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Behörden ans Netz

04.09.2000 | 00:00 Uhr |

Einen Personalausweis online bestellen, die
Einkommenssteuererklärung übers Datennetz verschicken oder die
standesamtliche Trauung per Web-Cam weltweit übertragen lassen: Das
sind die ersten Signale in Deutschlands Behörden für eine
grundlegende Umwälzung der Verwaltung.

Wissenschaftler nennen diesen Wandel kurz «E-Government»; Synonym
für «Electronic Government», die elektronische Verwaltung. Sie soll
mehr Bürgernähe bringen. Eckard Schindler, Experte bei der
Unternehmensberatung KPMG in Hamburg, sagt: «Das wird die
Verwaltungen ähnlich verändern, wie bei der Einführung der
elektronischen Datenverarbeitung.»

E-Government steht für die Modernisierung der Verwaltung mit Hilfe
von Informations- und Kommunikationstechniken. Besserer Kontakt mit
den Bürgern und der elektronische Austausch von Informationen und
Dokumenten zwischen Behörden gehören dazu. Jörn von Lucke,
Wirtschaftsinformatiker beim Forschungsinstitut für öffentliche
Verwaltung in Speyer, beschreibt das elektronische Verwalten unter
anderem so: «Wer per E-Mail mit einer Behörde Kontakt aufnimmt, der
kommt auch nicht in die Gefahr, von unfreundlichen Beamten schlecht
bedient zu werden.»

Inzwischen hat fast jede Kommune ein Internetangebot, allerdings
bieten nur wenige echte Transaktionen an. Denn ohne eine Unterschrift
im Amt bekommt man selbst beim fortschrittlichen Mannheimer
Internetauftritt keinen Personalausweis. Allerdings können die
Mannheimer ihren Antrag am heimischen PC ausfüllen und der Stadt per
E-Mail zuschicken. Mit einem Sachbearbeiter wird anschließend noch
ein Termin ausgemacht - zur Unterschrift und Fotoübergabe. Lange
Wartezeiten in den Amtsstuben entfallen dadurch.

Richtig funktionieren wird E-Government in der Bundesrepublik aber
erst, wenn «eine Online-Signatur als gleichberechtigt mit einer
persönlichen Unterschrift anerkannt wird», sagt von Lucke. Erst am
16. August beschloss die Bundesregierung ein entsprechendes Gesetz
zur elektronischen Unterschrift. Es soll 2001 vom Bundestag
verabschiedet werden. Dann brauchen die Mannheimer für einen
Personalausweis gar nicht mehr in die Amtsstube.

In einer Studie hat Experte Schindler Behörden der Bundes-,
Landes- und Kommunalverwaltungen zur Entwicklung des E-Government
befragt: Beinahe zwei Drittel erwarten davon eine bessere
Zusammenarbeit in den Verwaltungen sowie mehr Bürgernähe. 60 Prozent
fühlen sich allerdings noch als Nachzügler. Außerdem fand er heraus:
Bislang haben lediglich in 21 Prozent der Behörden alle Mitarbeiter
einen Internetzugriff.

Schindler glaubt nicht, dass der persönliche Kundenkontakt ganz
wegfällt. Es wird ganz normale Amtsbesuche geben - aber auch
Telefonate, Video-Konferenzen oder ausschließlich der Weg per E-Mail.
Er erwartet, dass die Bürger in drei Jahren deutliche Verbesserungen
im Behördenverkehr genießen. In zehn Jahren werde sich die Struktur
der Verwaltung dann auch verändert haben.

Eine Poststelle braucht die Stadtverwaltung dann nicht mehr.
Faxgeräte und die letzten Schreibmaschinen werden abgeschafft. Alle
Vorgänge werden über zentrale Computerstationen laufen. Die
Selbstverantwortung der Bürger wachse, meint von Lucke. Im Datennetz
könnten sie alle Informationen abrufen und seien nicht auf die
Auskunft der Beamten angewiesen.

Deutschland sieht der Verwaltungswissenschaftler von Lucke in der
E-Government-Entwicklung noch nicht weit. In England könne man
inzwischen eine Lohnsteuererklärung elektronisch abgeben. Wer diesen
Weg wähle erhalte vom Staat als Anreiz sogar zehn Pfund (rund 30
Mark) Rabatt. Zwar ist auch in Deutschland die elektronische
Steuererklärung möglich, doch müssen parallel dazu wie bisher die
Belege und Formulare an das Amt geschickt werden.
dpa

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