1016706

Auswirkung von Internet-Spionageangriff unklar

31.03.2009 | 12:07 Uhr |

Nach der Enttarnung eines international operierenden Spionagenetzes im Internet hüllen sich deutsche Behörden in Schweigen. Am Montag wollten weder das Auswärtige Amt in Berlin noch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln eine Einschätzung abgeben, in welchem Umfang Deutschland oder deutsche Vertretungen im Ausland betroffen sein könnten.

Nach Erkenntnissen kanadischer Forscher hat das Netz weltweit in weniger als zwei Jahren mindestens 1295 Rechner in 103 Ländern ausgespäht und zahllose Dokumente gestohlen. Auch einige ausländische Botschaften in Deutschland stehen auf der Liste.

Nach seiner Aufdeckung fuhr das von den Forschern «GhostNet» (Geisternetz) getaufte Netzwerk seine Aktivitäten am Montag zurück. Die Wissenschaftler des Munk-Zentrums für Internationale Studien der Universität Toronto berichteten bei einer Pressekonferenz, nach zunächst unverändertem Tempo seien die Aktionen seit Mittag (Ortszeit) eingeschränkt worden.

Der federführende Wissenschafter Ron Deibert nannte die Erkenntnisse einen Weckruf für die Politik. «Was wir sehen, ist ein internationales Verbrechen. Wir müssen anfangen, über Wege einer Waffenkontrolle im Cyberspace nachzudenken», forderte er. Dem am Wochenende im Internet veröffentlichten Bericht zufolge sind bis zu 30 Prozent der infizierten Rechner «hochrangige Ziele» wie Regierungsstellen, Außenministerien, Medien und internationale Organisationen. Auf der Liste stehen auch die indische, portugiesische und cypriotische Botschaft in Deutschland sowie die deutsche Botschaft in Australien.

Eine BfV-Sprecherin erklärte dazu auf Anfrage lediglich: «Der Fall bestätigt unsere bisherige Einschätzung.» Solange die Untersuchung aus Toronto nicht im Detail bekannt sei, könnten keine konkreten Angaben gemacht werden. Das für die Frage zuständige Auswärtige Amt wollte sich zu der Studie nicht äußern.

Nach einer Publikation des Verfassungsschutzes von Ende 2008 zum Thema Spionage ist auch Deutschland «bedeutendes Aufklärungsziel» für die «Nachrichtendienste einer Reihe von Staaten» - wegen seiner wichtigen Rolle in EU und NATO, aber auch aufgrund seiner geopolitischen Lage. «Hauptträger der Spionageaktivitäten seien derzeit die Russische Föderation und die Volksrepublik China», heißt es darin. Eine zunehmende Bedeutung gewännen dabei «internetbasierte Angriffe auf Computersysteme» auch von Regierungsstellen.

«GhostNet» arbeitet nach Erkenntnissen der kanadischen Forscher vor allem über Rechner in China. Belege für eine Beteiligung der chinesischen Regierung fanden die Forscher jedoch nicht. Nach Einschätzung des IT-Sicherheitsexperten Christoph Fischer haben die noch unbekannten Computer-Spione nicht einmal ausgeklügelte Werkzeuge benutzt. «Das ist Technik auf dem Stand von vor zehn Jahren», sagte Fischer der Deutschen Presse-Agentur dpa. Das Abgreifen von Tastatureingaben und Ausspähen durch die PC- Videokamera seien altbekannte Tricks. Vermutlich seien die Angreifer durch eine Schwachstelle des Dokumentenformats PDF in die fremden Rechner eingedrungen, sagte Fischer. Diese Lücke sei besonders anfällig, wenn auf dem Rechner die Scriptsprache JavaScript für die Darstellung in einem Web-Browser aktiviert sei. (dpa)

0 Kommentare zu diesem Artikel
1016706