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Bill Gates spricht vor Gericht

23.04.2002 | 15:00 Uhr |

Im Kartellverfahren hat sich der Microsoft-Gründer als Zeuge geäußert und behauptet, Strafen gegen Microsoft träfen die Wirtschaft

Bill Gates hat bei seiner ersten persönlichen Zeugenaussage im Kartellverfahren gegen Microsoft eindringlich vor einer Bestrafung des von ihm gegründeten Softwareriesen gewarnt. Die von den neun Bundesstaaten geforderten Sanktionen würden nicht nur das Geschäft von Microsoft maßgeblich schädigen, sondern die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in den USA und der Weltwirtschaft gefährden, sagte Gates am Montag (Ortszeit) vor einem US- Bundesgericht in Washington. "Microsofts Bemühungen haben einen lebensnotwendigen Einfluss auf die Entwicklung der (Personal Computer-)Industrie und haben einen wichtigen Beitrag zum Wirtschaftswachstum in den USA und in Übersee geliefert."

Im Gegensatz zum Videoauftritt in der ersten Runde des Kartellverfahrens 1998, der von vielen Beobachtern als arrogant eingeschätzt wurde, zeigte sich Gates bei seinem persönlichen Auftritt in dem vierjährigen Verfahren gut vorbereitet und verbindlich. In einer 156-seitigen Erklärung wies Gates praktisch jeden Punkt der Anklage zurück. Die Forderungen der neun Bundesstaaten seien nicht akzeptabel. "Sie würden damit Microsoft das geistige Eigentum wegnehmen und es einfach zum Klonen freigeben."

Eindringlich warnte der Microsoft-Gründer davor, sein Unternehmen zur Entwicklung von unterschiedlichen Windows-Versionen zu zwingen. Die neun Bundesstaaten verlangen von Microsoft, eine abgespeckte Version des Windows-Betriebssystems ohne die umstrittenen Programmbündelungen mit dem Internet Explorer oder dem Windows Media Player anzubieten. Sie lehnen eine gütliche Einigung zwischen dem Softwarekonzern und dem US-Justizministerium entschieden ab. Dadurch würde das Betriebssystem untauglich gemacht, argumentierte Gates. Zudem entstehe ein Chaos, wenn es Hunderte Versionen von Windows gebe. "Viele Programme würden dann nicht mehr laufen."

"Stellen Sie sich die Enttäuschung des Verbrauchers vor, wenn er einen Computer mit dem Windows-Betriebssystem kauft und feststellen muss, dass entscheidende neue Attraktionen fehlen", sagte Gates vor Richterin Colleen Kollar-Kotelly. Beobachter zeigten sich nach dem ersten Anhörungstag besonders von einem Rückblick des Microsoft- Gründers in die Geschichte der Computerindustrie überzeugt. Gates erinnerte an die Zeiten, als noch Computerpioniere wie Tandy, Commodore und Atari die Branche dominierten, deren Rechner alle sehr unterschiedlich konstruiert und untereinander nicht kompatibel waren. "Wenn die Windows-Plattform so unterschiedlich gestaltet würde, ginge der vorrangige Wert verloren, nämlich dass es (für einen Windows-PC) eine breite Palette von kompatibler Software und Hardware gibt."

Die neun Bundesstaaten haben den Vergleich, den Microsoft mit dem US-Justizministerium und neun anderen Bundesstaaten geschlossen hatte, als unzureichend verworfen und strengere Auflagen gefordert. Sie verlangen unter anderem, dass Microsoft Teile des geheimen Quellcodes für Windows offen legt und Windows auch abgespeckt ohne bestimmte Programme wie den Internet Explorer anbieten muss. Unter dem vom Justizministerium gebilligten Vergleich würde Microsoft Computerherstellern mehr Freiheit einräumen, Software der Konkurrenz anzubieten. Die Befragung von Gates wird am Dienstag (Ortszeit) fortgesetzt. dpa

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