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Wie das iPhone Blinden im Alltag hilft

07.02.2012 | 10:54 Uhr |

Laut des Berufsförderungswerks Würzburg gibt es in Deutschland ungefähr eine halbe Million sehbehinderte Menschen, ein Drittel davon ist blind. Mit der digitalen Revolution bekommen diese Menschen eine weitere Hilfe neben Langstock und Blindenhund an die Hand: Das iPhone.

iPhone4S
© Apple

Als Steve Jobs im Januar 2007 während der Keynote zur Macworld Expo in San Francisco das brandneue Gadget aus der Tasche zog und alle Möglichkeiten des iPhone vorführte, waren die Technik-Fans begeistert: Ein einziges Gerät für drei Zwecke - Telefonieren, Musik abspielen und im Internet surfen. Eine kleinere Gruppe von Menschen, die selten bei solchen Anlässen zum Wort kommen, hatte auch einen Grund zum Feiern: Apple hat in das iPhone seine Bedienungshilfen für Sehbehinderte und Gehörlose eingebaut, die das Gerät zu einem perfekten Begleiter für körperlich beeinträchtigte Menschen machen. Wie gut die Bedienungshilfen am iPhone oder iPad wirklich sind, können die Betroffenen am Besten selbst erzählen. Wir haben mit Lehrern und Schülern des Berufsförderungswerks für Blinde und Sehbehinderte in Würzburg gesprochen.

Das Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg ist eines von drei überregionalen Berufszentren in Deutschland, die sich auf berufliche Bildung für sehbehinderte und blinde Menschen spezialisiert haben, derzeit bilden sich über 200 sehbehinderte Menschen in Würzburg fort, deren Sehvermögen Unfälle oder Krankheiten beeinträchtig haben und die somit ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mehr wie bisher nachgehen können. (Anmerkung: als sehbehindert gelten Menschen mit 30 Prozent Sehleistung mit Brille oder Kontaktlinsen, als blind Menschen mit 2 Prozent und weniger Sehleistung).

Die Teilnehmer durchlaufen am BFW zwei Stufen bei der Berufsrehabilitation: Auf der ersten Stufe, der Grundrehabilitation lernen sie, sich neu zu orientieren und zu bewegen, außerdem lernen sie den Umgang mit Punktschrift und Langstock. Die zweite Stufe beinhaltet die eigentliche Berufsausbildung. Eine Gruppe von Schülern und Lehrern nutzt begeistert das iPhone und iPad im Schulalltag. Hellmuth Platz, Lehrer für Orientierung und Mobilität und EDV, meint zu den hohen Preisen der Apple-Produkte: "Vor dem iPhone musste man für die blindheitsgemäße Nutzung ein teures Smartphone und mit "Talks" zusätzlich eine nicht gerade billige Software kaufen. Da das iPhone die Bedienungshilfen wie Voice Over ab Werk bietet, lohnt sich solche Anschaffung allemal." ( Talks ist eine Software von Nuance, speziell für Menschen mit Sehbehinderung entwickelt, eine neue Lizenz kostet je nach Bedingungen (SIM- oder IMEI-gebunden) von 190 bis 320€. Anm. der Red.)

Der blinde BFW-Teilnehmer Cem Tören hat seit neun Monaten ein iPhone 4. Zu der Blindbedienung eines Touchscreens meint er: "Ich habe sieben bis acht Wochen gebraucht, bis ich mein iPhone blind bedienen konnte. Dafür habe ich mir jeden Tag mindestens eine Stunde Zeit genommen und verschiedene Funktionen ausprobiert. Am Anfang, wenn etwas nicht klar war, habe ich noch meine Mutter oder Schwester um Hilfe gebeten. Dazu habe ich mich ziemlich intensiv mit anderen Nutzern in spezialisierten Foren ausgetauscht. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man am schnellsten lernt, wenn man selbst viel ausprobiert." Zu der Funktionalität des iPhone sagt er: "Ich benutze sehr oft die Standard-Anwendungen von iOS 5 wie Erinnerungen, Kalender, Taschenrechner, Uhr. Zusätzlich zu den iOS-Apps habe ich " Fahrplan " für die öffentliche Verkehrsmittel, " Navigon " zur Orientierung und Navigation. Dazu kommt eine Scann-App " Saytext ", die Texte abfotografieren und laut vorlesen kann. Zusätzlich habe ich eine Erkennungs-App " Omoby " heruntergeladen. Wenn man einen Gegenstand mit der iPhone-Kamera fotografiert, kann die App anhand des Barcodes oder Form diesen Gegenstand erkennen und über Sprachausgabe nennen. Ähnlich funktioniert " Color Reader ": wenn man die Kamera vor einem Gegenstand hält, nennt die App nach einer kurzen Zeit die Farben."

Hellmuth Platz fügt hinzu: "Leider bietet nicht jede App im iTunes Store die Voice-Over-Funktionen. Nicht alle Entwickler weisen auch auf Voice Over in der App-Beschreibung hin. Am BFW Würzburg hat sich ein wöchentliches Treffen etabliert, in dem sich die Schüler über die geeigneten Apps, über das Zubehör, Tipps und Tricks der Blindbedienung am iPhone und iPad austauschen können. Cem Tören muss ich ein Kompliment machen: er hat eine nicht dokumentierte Geste für iOS gefunden, die es erlaubt, die Bedienflächen in den Apps umzubenennen. Dafür muss man auf den entsprechenden Knopf in der App doppelt antippen. Der erste Tipp wird mit einem Finger ausgeführt, der nachfolgende - mit zwei. Diese Geste ermöglicht dem Nutzer die Sprachausgabe zu beeinflussen, was für Apple ungewöhnlich ist."

Zu den neuen intelligenten Sprachassistenten meint Hellmuth Platz: "Mit Siri hat unsere Klientel noch eine zusätzliche Möglichkeit, etwas in ein iPhone einzugeben. Die Anwendung ist noch im Beta-Stadium, aber es funktioniert zur Zeit erstaunlich gut, und ich glaube, sie wird sich weiterentwickeln und verbessern, wenn beispielweise die Wissensdatenbank " Wolfram Alpha " oder ihre Alternative auf Deutsch kommt. iPhone, iPad und Co. revolutionieren gerade den Hilfsmittelmarkt für Blinde und Sehbehinderte. Der kontrastreich einstellbare Bildschirm des iPad ist für Sehbehinderte gut nutzbar, das iPhone ist ein ideales Hilfsmittel für Blinde. Das Faszinierende daran ist, dass alle - Behinderte und Nichtbehinderte - das gleiche schicke Gerät nutzen."

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