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Bitcoin in der Krise

25.03.2014 | 12:38 Uhr |

Als Apple im Februar die letzte Bitcoin-Wallet-App für iOS aus dem Store wirft, ist die Empörung groß. Mittlerweile hat die virtuelle Währung ganz andere Probleme – vor allem die Bitcoin-Börsen geraten in Schwierigkeiten.

Wie immer, wenn Apple etwas tut und dieses Tun nicht kommentiert, schlagen die Wellen hoch. So auch im Februar, als mit Blockchain die letzte für iOS entwickelte Bitcoin-Geldbörsen-App aus dem iTunes Store fliegt. Solche Wallets dienen als digitale Geldbörsen für virtuelle Währungen. Zuvor hatte Apple schon Apps wie Bitcoin Express, Bitpak, Coinbase oder Coinbar entfernt und die Entwickler der Messaging-App Gliph gebeten, eine Option aus der App zu entfernen, mit der sich Bitcoins verschicken ließen. Ein Ausschluss aus dem iTunes Store ist ärgerlich und verlustreich für jeden App-Entwickler, und so ist es keine Überraschung, dass die Entwickler sich als Opfer einer Apple-Initia­tive sehen, in der Apple Bitcoins verbietet, um das Feld für ein eigenes Zahlungssystem zu bereiten („… App Store policies that are clearly focused on preserving Apple’s monopoly on payments …“). Kurze Zeit später formiert sich der Protest in einer Petition, die Apple auffordert, Bitcoin-Apps wieder zuzulassen andernfalls werde man zu Android wechseln. Da Apple immer noch schweigt, gipfelt der Protest in der Aktion eines glühenden Bitcoin-Fans mit Namen „Round-peg“, der auf der amerikanischen Webseite Reddit dazu auffordert, das eigene iPhone als Zeichen des Protests zu vernichten. Zur Belohnung verspricht er fünf andere Smartphones. Und tatsächlich finden sich ein paar Interessenten ein, die ihr iPhone zerstören. Die Videos dazu gibt es auf Youtube, der Skandal scheint perfekt.

Wutbürger gegen Apple: Ryans Range Report auf Youtube/Wired.
Vergrößern Wutbürger gegen Apple: Ryans Range Report auf Youtube/Wired.

Warum die Aufregung

Was die einen so empört – nämlich die Verbannung der Bitcoin-Apps aus dem iTunes Store –, lässt viele vollkommen kalt: Die virtuelle Währung Bitcoin hat zwar in wenigen Jahren eine erstaunliche Entwicklung hingelegt, den meisten iPhone-Besitzern ist sie jedoch immer noch fremd, wenn nicht sogar suspekt. Dass mit Mt. Gox jetzt auch noch die populärste Plattform zum Kaufen und Verkaufen der Bitcoins pleite gegangen ist, hat die Währung weiter in Verruf gebracht.

Was noch nicht funktioniert

Neben den Vorteilen der Unabhängigkeit von anderen Währungen, Bankgebühren oder Institutionen birgt die digitale Währung auch Risiken. Die Anonymität des Zahlungssystems übt einen hohen Reiz auf jene aus, die illegale Geschäfte machen, daher haftet der Bitcoin auch oft das Image einer kriminellen oder Geldwäscher-Münze an. Kriminellen fällt auch das Bitcoin-Forum Silk Road 2 zum Opfer, das im Februar geknackt und um Bitcoins im Wert von rund 2,7 Millionen US-Dollar erleichtert wird. Weitere Nachteile sind die starken Kursschwankungen der Bitcoin und die fehlende Möglichkeit, eine Bitcoin-Zahlung zu stornieren. Bis dato besteht auch kein Ansprüch auf das Einlösen von Bitcoins bei Händlern und Wechselstuben.

Wer am iPhone mit Bitcoins zahlen möchte, muss einen Jailbreak vornehmen oder auf eine Web-Wallet ausweichen, was höhere Sicherheitsmaßnahmen erfordert als bei einer nativen Lösung. Und zuguterletzt: Bitcoin ist keine offiziell anerkannte Währung – der Status variiert von Land zu Land. Und hier setzt auch Apple an, das in seinen Entwicklerrichtlinien klar formuliert: “Apps must comply with all legal requirements in any location where they are made available to users. It is the developer’s obligation to understand and conform to all local laws.”

Die Idee einer digitalen Währung, die keine Zentralbank kontrollieren kann, hat der japanische Wissenschaftler Satoshi Nakamoto aufgebracht. Er hat auch den ersten Bitcoin-Client programmiert. Seit dem Jahr 2007 ist die Seite bitcoin.org online. Bitcoin ist ein virtuelles Zahlungsmittel und nutzt die Peer-to-Peer-Technologie. Die Grundidee besteht darin, Transaktionen direkt im Internet und ohne den Weg über eine Geldinstitution abwickeln zu lassen. Wie Bitcoin.org auf seiner Webseite schreibt, ist Bitcoin Open Source: „Das Design ist öffentlich, Bitcoin gehört niemandem und wird von niemandem kontrolliert. Jeder kann teilhaben.“

In Vancouver steht in einem Café der erste Geldautomat, der Bitcoins in Währung wechselt.
Vergrößern In Vancouver steht in einem Café der erste Geldautomat, der Bitcoins in Währung wechselt.

Was hinter Bitcoins steckt

Da das Bitcoin-Netz völlig dezentralisiert ist, gibt es keine Institution, die neue Münzen in Umlauf bringt. Die Teilnehmer des Bitcoin-Netzes generieren die digitalen Münzen selbst, indem sie ihre Rechner (oder vielmehr deren Grafikkarten) kryptografische Aufgaben lösen lassen. Jede Münze erhält einen individuellen Schlüssel und kann sofort verwendet werden. Der Wert einer Bitcoin ergibt sich eigentlich aus realen Gütern wie der CPU/GPU-Aus­las­tung für die Berechnung und den Stromverbrauch. Im Idealfall werden alle zehn M

inuten ein neuer Block errechnet und so neue Münzen in den Umlauf gebracht.

Noch eher spärlich gesät sind Händler und Dienstleister in Deutschland, die Bitcoins annehmen.
Vergrößern Noch eher spärlich gesät sind Händler und Dienstleister in Deutschland, die Bitcoins annehmen.

Dabei werden die kryptografischen Aufgaben aber immer schwieriger, sodass selbst immer bessere Rechner nicht automatisch schneller Bitcoins errechnen. Die Zahl der Bitcoin-Münzen ist per Definition auf 21 Millionen begrenzt. Im Januar dieses Jahres sind nach Angaben von Bitcoinchart mit rund 12,2 Millionen verfügbaren Bitcoins schon mehr als die Hälfte der möglichen Münzen im Umlauf.

Pizza gegen Bitcoin, der Online-Anbieter Lieferservice.de macht’s möglich.
Vergrößern Pizza gegen Bitcoin, der Online-Anbieter Lieferservice.de macht’s möglich.

Bitcoin-Millionäre

Tatsächlich ist der Kurs der Bitcoins in den letzten fünf Jahren sprunghaft gestiegen, wer 2009 in Bitcoins investiert hätte, könnte sich heute ein lustiges Leben als Millionär machen. Mit einem einstelligen Bitcoin-Dollarkurs gestartet, werden Bitcoins im Februar 2014 mit bis zu 800 Euro Gegenwert gehandelt, zu Redaktionsschluss dieses Beitrags (19.3.2014) hat sich der Wechselkurs bei rund 450 Euro pro Bitcoin eingependelt. Den aktuellen Kurs findet man unter anderem auf Bitcoin.de. Entsprechend wächst die Akzeptanz für Bitcoins. Führend dabei sind die USA, 77 Prozent aller Bitcoins werden in US-Dollar gehandelt. Der Euro liegt mit sechs Prozent Marktanteil noch hinter dem Renminbi (elf Prozent). Entsprechend übersichtlich ist die Zahl der Händler, die Bitcoins akzeptieren. In Deutschland listet die Open-Source-Karte von coinmap.org im Februar etwa 190 Verkaufsstellen. Einer der wenigen Online-Diens­te, die Bitcoin akzeptieren, ist Lieferservice.de. Doch die Chancen auf eine höhere Verbreitung stehen gut, immerhin hat Ebay angekündigt, Bitcoin in seinen Service Paypal einbinden zu wollen. Die Pleite von Mt. Gox und der Diebstahl im Underground-Bitcoin-Forum Silk Road 2 haben zwar für schlechte Presse gesorgt, aber der Bitcoin nicht nachhaltig geschadet. Moritz Jäger, der das Zahlen mit Bitcoins für uns getestet hat, sieht auf seinem Blog „nerd-supreme“ kein Ende für Bitcoin: „Im Gegenteil. Aber vielleicht ist es das Ende dieser völlig überzogenen Spekulationsblasen. Ganz ehrlich, ich hab kein Problem damit, wenn sich der BTC-Preis irgendwo einpendelt, gerne auch bei 250 Euro. Oder bei 500. Oder bei 1000. Stabilität bringt Bitcoin aus der Geek-Ecke und macht es für Händler interessanter.“

Bitcoins im Alltag ....

München, 18.30 Uhr: Der junge Mann kommt auf mich zu und sieht mich wissend an. Ich lächle zurück, wir unterhalten uns kurz, anschließend zücke ich 135 Euro und gebe sie ihm. Wir beide tippen ein wenig auf unseren Handys, kurz danach verabschieden wir uns. Was wie ein Drogendeal klingt, ist in Wirklichkeit mein Besuch in einer Wechselstube. Ich habe soeben die 135 Euro in 0.982 Bitcoins (BTC) getauscht.

Es gibt zahlreiche Wechselstuben, etwa Coinbase.com (recht hübsch) oder Mt. Gox (inzwischen pleite). Ich habe mich aber für Localbitcoins.com entschieden, ein Angebot aus Finnland. Vorteil: Localbitcoins zeigt mir verschiedenste Zahlungsweisen an, von SEPA-Überweisungen über Money Orders bis hin zu Cash. Jeder Anbieter wird wie bei Ebay bewertet, und man sieht die Kommentare aller bisherigen Kunden.

Los geht’s

Ich will keine Überweisung tätigen, sondern meinen Bitcoin so anonym wie möglich kaufen. Deswegen suche ich nach einer Cash-Transaktion. Ich entscheide mich für Jimmy2K und tippe die Anzahl ein, die ich kaufen möchte. Jetzt geht die Arbeit von Localbitcoins los: Jimmy2K hat dort, ebenso wie jeder andere Nutzer, eine Wallet, in der seine Bitcoins gespeichert werden. Der Dienst bucht die von mir bestellten BTCs ab und verschiebt sie in ein Treuhänderkonto. Dort bleiben die BTCs, bis die Transaktion bestätigt oder abgebrochen wird. Die Bestätigung schickt Jimmy2K über sein Smartphone los, sobald ich ihm das Geld gebe. Kurz darauf empfange ich eine SMS, die die Transaktion bestätigt. Der nächste Schritt ist die Übertragung meiner neuen Bitcoins auf mein Handy. Die Überweisung der Bitcoins ist einfach: Ich gebe die Nummer meiner mobilen Wallet ein und schicke 0,5 BTC los. Der halbe Bitcoin erscheint kurze Zeit später auf meinem Smartphone. Bis ich ihn aber komplett ausgeben kann, muss er von anderen Endpunkten im Bitcoin-Netzwerk bestätigt werden. Das dauert nicht lang, laut Bitcoin.org zwischen zehn und 60 Minuten.

Ab in die Bar

Bitcoins kann man im Web recht einfach ausgeben. Das ist aber langweilig, ich will im „echten Leben“ etwas damit zahlen. In München ist die Auswahl (anders als etwa in Berlin) nicht groß – der einzige Anbieter, den ich finden konnte, ist die Bar Niederlassung. Das ist praktisch, aus zwei Gründen: Die Niederlassung ist ums Eck, und ich arbeite mich durch die Gin-Karte. Also, auf geht’s. Ich war auf eine Diskussion gefasst, tatsächlich lief es so ab: „Ich hab gehört, ihr nehmt Bitcoins?“ – „Ja, kein Problem.“ – „Äh, ok, ich nehm dann nen Geranium Gin Tonic“. Bezahlen ist simpel: Ich scanne den QR-Code der Niederlassung und tippe den Eurobetrag samt Trinkgeld in meine App ein. Die Mobile Wallet wandelt die zwölf Euro zum aktuellen Preis in Bitcoins um (0,0846 BTC) und schickt sie in die Wallet der Bar. Hier dauert die Bestätigung viel länger, nach etwa 15 Minuten ist sie aber da. Bezahlen mit Bitcoins ist also nicht viel komplizierter als eine EC-Kartenzahlung.

Moritz Jäger

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