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Apples Chef-Designer Jonathan Ive im Interview

03.09.2003 | 12:20 Uhr |

Marcus Fairs, Chefredakteur des britischen Icon Magazines hat Apples Chef-Gestalter nach dessen Kür zum Designer des Jahres über seine Philosophie der Gestaltung befragt.

Jonathan Ive, Apples Chef-Designer, hat Anfang Juni 2003 vom Londonder Design Museum den mit 25.000 Pfund (rund 36.000 Euro) dotierten Preis "Designer des Jahres" verliehen bekommen. Marcus Fairs, Chefredakteur des Icon Magazines, hat die Gelegenheit der Preisverleihung genutzt, den gebürtigen Briten über seine Grundsätze der Gestaltung und das Teamwork in Cupertino zu befragen.

Ins Deutsche übertragen von Peter Müller

Das vorliegende Interview ist ursprünglich im britischen Icon Magazine erschienen, einer Fachzeitschrift, die sich mit Architektur, Inneneinrichtung und industriellem Design beschäftigt. In ihrer September-Ausgabe 9/2003 druckte auch unsere Schwesterzeitschrift Macworld UK das Gespräch ab.

Es ist neun Uhr morgens am Tag, nachdem Jonathan Ive die Kür zum Designer des Jahres gewann. Wir sitzen in der Penthouse-Suite des Hotels St-Martins Lane in London. Ive trägt die gleiche Kleidung wie am Vorabend während der im Fernsehen übertragenen Preisverleihung: Ein einfarbiges marineblaues T-Shirt, graue Militärhosen und Turnschuhe. Sein Dreitagebart ist über Nacht ein wenig gewachsen. Er hat einen muskulösen Oberkörper und kurz geschnittene Haare, strahlt jedoch eine überraschende Freundlichkeit aus.
Ive ist einfach nur ein freundlicher Kerl, der zufälliger Weise ein geniales Talent für das Designen von Computern hat. Er scheint ein wenig benommen von seiner Bekanntheit zu sein und unterzieht sich den aufreibenden Interview-Prozeduren wie ein Kind, das folgsam seinen Broccoli aufisst. Gratulation zum Gewinn des Award, sage ich, als er sich etwas umständlich auf das Sofa setzt. "Es ist nun wirklich, ähm, ja, danke!" sagt er schamhaft.
"Designer des Jahres" beschreibt bei weitem nicht ausreichend, was Ive in den letzten zehn Jahren bei Apple erreicht hat. Es gibt nur wenige Gestalter die wie Ive und sein in Cupertino im Apple-Hauptquartier beheimatetes kleines Team einen dermaßen großen Einfluss auf die Wirtschaft und die Gesellschaft hatten. Mit dem 1998 herausgekommenen originalen iMac gestaltete er den ersten Computer der sowohl Verlangen als auch Leidenschaft ausgelöst hat, indem er ein Produkt gewissermaßen verweiblichte, das bis dato als streng männlich gegolten hat. Plötzlich definierten sich Rechner nicht mehr über die Kapazität ihrer Festplatte oder der Taktrate des Prozessors, sondern eben auch in Begriffen wie Farbe, Form und Haptik.
Der Einfluss des iMac war enorm: Nicht nur hat er das Schicksal des um das Überleben kämpfenden Mac-Herstellers gewendet, sondern auch eine wahre Flut von bonbonfarbenen Produkten ausgelöst.
Doch Ive ist ein zwanghafter Innovator und die zweite Generation des iMac - im Januar 2002 an den Start gegangen - nahm für etwas radikaleres Abschied von der Assoziation mit Süßigkeiten. Mit seiner halbkugelförmigen Basis und dem frei schwenkbaren Flachbildschirm, unterschied sich die ganz in weiß gehaltene Maschine erheblich von allen anderen Computern. Der MP3-Player iPod wurde schnell zum meistverkauften Produkt seiner Art weltweit, und hatte seit seinem Verkaufsstart im Herbst 2001 wohl einen noch größeren Einfluss auf die Verbraucher, indem er ihre Hörgewohnheiten änderte.
"Der iPod hat sofort die Art und Weise verändert, wie wir Musik hören, ja, es ist ein einschneidendes Produkt. Es ist lustig, durch die Stadt zu spazieren und bei vielen Passanten die verräterischen weißen Kabel hervorlugen zu sehen, die zu den weißen Ohrsteckern führen."
Wie alle von Ive gestalteten Produkte, geht der Erfolg des iPod auf den Zusammenhang des physikalischen Designs mit der Funktionalität zurück. Das berührungsempfindliche Bedienrad erlaubt den Anwendern ohne Anstrengung durch ihre Musikbibliotheken zu scrollen und dabei Titel auszuwählen, die man erst kürzlich von seinem Mac via iTunes geladen hat.

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