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Augmented Reality: Was Apple mit Metaio vorhat

11.12.2015 | 09:49 Uhr |

Warum Augmented Reality wichtig für Apple wird und welche Rolle die deutsche Firma Metaio dabei spielt.

Mit zwei Firmenkäufen sorgt Apple 2015 unter Entwicklern für Unruhe, der Übernahme des Münchner Unternehmens Metaio und dem Kauf der Schweizer Firma Faceshift . Die meisten Wellen schlägt der Kauf von Metaio, eines Spezialisten für Augmented-Reality-Software. Gilt die 2003 gegründete Firma mit 130 Mitarbeitern doch als Markführer im Zukunftsmarkt Augmented Reality und steht hinter bekannten Lösungen wie einem interaktiven Ikea-Katalog oder einer Werkstatt-Lösung von Volkswagen. Den Marktwert von Themen wie Augmented Reality darf man nicht unterschätzen. So erwartet beispielsweise die Deutsche Bank , dass bis 2020 der globale Markt für AR von 500 Millionen Euro auf 7,5 Milliarden steigt. Da darf eine Plattform wie iOS natürlich nicht außen vor bleiben!

Der Ablauf der Metaio-Übernahme sorgt jedoch für Erstaunen: Die 130 000 Entwickler, die Metaios Software nach Firmenangaben verwenden, stehen im Mai 2015 ohne Vorwarnung vor verschlossenen Türen. Nur noch bis 15. Dezember können sie ihre teuer erworbene Software herunterladen, der E-Mail-Support wird schon zum 30. Juni eingestellt. Auf Anfragen per E-Mail reagiert die vorher so aktive Firma seitdem nicht mehr, wie wir schnell feststellen. Bis zum Kauf galt die gut vernetzte Firma als Markführer im Bereich Augmented Reality und bot die führende Tracking-Lösung auf dem Markt. In Bereichen wie Chip-Design arbeitete Metaio mit Xilinx zusammen, an mehreren staatlichen Forschungsprojekten ist Metaio ebenfalls beteiligt. Einige deutsche Hochschulmitarbeiter reagieren verschnupft, profitierte Metaio doch stark von Kooperationen mit Universitäten und staatlichen Fördergeldern.

Ein Kaufpreis wird nicht genannt, Apple muss den beiden Firmengründern Thomas Alt und Peter Meier aber ein gutes Angebot gemacht – schließlich hat das Unternehmen keine Geldprobleme. Laut Geschäftsbericht macht Metaio 2014 Verluste von 736 000 Euro – bei einem Umsatz von 7 Millionen Euro. Da das Unternehmen noch in der Aufbauphase und solide finanziert ist, haben die beiden Besitzer aber keinen akuten Grund zum Verkauf. So ist auch in Metaios Geschäftsbericht von 2014, der im Oktober 2015 erscheint, von einem Abbruch der Geschäftstätigkeit keine Rede. Sogar die Steigerung des Umsatzes für 2015 wird erwartet - was aber mit einem Stopp der Software-Verkäufe wohl nicht möglich sein wird. Nur einige Hinweise sind hier zu finden, so werde der neue Eigner Umstrukturierungen vornehmen. Auch der neue Geschäftsführer ist aufgeführt: Gene Daniel Levoff, Apples Vice President of Corporate Law.

Wenn man 200 Milliarden Dollar auf Auslandskonten hat, kann man natürlich in Europa Startups kaufen wie Bonbons. Trotzdem hat Apple mit Firmenkäufen immer strategische Ziele verfolgt. Eine der ersten Gedanken in den Medien ist, Apple wolle dank Metaio mit Augmented-Reality-Funktion seine App Karten erweitern. Dank Augmented Reality richtet man beispielsweise sein iPhone auf eine Straße und erhält Restaurants und ihre Bewertungen angezeigt. Allerdings ist das eigentlich kein Grund für den Kauf der kompletten Firma. Die Theorie einer exklusive Entwicklungslösung für Apple-Geräte klingt da wahrscheinlicher. Wäre doch für die Stärkung der iOS-Plattform die Software und das Know-How von Metaio sehr wertvoll. So fürchten bald viele Entwickler, die plattformübergreifend nutzbare Entwicklungslösung von Metaio werde bald nur noch für iOS-Geräte zur Verfügung stehen. Warum Metaio aber alle 130 000 Kunden derart vor den Kopf stößt und indirekt zur Suche nach Alternativen wie Vuforia auffordert, erklärt dies nicht.

Ein möglicher Grund sind nach unserer Meinung die berüchtigten Smartphone patent wars . Will man AR-Technologie in seinen Smartphones verwenden, braucht man entsprechende Patente oder muss für jedes einzelne Gerät Lizenzgebühren zahlen. Vielleicht ist Apple ja vor allem an den Metaio-Patenten interessiert – allein schon um im AR-Feld tätig sein zu dürfen. Laut einer Studio von Patentvue hielt Mitte 2015 allein Samsung 550 Patente in diesem Bereich, Sony 639 und Microsoft 392. Bereits erteilt wurden den AR-Pionieren aus München 55 Patente im Bereich Augmented Reality weitere 110 waren Anfang 2015 angemeldet. Aus der Perspektive von Metaio wird die Kooperation mit Apple verständlicher, braucht die Firma für die Durchsetzung und Auswertung seiner Patente doch einen starken Partner mit tiefen Taschen. So stehen Firmen wie Samsung, Google und Apple in einem wenig beachteten Krieg um Patenten, bei dem es um Milliarden geht und der Millionen an Prozesskosten fordert. Ein Beispiel, um welche Summen es geht:  Zwei Verfahren gegen Samsung kosteten Apple knapp 60 Millionen US-Dollar . Einigen sich streitende  Konzerne doch außerdem oft nicht durch Geldzahlungen, sondern die gegenseitige Duldung von Patenten. Einem kleinen deutscher Mittelständler ginge da schnell das Geld aus...

Kauf von Faceshift als Bestätigung

Metaio war aber nicht die einzige Firma aus dem Bereich Augmented Reality, die sich Apple einverleibte. Der zweite Firmen-Neuzugang ist weit weniger bekannt als Metaio. 2012 wurde die Faceshift AG Thibault Weise, Brian Amberg und Sofien Bouaziz in Zürich gegründet, als Ausgründung der ETH Lausanne und der ETH Zürich. Spezialität der Faceshift-Macher ist Motion-Tracking,

Faceshift bietet eine Software, die Mimik und Emotionen auf einen Avatar übeträgt.
Vergrößern Faceshift bietet eine Software, die Mimik und Emotionen auf einen Avatar übeträgt.

Etwa zwölf Entwickler scheinen in London und Zürich bei Faceshift zu arbeiten. Prominente Verwendung findet Faceshift  im aktuellen Star-Wars-Film. Neben dem Einsatz im Film ergeben sich auch Möglichkeiten für virtuelle Welten, Computerspiele und Mensch-Computer-Interaktion. Eine Webcam genügt, Mimik und Emotionen eines Benutzers aufzunehmen, und live auf einen virtuellen Charakter zu übertragen. Verwendbar ist die Software für Gesichtserkennungs-, Augmented-Reality- oder Security-Aspekte. Auch hier ist der Kaufpreis nicht bekannt. Eine schnelle Nutzung durch Apple ist aber wahrscheinlich: Gut möglich, dass Face-Shift-Technologie bald in Apples Chat-Programm Nachrichten auftaucht. Der Zukauf bestätigt jedenfalls, dass es Apple mit dem Thema Augmented Reality ernst ist.

Warum Augmented Reality für Apple wichtig ist

Wer sich im Zukunftsmarkt Augmented Reality durchsetzen wird, hat sich noch nicht abgezeichnet. Dass man mit dieser Technologie in wenigen Jahren mehrere Milliarden umsetzten wird, steht für viele Analysten und Fachleute aber bereits fest. Von den bisherigen Anwendungsbeispielen sollte man sich dabei nicht irritieren lassen: Es steckt mehr hinter Augmented Reality als ein interaktiver Ikea-Katalog oder 3D-Apps zum neuen BMW Mini-Modell. Werbung war nur zufällig eines der ersten Einsatzgebiete. So ist unter Werbeschaffenden der Trend aktuell bereits wieder im Abflauen. Apps von Immobilensuchmaschinen, die freie Wohnungen im iPhone-Display einblenden, blieben ebenfalls ein Werbe-Gag (anscheinend wollen viele Vermieter den genauen Standort ihrer Objekte erst bei der Präsentation verraten.)

Man darf nicht vergessen, dass Augmented Reality einige einzigartige Möglichkeiten bietet. Stärke ist die Nutzung als Informationsvermittler: Statt Sterne mit einer Sternenkarte zu identifizieren, richtet man bei einer App wie Sterne 3D einfach sein Handy in den Sternenhimmel und kann die Sternennamen im Display ablesen. Die Eignung für Unternehmen wird ebenfalls noch unterschätzt. Apple will bekanntlich aber auch hier einen Fuß in die Tür bekommen. So genannte Wearable Devices wie die Apple Watch könnten dem Thema einen zusätzlichen Schub geben. Schließlich eignet sich die Technologie nicht nur für Endanwender, sondern wird bereits von Unternehmen wie Post, SAP, Bosch und Airbus getestet oder eingesetzt. Hier haben sich in den letzten Jahren einige weniger publikumswirksame aber profitable Einsatzbereiche ergeben: Vor allem in Bereichen wie Ausbildung, Dokumentation und Logistik kann Augmented Reality viel Zeit und Personal sparen. Statt bei einer Autoreparatur umfangreiche Handbücher zu wälzen, richtet man ein iPad mit AR-App auf das Auto und erhält beispielsweise den Kabelbaum eingeblendet. Interessant ist das System ebenso für Logistikunternehmen wie die Post: Bei der Lagerverwaltung spart man mit einer Datenbrille viel Zeit und Geld. Beim so genannte „Vision Picking“ zeigt eine Datenbrille dem Logistikmitarbeiter, was er aufnehmen soll und wo er es findet. Von ersten Testläufen bei DHL ist der Logistikkonzern recht angetan, so könne AR die Effizienz bei der Kommissionierung um 25 Prozent steigern. Allerdings nennt ein DHL-Report in seinem Ausblick einige Hürden: Akkuprobleme, hohe Investitionskosten, Netzwerkprobleme, Datenschutz und öffentliche Akzeptanz. Hat doch die Google Glass in der Öffentlichkeit einige Vorbehalte ausgelöst. BMW stellte auf Basis einer Daten-Brille eine Lösung für KFZ-Wartung vor, VW ein ähnliches Projekt namens MARTA, auf Basis eine iPad-App. Noch sind beide Lösungen Testprojekte und längst nicht für deutschen Servicewerkstätten verfügbar. Erprobt wird ein Einsatz in der Planung, etwa um einem Architekten in Echtzeit CAD-Daten zu einem Rohbau einzublenden. Neue Geschäftsfelder, die Apple sicher nicht der Android-Plattform überlassen will.

Unsere These:

Wir vermuten, der Kauf von Metaio ist eine Investition in die Zukunft der iOS-Plattform. Dabei geht es vermutlich nicht nur um die beste Entwicklungslösung sondern auch ein umfangreiches Patent-Paket, das Apple gegen Konkurrenten wie Google und Microsoft schützt.

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