2107604

Apples Verschlüsselung soll die Gerechtigkeit gefährden

13.08.2015 | 17:52 Uhr |

Schützt die gute Verschlüsselung von iOS 8 Verbrecher? Mit einem Aufruf heizen hohe Sicherheitsbeamte die Diskussion erneut an.

Unter dem Titel " Wenn die mobile Verschlüsselung die Gerechtigkeit aussperrt " warnen hochrangige Staatsanwälte und Polizeichefs davor, dass der starke Datenschutz moderner Smartphone-Systeme die Ermittlungen behindere. So fordern der New Yorker Staatsanwalt Cyrus Vance, François Molins, Oberstaatsanwalt in Paris, Londons Polizeipräsident Adrian Leppard und der spanische Oberstaatsanwalt Javier Zaragoza legale Wege die Verschlüsselung auf modernen Smartphones umgehen zu können. Namentlich sind in ihrem jetzt in der NY Times erschienenen Artikel Apple mit iOS 8 und Google mit der letzten Version von Android genannt.

Die Diskussion, wie weit Datenschutz und Privatsphäre auf Kosten von Sicherheit zu wahren sind, läuft schon lange und eine Lösung, die für alle Beteiligten – Smartphone-Nutzer wie auch die Exekutive – annehmbar ist, steht aus. Doch in der Argumentation der vier Staatsanwälte finden sich Punkte, die ein schiefes Bild zugunsten des Sicherheitsaspektes zeichnen.

Die Autoren beginnen ihren Text mit dem starken Bild vom Mord an einem Familienvater. Der Fall blieb ungelöst, weil die Polizei keine Hinweise auf den Täter fand. Zwar hatten die Ermittler neben dem Ermordeten zwei Smartphones gefunden, ein iPhone 6 und ein Galaxy Edge; an die Daten konnten sie jedoch nicht, da sie keinen Passcode zu den Geräten hatten. Hätten die Ermittler an die Daten gelangen können, wäre der Fall gelöst worden – so zumindest die Schlussfolgerung der Autoren. Tatsächlich handelt es sich hier um reine Vermutung und nicht um die Tatsachen.

Des Weiteren zitiert Staatsanwalt Vance Zahlen der Fälle in seinem Bezirk , in denen neuere iPhones als Beweisstücke galten. 92 iPhones wurden in solchen Fällen seit Herbst 2014, also seit dem Start von iOS 8, registriert, 74 davon, also 80 Prozent, konnte die Polizei nicht entsperren. Selbst wenn 80 Prozent nach einer beachtlich hohen Zahl klingen, auch hier muss man relativieren. Bei seinem Auftritt vor dem US-Amerikanischen Senat im Juli hat Staatsanwalt Vance auch die absoluten Zahlen der registrierten Verbrechen in seinem Bezirk genannt - rund 100.000 Kriminalfälle ( Seite 1 im Dokument ). Stellt man diese Zahlen in Verhältnis zu den nicht geknackten iPhones, beträgt deren Anteil an den gesamten Fällen in einem New Yorker Bezirk pro Jahr nur 0,00074 Prozentpunkte. Bleibt offen, wie viele von diesen 74 iPhones tatsächlich zu einer erfolgreichen Ermittlungen hätten beitragen könnten. 

Auch Edward Snowden und dessen Enthüllungen nutzen die Autoren als Argument. "Die neue Verschlüsselung von Apple würde die Massenspeicherung der Daten oder die Zwischenschaltung in die Telefonverbidungen durch die NSA nicht verhindern." Das stimmt zwar, liest man allerdings die Details im ursprünglichen Artikel auf Guardian , wird schnell klar, dass die Datensammlung direkt beim Mobilfunkprovider stattfand. Auf diese Art von Daten hatten und haben Smarphone-Hersteller keinen Einfluss.

Auch der Hinweis auf eine erfolgreiche Terrorismusbekämpfung fehlt nicht im Aufruf. Die End-zu-End-Verschlüsselung hindere solche Ermittlungen und mache den Kampf gegen den Terrorismus ineffizienter. Zwar kann man die Position der Staatsanwälte verstehen - ein Smartphone ist eine Sammlung aller persönlichen Daten auf einem Stück Hardware, das dazu noch mobil ist. Doch wie jedes technische Mittel liegt es nicht an einem bestimmten Hersteller oder der iOS-Version, ob das iPhone für Liebesnachrichten oder für die Terroristenanwerbung dient. Terrorismus, auch digitaler, findet im Netz statt und ein iPhone bzw. dessen Verschlüsselung ist nur Mittel zum Zweck und keine Ursache. Schließlich bittet niemand die Autoindustrie, nur langsame Autos zu bauen, weil Polizisten in Opels mit Verbrechern in schnellen Porsches nicht mithalten können.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2107604