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Besuchen Sie Europa: 23. Dezember

23.12.2006 | 00:00 Uhr |

Ein Ministerpräsident gesteht in einer internen Sitzung ein, Unwahrheiten im Wahlkampf verbreitet zu haben, die Opposition wittert Morgenluft. 50 Jahre nach dem Volksaufstand gehen die Massen auf die Straßen. Anders als 1956 ist die Lage zwischen Freund oder Feind und Wahrheit oder Lüge nicht so klar. Willkommen in Ungarn, am Tag vor Heiligabend.

Nicht viel los an Bosniens Küste
Vergrößern Nicht viel los an Bosniens Küste

Vielleicht haben Sie gestern kurz gestutzt. Also, Mazedonien hat definitiv keine Meeresküste. Montenegro schon. Aber die 300 Kilometer kann man kaum an einem Tag ablaufen, sogar mit dem Fahrrad wird's schwierig, selbst mit Epo im Blut. Bleibt nur noch Bosnien-Herzegowina. Das hat aber keine Küste? Doch - gerade einmal zehn Kilometer breit ist der kleine Streifen rund um die Ortschaft Neum (gesprochen wie "Ne-um" und nicht wie "Noim"), der im Süden Dalmatiens Kroatien faktisch in zwei Teile teilt. Marschall Tito war in den Sechzigern der Ansicht, dass auch die Teilrepublik Bosnien einen kelinen Küstenstreifen am Ston haben sollte, um vom aufkommenden Tourismus wenigstens ein bisschen zu profitieren. Den Kroaten war's damals egal, in diesem Teil der Herzegowina lebten ohnehin praktisch nur ethnische Kroaten. Was auch heute noch der Fall ist. Sollten die beiden Posten an der Adria-Küstenstraße dereinst zur EU-Außengrenze werden, dürften die Grenzkontrollen kaum strenger werden. Aber womöglich treten Kroatien und Bosnien-Herzegowina ohnehin gemeinsam bei, in vielleicht zehn Jahren.

Ungarn aus dem All. Die Grenzen hat die NASA natürlich später eingezeichnet.
Vergrößern Ungarn aus dem All. Die Grenzen hat die NASA natürlich später eingezeichnet.

Auf unserer Reise verlassen wir Slowenien hinter Novo Mesto, durchqueren zunächst den Norden Kroatiens und biegen bei Zagreb links ab, Richtung Slawonien. Noch vor der serbischen Grenze wenden wir uns nach Norden in die Pannonsiche Tiefebene und sind in unserem heutigen Gastland Ungarn angekommen.

Ferenc Gyurcsany
Vergrößern Ferenc Gyurcsany

Anfangs des Jahres erschütterten teils gewalttätige Demonstrationen die Hauptstadt Budapest, die sich nicht von ungefähr auf den ungarischen Volksaufstand von 1956 beziehen wollten. Was war geschehen? Der gerade gewählte Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány (Wie man den ausspricht? Keine Ahnung, wissen Sie es?) hatte in einer internen Sitzung sein Kabinett auf harte Zeiten der Reformen eingeschworen. Im Wahlkampf hat man noch gelogen, niemand wollte dem Wähler die Wahrheit über die prekäre Lage der Volkswirtschaft ins Gesicht sagen. Ein Mitschnitt der Brandrede geriet an die Öffentlichkeit und die Opposition unter Viktor Orban witterte Morgenluft und organisierte den Volkszorn. Dass die teils gewalttätigen Proteste und Besetzungen von Radiosendern nicht zu einem Regierungs- oder Systemwechsel führten, hatte einen einfachen Grund. Auch die Opposition hatte nicht die Wahrheit gesagt, ganz im Gegenteil, als Orban noch als Vorvorgänger Gyurcsánys Ministerpräsident war, verschlief er fahrlässig um die Situation wissend die notwendigen Reformen. Die Ungarn hatten noch einige Gewohnheiten aus ihrer Zeit als "Gulaschkommunisten" übernommen, etwa horrende staatliche Subventionen auf Energie. Jetzt ist der Staat pleite, der Nachwendeboom ist längst verpufft und den Ungarn muss ihre Regierung einige Brutalitäten zumuten. Wenn's klappt muss Ferenc Gyurcsány im nächsten Wahlkampf nicht mehr lügen und wird trotzdem wieder gewählt.

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