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"Apple pflegt die Einfachheit, ist aber komplex"

08.06.2016 | 10:41 Uhr |

Ken Segall, kreativer Kopf hinter etlichen Apple-Werbekampagnen, promotet sein Buch "Think Simple". Apple habe keineswegs für Einfachheit verloren, müsse aber mit zunehmender Komplexität zurecht kommen.

Ken Segall, kreativer Kopf hinter vielen Apple-Werbekampagnen, fühlt sich missverstanden und versucht das nun gerade zu rücken. Letzte Woche war er für den Guardian in einem Beitrag der Frage nachgegangen, ob und wann Apple sein Gespür für Einfachheit verloren hatte, die britische Zeitung machte daraus eine Tatsachenbehauptung: "Wie Apple seinen Weg verlor: Steve Jobs' Liebe für Einfachheit ist verloren gegangen." In seinem Blog stellt Segall nun dar , dass Einfachheit auch eine Frage der Perspektive und der Betrachtung ist und bei Apple weiterhin ein hohes Gut sei. In den Jahren seit Steve Jobs' Tod sei die Firma jedoch deutlich komplexer geworden. Apple habe damit zu kämpfen, das Image wieder aufzubauen, dass Produkte aus Cupertino einfach zu bedienen sind.

Unsere Kollegen der Macworld haben im Anschluss ausführlich mit dem früheren Kreativdirektor der für Apple arbeitenden Agentur TWBA/Chiat/Day über sein neues Buch "Think Simple" gesprochen und wie er Apple denn nun genau in der Tim-Cook-Ära sieht.  Wie er nicht müde wird zu betonen: Apple habe keineswegs seinen Sinn für Einfachheit verloren, sei aber mit den Jahren stark gewachsen und somit das Angebot des Konzern reichlich komplex geworden.

Bedarf für Vereinfachung gebe es am meisten bei Apple Music / iTunes – mit der Ansicht steht Segall aber nicht allein und auch bei Apple dürften längst die Kritikpunkte an seiner Musikplattform angekommen sein. Auch seine Namensschemata könnte Apple mal wieder auf das wesentliche reduzieren, iPhone 6S Plus, iPhone SE, iPhone 6: All das hält Segall nicht mehr für einfach genug.

Wie der iMac beinahe anders hieß

Wie das mit der Nomenklatur geht, hat Segall zusammen mit seinem Auftraggeber Ende der Neunziger gezeigt: Den iMac hätte Steve beinahe MacMan nennen wollen. Vom Segall-Vorschlag iMac war er zunächst wenig begeistert, entschied sich aber doch um. Zum Glück, auch für die Nomenklatur folgender Produkte wie iPad, iPhone, iPad... Aber der Macintosh hätte ja auch beinahe Bicycle geheißen, schon damals ließ sich Steve Jobs vom besseren Gedanken überzeugen.

Aus der Zeit des iMac in Bondi Blue weiß Segall noch eine andere Anekdote zu erzählen: Apple setzte in den frühen Tagen des Internet noch verstärkt auf Printwerbung. In der von TWBA/Chiat/Day fertig gestellten Broschüre, die vielen gedruckten Magazinen beiliegen sollte, gefiel Steve Jobs auf einem Foto aber das Blau des abgebildeten iMac nicht. Dieses sei anders als auf den anderen Bildern, tobte Jobs. Der Dienstleister sah zwar keinen Fehler, tauschte das fragliche Bild dennoch aus. Später gratulierte Jobs der Agentur zu der besten Kampagne, die sie je gemacht hätten, ohne auch nur einmal auf seine zurückliegenden Vorwürfe einzugehen, Segall und sein Team würden den Start des iMac ruinieren.

Apples Zukunft sieht Segall durchaus positiv, ein iCar oder Apple Car hält er nach anfänglichen Zweifeln mittlerweile für eine gute Idee, es könnte sich als ähnlich disruptiv wie iPod und iPhone erweisen. Apple könnte aber das Problem bekommen, in vier Jahren einen nicht mehr aufzuholenden Rückstand auf Anbieter wie Tesla sich eingehandelt zu haben.

Einfach machen ist nicht immer so einfach

Dem Thema Einfachheit und wie sie erreichbar ist, haben die Kollegen von brandeins in diesem Monat ihren Schwerpunkt gewidmet. Es gehe in der Regel bei Forderungen wie "Keep it simple" oder "Simplify your life" nicht darum, Komplexität zu vermeiden, sondern sie einfach zu erklären. Wer nicht in der Lage sei, komplizierte Dinge einfach zu erklären, habe sie selbst wohl nicht ausreichend verstanden. Das dürfte auch die Herausforderung für Apple in den nächsten Jahren sein. Der Leitartikel zum Themenschwerpunkt "Einfach machen" von Wolf Lotter ist kostenfrei im Netz zu lesen , Ken Segalls Buch " Think Simple " und dessen Vorgänger " Insanely Simple " sind unter anderem bei Amazon erhältlich.

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