955876

Aufschwung im Musikmarkt: Legale Downloads sollen Rettung bringen

21.09.2006 | 16:05 Uhr |

Die Musikmesse Popkomm, die gestern in Berlin ihre Pforten eröffnet hat, feiert den Aufschwung: Nachdem die Verkäufe von Silberscheiben seit Jahren zurück gehen, erscheinen der gebeutelten Musikindustrie legale Downloads im Internet als ein Silberstreif am Horizont: Dank iPod, anderen MP3-Playern und Multimedia-Handys boomen die Angebote, 2006 könnten in Deutschland 25 Millionen Songs über die virtuellen Ladentheken gehen.

Sowohl die Marktforscher von Media Control , die wöchentliche Hitlisten erstellen, als auch Bitkom stimmen das Hohelied der Download-Plattformen an: "Noch nie wurde in Deutschland so viel Musik im Internet gekauft wie im ersten Halbjahr 2006", schreibt der Branchenverband in einer Pressemitteilung. 11,71 Millionen Downloads verzeichnet er für das erste Halbjahr 2006, das sind 33 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Während Bitkom auch beim Kauf von Alben mit mehreren Titeln nur einen Download zählt, rechnet Media Control jedes Musikstück einzeln. Die Chart-Spezialisten aus Baden-Baden sprechen von 17,5 Millionen Songs zwischen Januar und August 2006, das sind sogar 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Die Hoffnung ist online

Mit 21,2 Millionen Euro Umsatz im ersten Halbjahr 2006, laut Bitkom über einem Drittel mehr als ein Jahr zuvor, tragen Musik-Downloads überproportional zum Musikgeschäft bei: "Für die Musikindustrie ist der digitale Vertrieb damit endgültig zu einem der wichtigsten Standbeine geworden. Während der Absatz klassischer Tonträger weitgehend stagniert, legen die Downloads zweistellig zu, erklärt Bitkom-Präsident Willi Berchtold.

Zahlenspiele

Die Statistiken seines Verbandes fördern aber auch das eine oder andere interessante Detail zu Tage: Beispielsweise kaufen im Internet mit 64 Prozent mehr Männer ein als Frauen. Entweder bringt die Durchschnitts-Dame von heute noch die Muße mit, auf dem Weg von der Handtaschenboutique in den Schuhladen noch im Plattenladen vorbeizuschauen - oder die Handtasche war so teuer, dass es für die Musik nicht mehr reicht. Auch lässt sich beobachten, dass die Deutschen im Internet deutlich mehr einzelne Songs als Alben laufen, die Tendenz hin zum einzelnen Titel könnte sogar zunehmen. Während 2005 für den Durchschnitts-Download - Alben eingeschlossen - noch 1,89 Euro gezahlt wurden, sind es aktuell nur noch 1,79 Euro. Das mag an sinkenden Preisen liegen oder aber am steigenden Anteil der Single-Käufe.

Flatrates und Rosenstolz

Media Control wie Bitkom sehen für die Musikbranche eine Zeit der Konsolidierung anbrechen: Die CD-Verkäufe sind anscheinend am Tiefpunkt angekommen und gehen nicht mehr weiter zurück, die Umsätze im Internet steigen. Bereits die Hälfte aller Surfer geht über eine Flatrate ins Netz, bis zum Jahresende sollen es noch mehr werden. Auch boomt die neueste deutsche Welle: Allen voran Rosenstolz, aber auch Xavier Naidoo, Tokio Hotel und Silbermond sowie die Fußball-WM-Hits von Herbert Grönemeyer und Sportfreunde Stiller sorgen gemeinsam dafür, dass sich deutsche Künstler wieder hervorragend verkaufen.

Zukunftsmusik

Für die Zukunft sehen die Experten weiteren positiven Trends entgegen: Der Weltmarktführer Apple, für den weder Bitkom noch Media Control separate Zahlen vorlegen, scheint mit der Erweiterung seine iTunes Music Store zum iTS mit Videoinhalten auf das richtige Pferd zu setzen: "Ob Spielfilme, Serien oder Dokumentationen - noch nie wurden so viele Videos legal aus dem Internet abgerufen wie in diesem Sommer", meldet die Bitkom. Mit 160.000 kommerziellen Video-Downloads pro Monat sei dieser Markt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent gewachsen. Media Control freut sich derweil auf mehr Bewegung im Musik-Business: "Denn neben den etablierten Anbietern stehen mit Samsung und Microsoft weitere starke Player kurz vor dem Start eigener Plattformen."

Das Letzte: Weiterhin kein Unrechtsbewusstsein bei Tauschbörsenbenutzern

Trotz guter Vorzeichen im Musikmarkt bleibt das Problem der illegalen Downloads am Ende bestehen. Bernd Neumann, Kultur-Staatsminister, machte zum Auftakt der Popkomm erneut auf die Missstände aufmerksam. "Allein 2005 seien Titel im Wert von rund 20 Milliarden Euro online getauscht oder heruntergeladen worden", zitiert ihn Heise. Der Staatsminister stelle fest , dass es bei Urheberrechtsverletzungen nach wie vor "kein Unrechtsbewusstsein" gebe: "Dies kann nicht so bleiben."

0 Kommentare zu diesem Artikel
955876