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BTX forever!

02.09.2003 | 13:35 Uhr |

Manche Dinge sterben nie. Zumindest nicht in den Gedanken der Anwender. Commodores Amiga zum Beispiel. Oder auch die Geburtsstätte von Max-Headroom-Klon Robert T. Online, dem legendären Bildschirmtext. Ein Nekrolog zum 20. Geburtstag.

Heute vor genau 20 Jahren gab die Deutsche Bundespost den Startschuß für den revolutionären "Bildschirmtext" auf der Internationalen Funkausstellung im damals noch geteilten Berlin. Per Modem konnten sich von heute auf morgen plötzlich (theoretisch) alle Bundesbürger in ein Datennetz einwählen, ihre Bankgeschäfte erledigen, elektronische Botschaften verschicken, Informationen der Kohl-Regierung abrufen und natürlich bei Quelle nach Herzenslust rund um die Uhr shoppen. Und das alles bei sagenhaften 1200 Bit pro Sekunde, umgerechnet 150 Byte. Besonders cool: Dieses telekommunikationsmäßige Wunderwerk funktionierte komplett ohne Computer - mit einer BTX-Konsole genügte ein handelsüblicher Fernseher, zur Eingabe von Texten gab es eine Infrarot-Tastatur. Vom Sofa aus aktuelle Nachrichten lesen und die Geldgeschäfte erledigen; das klingt nach einer Vision, die uns verschiedene Firmen wie beispielsweise Metabox auch schon in den fetten Jahren der New Economy auf die Nase binden wollten. Heute wissen wir: Das waren alles Nachahmer, freche Kopierer, die mit dem Erfolgskonzept von BTX ihre überbewerteten Start-Ups vor dem Konkurs und ihren Sportwagen-Fuhrpark vor dem Gerichtsvollzieher retten wollten.

Den Siegeszug begann BTX mit lächerlichen sechs Farben und einer Auflösung von 40 x 24 Bildschirmzeichen. Hauptsächlich gab es Text zu sehen, grobe Blockgrafiken bemühten sich um optischen Sex-Appeal - ungefähr so, wie das heute immer noch existierende Videotext-Programm. Mit der Zeit erlernte die BTX-Software aber höhere Auflösungen und mehr Farben. Womit die späteren Angebote eher an gute C-64-Grafiken erinnerten. Natürlich liessen sich damals populäre Personal-Computer wie die ersten MS-DOS-PCs und auch Commodores Amiga per spezieller Hardware an das BTX-Netz anbinden. Anwender ohne Rechenknecht griffen auf die heute klobig wirkenden Multitel-Geräte zurück, die einen kleinen Monitor mit einer Tastatur in einem Gerät vereinten.

Wähl - mich - an!

Generell bestach BTX durch seinen Bedienungskomfort: BTX-Decoder anschalten, einwählen und innerhalb weniger Sekunden durfte sich der Benutzer durch unzählige Menüstrukturen zum gewünschten Ziel hangeln. Im Gegensatz dazu blieben die klassischen Mailboxen lediglich Computer-Profis vorbehalten, der Otto Normalverbraucher fand sich im biederen BTX einfach besser zurecht. Zudem hatte BTX schon damals einen entscheidenden Vorteil, den das Internet erst seit kurzer Zeit vorweisen kann: Geldtransfers zwischen Banken und Informationsanbietern waren sehr sicher und nahezu unangreifbar. Aber nur nahezu: Der berüchtigte Chaos Computer Club führte das System Ende 1984 durch einen kleinen Hack medienwirksam vor - ein einfacher Automatismus erleichterte die Hamburger Sparkasse um stattliche 135.000 Deutsche Mark. Überhaupt ging es in BTX vor allen Dingen in den späteren Jahren immer öfter um sehr viel Geld: Wer sich zum Beispiel zu lange auf einer der schmuddeligen Sex-Seiten Marke Beate Uhse herumtrieb, konnte den gnadenlosen Einheitenzähler nicht aufhalten - nicht selten haben sich neugierige Zeitgenossen mit ihrem gesteigerten Erotik-Informationsbedarf horrende Telefonrechnungen eingehandelt.

Am 1. Dezember 2000 kappte die Deutsche Telekom alle Zugänge ins BTX-Netz, das Anfang der 90er Jahre in "Datex J" ("J"edermann) umbenannt wurde. Alle enthaltenen Angebote lebten bis dahin bereits im Internet weiter, und die Nachfolge des erfolgreichen Dienstes - bei dem zeitweise mehr als 500.000 Benutzer angemeldet waren - trat schließlich T-Online an. Auch wenn böse Zungen bei BTX von einem der "größten Marketingflops Deutschlands" sprechen, muss man der Entwicklung auf jeden Fall eines zugestehen: Der erste deutsche Online-Dienst inklusive Online-Banking war bis zum Siegeszug des Internets 1996 seiner Zeit voraus. In diesem Sinne: Happy Birthday, Bildschirmtext. Und rest in peace.

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