlernen: Antworten mit rollenden Emoji-Augen “tween eyeroll”, die besagen, dass auf Facebook nur ahnungslose dumme Eltern abhängen. Bereits jetzt.

Als mein Neffe in die Pubertät kam, setzte er sich mit einer hochwichtigen Sinnfrage des Lebens auseinander: iOS gegen Android. Ich habe mir so gut es ging auf die Zunge gebissen. Das Pro-Android-Argument war die Tatsache, dass seine Freunde Android-Handys besaßen und man alles anpassen konnte: die Farben der Menüs, die Icons, solche Sachen eben. Wenn man 13 ist spielt so etwas berechtigter Weise eine wichtige Rolle. Das werden die auf Klarheit und Einfachheit bedachten Köpfe bei Apple jedoch nie erlauben.

Das Problem mit großer Popularität ist, dass sie flüchtig ist und oberflächlich sein kann. Aber wissen Sie was? Ich kann damit insgeheim gut leben. Denn, aber erzählen Sie es niemandem weiter, ich fände es gar nicht schlecht, wenn Apple etwas weniger beliebt wäre, etwas weniger selbstüberzeugt. Ich merke manchmal, wie ich peinlicher Weise für Microsoft oder Nokia oder irgendjemanden Partei ergreife und hoffe, dass sie einen guten Kampf führen und das Feuer unter Apple am laufen halten. Die klügsten und unglaublichsten Leute arbeiten in Cupertino und ihre Fähigkeiten sind grenzenlos und ihr Antrieb endlos. Aber manchmal, besonders als Entwickler, bekommt man das Gefühl, dass Apple einen nicht wirklich braucht und gut ohne einen zurechtkommt, vielen Dank auch! Ich möchte, dass Apple uns braucht.

Apple und die Mitte

Wenn Apple die richtige Balance finden kann, ist alles gut. Mit Keynotes, die gerne gesehen, aber nicht von unrealistischen Erwartungen, wie fliegenden Autos, begleitet werden. Innovative Produkte, die ausreichend Entwicklungszeit haben, um wirklich neuartig zu sein. Führend in der Branche, aber mit einer Mission. Das würde natürlich bedeuten, dass der Aktienkurs (weiter) an Wert verliert und als Besitzer von Firmenanteilen mache ich mich damit zum Deppen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin wirklich froh, dass Apple den Erfolg hat, den die Firma seit langem verdient.

Wenn alles den Bach runtergeht, Apple, kannst du dir sicher sein: Wir - die Nerds - werden immer für dich da sein. Zumindest solange du uns nicht zuviel DRM zumutest oder all deine Gewinne dem Abschlachten von Delfinen zugute kommen lässt, werden wir deine Produkte kaufen und an deinen Lippen hängen. Wir sind dein #1 Fan. Wir sind nicht immer cool, aber schrecklich ausdauernd. Schließlich singt auch Weird Al seit 30 Jahren Lied-Parodien mit der selben Band.

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