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BrexIT - Branche rechnet mit schwierigen Zeiten

27.06.2016 | 14:15 Uhr |

Der Brexit wird auch für die IT-Branche Folgen haben. Gerade für einen einheitlichen digitalen Binnenmarkt ist die Entscheidung der Briten ein schwerer Rückschlag. Aber auch rechtliche Fragen rund um Verträge, Datenschutz und das Copyright hinterlassen erst einmal viel Unsicherheit.

Die überraschende Entscheidung der Briten, der europäischen Union den Rücken zu kehren, hat auch die IT-Branche kalt erwischt. Viele Experten rechnen nun damit, dass sich das Votum für den Brexit auch auf die IT-Ausgaben und den Handel mit IT-Produkten negativ auswirken wird. Gleichzeitig versucht man jedoch, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen, um die Auswirkungen möglichst gering zu halten.

Bitkom: Gemeinsamer digitaler Binnenmarkt muss das Ziel bleiben

"Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf die deutsche und europäische Digitalwirtschaft möglichst gering bleiben", kommentierte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder den Volksentscheid auf der Insel. Insbesondere für Dienstleister und Start-ups werde künftig allerdings schwer. Rohleder geht davon aus, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen wird. Für Unternehmen aus Deutschland bedeute dies, dass sie sich mit abweichenden Regeln in Großbritannien beschäftigen müssten. Gerade für Mittelständler und Start-ups sei das aber oft kaum möglich.

Der Bitkom-Funktionär mahnt auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens einen möglichst einheitlichen Rechtsrahmen an. "Ein gemeinsamer digitaler Binnenmarkt, der Großbritannien mit einschließt, muss unser Ziel bleiben", so Rohleder. "International einheitliche Regeln sind die Grundvoraussetzung für eine funktionierende und leistungsfähige digitale Wirtschaft." Der deutsche IT-Verband befüchtet indes, dass sich der Brexit negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IT-Industrie auswirken wird.

Durch das Ausscheiden des wichtigen Mitgliedslands Großbritannien aus der EU werde der Versuch der EU-Kommission deutlich erschwert, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen, hieß es.

Nachteile erwartet Bitkom auch für Privatverbraucher - in Großbritannien wie in den anderen EU-Ländern. "Die EU hat ihren Schutzschirm auch über britische Verbraucher ausgebreitet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dieser Schutzschirm zumindest teilweise eingeklappt wird." Der Bitkom befürchtet außerdem negative Folgen für den Daten- und Verbraucherschutz. Strenge Regeln seien stets von der EU ausgegangen und mussten oft gegen den Widerstand der Vertreter Großbritanniens durchgesetzt werden. "Von der gerade mühsam verabschiedeten EU-Datenschutzgrundverordnung über Verbraucherschutzrechte und Umweltschutzrichtlinien sind eine Vielzahl von Regelungen durch den Brexit betroffen", sagte Rohleder. "Diese werden mit Vollzug des Austritts ihre Gültigkeit verlieren oder in Frage gestellt. Unternehmen, die ihre Zentralen in Großbritannien haben oder dort über Niederlassungen verfügen, werden davon betroffen sein - etwa wenn der freie Austausch zum Beispiel von Kundendaten eingeschränkt ist oder sie sich an unterschiedliche Verbraucherschutzrechte anpassen müssen."

Im vergangenen Jahr wurden dem Bitkom zufolge ITK-Geräte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro von Deutschland nach Großbritannien geliefert. Das entspricht acht Prozent der gesamten ITK-Ausfuhren aus Deutschland. Damit ist das Land knapp hinter Frankreich das zweitwichtigste Ausfuhrland für die deutschen Unternehmen. Umgekehrt kamen aus Großbritannien 2015 ITK-Produkte im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro nach Deutschland. "Großbritannien ist für Deutschland seit Jahren eines der wichtigsten Exportländer für IT- und Telekommunikationsprodukte und ein bedeutender Handelspartner. Sicher ist, dass durch den Brexit im Handel neue Bürokratie auf die Unternehmen zukommt", so Rohleder.

BearingPoint: Verhandlungen werden komplexer

"Für den Aufbau einer einheitlichen europäischen Digitalbranche könnte der Brexit einen merklichen Rückschritt bedeuten", meint Stefan Pechardscheck, Partner bei BearingPoint und verantwortlich für den Bereich IT Advisory in Central Continental Europe. "Dafür werden sich die IT-Anbieter aufstellen müssen. Insbesondere den britischen Anbietern können Herausforderungen bevorstehen", führt er weiter aus.

"Jetzt schon komplexe Verhandlungen mit Ländern außerhalb Europas, beispielsweise zum Thema IT-Sicherheit, zeigen, was uns eventuell auch mit UK bevorstehen könnte. Aber damit muss man sich jetzt arrangieren."

IDG-Experte Mark Zimmermann: Britische Waren und Produkte werden lukrativer

Für europäische Kunden werden, durch die sich nun abzeichnende Währungsschwankungen, Waren und Produkte in Großbritannien lukrativer. Unter anderem Apple wird daher gut beraten sein, eine Preisanpassung durchzuführen. Kurzfristig dürfen damit Außenstehende günstige Einkaufsmöglichkeiten haben. Aber auch für Apple selbst hat der Brexit interne Konsequenzen zur Folge. Apple betreibt sein wichtigstes Hauptquartier für die EMEiA-Märkte (Europe Middle East India & Africa) in der Hanover Street im Londoner Stadtteil Mayfair. Dieser Standort wird sicherlich verlegt, wohin ist (noch) unklar.

Experton Group: Neue Herausforderungen für IT-Anbieter und IT-Entscheider

Die Experton Group möchte sich nicht in die Reihen der "Wehklager" über den demokratisch im Vereinigten Königreich beschlossenen Ausstieg aus der Europäischen Gemeinschaft einreihen. Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen werde man kurz-, mittel- und langfristig sehen, hieß es. Jedoch könne der beschlossene Ausstieg Großbritanniens aus der EU auch Auswirkungen auf IT-Anbieter und Anwender in Deutschland haben.

Noch sei völlig unklar, wie in Zukunft die Zusammenarbeit der EU mit Großbritannien aussehen werde. Wird es weiterhin einen freien Austausch von Waren und Dienstleistungen geben, werden Datenschutzabkommen geschlossen bzw. Gesetze gegenseitig anerkannt, etc., fragen die Branchenbeobachter. Andererseits könne es sich die EU aber nicht leisten, ausgetretenen Ländern den gleichen Marktzugang zu gewähren wie Mitgliedern, da sonst bald weitere Länder austreten werden - das wäre das Ende der EU.

Die nun anstehenden Austrittsverhandlungen werden sich der Experton group zufolge sicher über Jahre hinziehen, Panik sei im Moment jedoch ganz sicher nicht angebracht. Wichtig sei aber, sich frühzeitig Gedanken über ein "was-wäre-wenn" zu machen, um genügend Zeit für strategische Maßnahmen zu haben und eben nicht im Panik-Modus agieren zu müssen:

  • Rechenzentren in UK: Einige IT-Anwender nutzen Rechenzentren in UK, sei es als Backup oder primäres Rechenzentrum, sei es als Housing, Hosting Service oder in Form von Cloud Services. Die Compliance eines EU-europäischen Rechenzentrums wird bald perdu sein. Hier gilt es, die nun kommenden Verhandlungen zu beobachten und schon im Vorfeld nach Alternativen zu suchen um bei klarer Faktenlage rasch entscheidungsfähig zu sein.

  • Startups und internationalisierende IT-Anbieter: Bis heute war Großbritannien quasi als Brückenkopf in die EU gesetzt, wenn es bei außereuropäischen IT-Anbietern um eine Internationalisierungsstrategie ging. Dies dürfte sich mit dem heutigen Tag geändert haben. Damit rückt Deutschland als größter verbliebender IT-Markt in der EU sicher in der Beliebtheitsskale nach vorne, was sicher auch den Service derartiger Anbieter in Deutschland verbessert und auch den einen oder anderen Arbeitsplatz schafft. Auch Berlin wird seine Platzierung im Ranking der beliebtesten Metropolen für innovative Startups verbessern können, da London mit dem heutigen Tag und auf absehbare Zeit aus verschiedensten Gründen an Bedeutung eingebüßt haben dürfte.

  • UK als Absatzmarkt für ITK-Lösungen und Dienstleistungen: Hier droht tatsächlich Ungemach. Großbritannien war nicht nur in der IT der Brückenkopf für internationale Anbieter auf dem Weg nach Europa, sondern auch für die Industrie. Es bleibt abzuwarten, wie beispielsweise die asiatische Automobilbrache, die zum Teil das Gros der in Europa verkauften Fahrzeuge in Großbritannien fertigen ließ, auf den Austritt reagieren wird und welche Auswirkungen dies auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit auch auf den Wechselkurs des Pfunds haben wird. Der heutige Einbruch des Pfunds im Vergleich zum Euro wird in dieser Deutlichkeit sicher nicht lange anhalten, aber der Wechselkurs wird sicher in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren, volatil sein, und sich je nach wirtschaftlicher Entwicklung auch weiter verschlechtern. Keine gute Basis für Umsatzplanungen und Margen.

Nichtsdestotrotz bleibt festzustellen: Noch ist nichts passiert, Großbritannien hat noch keinen Antrag auf ein Ausscheiden aus der EU gestellt (auch wenn die EU-Granden schon eine baldige Einreichung angemahnt haben) und es bleibt für alle IT-Markt-Teilnehmer genügend Zeit, sich strategisch zu positionieren. Wichtig ist es jetzt, die Entwicklungen zu beobachten und Alternativen zu evaluieren, um zu einem späteren Zeitpunkt, wenn alle Fakten bekannt sind, schnell und konsequent entscheiden und handeln zu können.

Hewlett-Packard Enterprise: Wir setzen unser Geschäft wie gewohnt fort

"Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden, Partner und Mitarbeiter und setzen unser Geschäft wie gewohnt fort", will sich Patrick Edlund, Media Relations Hewlett Packard Enterprise EMEA/Germany, vom Brexit nicht verrückt machen lassen. "Als führendes Unternehmen der IT-Branche sind wir Veränderungen gewohnt und werden in dieser Sache eng mit allen Stakeholdern zusammenarbeiten - in den nächsten Monaten und wenn die Bedingungen des Austritts konkret werden."

Microsoft: Gut beraten, nichts zu überstürzen

"Wir sind in Politik und Wirtschaft alle gut beraten, nichts zu überstürzen und verträgliche Lösungen zu erarbeiten", sagte Thomas Mickeleit Director of Communications und Mitglied der Geschäftsleitung der Microsoft Deutschland GmbH. "Die Zeit sollten wir jetzt darauf verwenden und nicht in Hektik zu verfallen. "Notfall-Pläne" braucht es jedenfalls nicht, da der Austrittsprozess sich über Jahre erstreckt. Wir konzentrieren uns darauf, unseren Kunden überall ausgezeichnete Services zu erbringen. Der Brexit wird uns davon nicht abhalten."

Heinz-Paul Bonn: Die 'Limited' ist jedenfalls keine Option mehr

"Der Einbruch des Pfund gegenüber dem Euro könnte durchaus unmittelbare Auswirkungen auf das Exportgeschäft der deutschen IT-Unternehmen haben", glaubt Heinz-Paul Bonn, Gründer der GUS-Group, langjähriger Bitkom-Vizepräsident, heute Geschäftsführer H.P.-Bonn-Consulting und Mitglied der Hall of Fame der wichtigsten Persönlichkeiten in der IT. Nach Berechnungen des Hightech-Verbands Bitkom wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 2,9 Milliarden von Deutschland in das Vereinigte Königreich verkauft. Im ersten Quartal des laufenden Jahres war es schon wieder der Gegenwert von 626 Millionen Euro, was auf ein neues Rekordjahr hingewiesen hätte. Doch es ist wahrscheinlich, dass die Briten bei einem schwächeren Pfund Aufträge stornieren oder Entscheidungen sistieren.

"Ruhe ist die erste Bürgerpflicht", mahnt Bonn. Die Chancen stünden nicht schlecht, dass auch die schiere Menge an Handelsverträgen, die eventuell mit einem aus der EU ausgegliederten Großbritannien neu verhandelt werden müssen, nicht zu den befürchteten Einbußen im deutsch-britischen Handel führen wird. Warum sollten dabei fundamental andere Bedingungen herauskommen wie in den bestehenden Verträgen. Und auch ein Großbritannien, das in der EFTA lediglich assoziiertes Wirtschaftsnachbarland der EU sein würde, wäre im Wesentlichen auf dem Vertragsniveau, das für die Briten heute ein Argument für den Rückzug aus Europa gegeben hat. "Das ist das Absurde an der britischen Brexit-Debatte."

Die bestehenden Geschäftsbeziehungen sind Bonn zufolge nicht selten auch Abhängigkeitsverhältnisse, in denen der Anwender auf das Knowhow seines Anbieters angewiesen ist. Da seien ein paar Cent Währungsverschiebungen doch eher Marginalien. Spannend dürfte die Entwicklung in Rechtsfragen des Datenschutzes sein. Zwar sei anzunehmen, dass Großbritannien als sicheres Land eingestuft wird, das ohnehin denselben Regeln folgt, wie bisher. Aus Sicht der strikten deutschen Datenschutzregelung könnte es aber einen Standortvorteil gegenüber der Insel geben.

In den letzten Monaten hätten sich viele deutsche mittelständische Unternehmen statt der GmbH die Rechtsform der Limited gegeben, um sich für den europäischen Markt besser zu positionieren. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass die Regelungen für bestehende Organisationen unverändert bleiben. Andernfalls müssten bald neue Ausurteilungen des bestehenden Rechts her. Für Neugründungen ist die Limited jedenfalls keine Option mehr.

eco: Schwerer Rückschlag für einheitlichen digitalen Binnenmarkt

"Die Entscheidung für den Brexit ist ein schwerer Rückschlag auf dem von der EU eingeschlagenen Weg hin zum einheitlichen digitalen Binnenmarkt", sagte Oliver Süme, eco-Vorstand Politik & Recht. "Einem fragmentierten Markt fehlt jede Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Ländern wie die USA." Allerdings könnte der Austritt des Vereinigten Königreichs der deutschen Internetwirtschaft auch positive Impulse geben, versucht der Verband dem Brexit auch etwas Gutes abzugewinnen. So gab es etwa bereits Spekulationen, dass Berlin nach einem Austritt Großbritanniens London den Rang als wichtigsten europäischen Standort für Startups abgelaufen könnte, weil eine Gründung dort immer unattraktiver wird.

Doch die negativen Aspekte überwiegen nach Ansicht von Süme. Es könne nun zwei Jahre oder länger dauern, bis sich Großbritannien und die EU nach einem Austrittsantrag über die Details des Austritts geeinigt haben. "Die schwierigen laufenden Verhandlungen um das Privacy-Shield-Abkommen mit den USA geben exemplarisch einen Eindruck, welcher Verhandlungsmarathon Europa jetzt auch mit England bevorsteht", so Süme. "Das bringt eine enorme Rechtsunsicherheit auch für Unternehmen aus der Internetwirtschaft mit sich - und damit voraussichtlich auch Umsatzrückgänge."

DLA Piper: Die Rechtsunsicherheit wächst

"Der nun beschlossene Brexit bringt erhebliche Vertragsrisiken mit sich, denn mit dem EU-Austritt Großbritanniens ist ein erhebliches Maß an Rechtsunsicherheit verbunden", sagt Nils Krause, Co-Head der deutschen Corporate/M&A-Praxis bei DLA Piper. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich das englische Recht radikal verändern wird, da nach dem Brexit der europäische Rechtsrahmen wegbrechen wird. "Deutsche Unternehmen sollten nun in ihren Verträgen mit UK-Bezug auf deutsches Recht bestehen", rät Benjamin Parameswaran, Co-Managing Partner von DLA Piper in Deutschland und Partner im Bereich M&A. Dieser Punkt, der grundsätzlich Verhandlungssache ist, sollte jetzt nicht mehr leichtfertig vergeben werden. Bei laufenden M&A-Deals, Joint-Ventures oder Transition-Service-Agreements seien die Auswirkungen des nun beschlossenen Brexits total ungewiss. Man könne nur hoffen, dass Unternehmen die gerade stattfindenden Währungsschwankungen über MAC-Klauseln oder Anpassungsmechanismen in den Verträgen abgebildet haben, so die beiden Experten von DLA Piper.

"Unternehmen aller EU Mitgliedsstaaten profitieren derzeit in ihren Beziehungen zum United Kingdom von den unionsverfassungsrechtlich verankerten Grundfreiheiten: freier Warenverkehr, Freizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit sowie freier Kapital- und Zahlungsverkehr", sagt Parameswaran. Welche konkreten Rechtsfolgen sich aus dem nun beschlossenen Brexit für diese Grundpfeiler der wirtschaftlichen Ordnung in den Beziehungen zum UK ergeben werden, hänge insbesondere von dem am Ende gewählten Austrittsmodell ab.

"Das Ja zum EU-Austritt wird erhebliche Auswirkungen auf die britische Wirtschaft und die Volkswirtschaften der Euro-Zone, und damit auch auf die Private Equity-Industrie haben", ergänzt Jan Schinköth, Partner im Bereich Private Equity bei DLA Piper. "Die Stimmung im Markt war schon in den vergangenen Monaten gedämpft, manche PE-Investoren haben explizit potentielle UK Deals auf Eis gelegt." Mit dem nunmehr beschlossenen Brexit sei zu befürchten, dass sich das Investitionsklima im gesamten Euroraum vorerst weiter abkühlen wird, bis die politischen und ökonomischen Auswirkungen absehbar sind und neues Vertrauen im Markt entsteht.

"Nun wird es spannend zu beobachten, ob und inwieweit sich Großbritannien an europaweit abgestimmten Bemühungen um das Thema Connected Cars und Autonomes Fahren beteiligen wird", so Jan Geert Meents, Partner im Bereich IPT bei DLA Piper. „Der Brexit stellt grenzüberschreitende Technologie-Deals vor neue Herausforderungen. Vertragliche Aspekte, die bislang aufgrund europaweiter Standards als gegeben angenommen werden durften, sind zukünftig unter Umständen Gegenstand intensiver Verhandlungen."

Schwieriger wird es wohl auch in rechtlicher Hinsicht. "Das Vereinigte Königreich hat im Zusammenhang mit dem geplanten Unified Patent Court eine wesentliche Rolle gespielt", konstatiert Markus Gampp, Leiter der deutschen Patentrechtspraxis bei DLA Piper. Jedoch bedeute der nun beschlossene Brexit nicht unbedingt das Ende des UPC und damit verbunden eine der größten Reformen in der Geschichte des europäischen Patentrechts. "Allerdings wird dieses Ergebnis eine erhebliche Verzögerung verursachen. Zudem wird die Attraktivität ohne eine Beteiligung des UK deutlich reduziert sein."

"Großbritannien ist nun mit einem Mal frei, das eigene Recht vollständig losgelöst von EU-Standards zu entwickeln", sagt Thilo von Bodungen, Partner und Co-Head der deutschen IPT-Praxis bei DLA Piper. "Eine Folge dieser Entwicklung könnte sein, dass weniger nicht-europäische Unternehmen ihr Europageschäft über Großbritannien ausrollen, sondern EU-Länder als Startpunkt bevorzugen, die als Mitgliedsstaaten auch dem vereinheitlichten Recht folgen." Zudem könnte der Brexit in Einzelfällen die hohen Vorrausetzungen der sogenannten Störung der Geschäftsgrundlage erfüllen, wonach Verträge anzupassen, eventuell sogar kündbar sind, wenn sich wesentlich Vertragsumstände ändern. "Hier wird es sicher zu Meinungsverschiedenheiten kommen, ob ein solcher Fall konkret gegeben ist", glaubt der Experte. "Zudem werden die wirtschaftlichen Auswirkungen, zum Beispiel dann fällige Zölle, zu einer Vielzahl von Anpassungen und Neuverhandlungen von Verträgen führen."

Briten wollen weiterhin Produkte in die EU verkaufen

Ludger Giesberts, Leiter der deutschen Praxisgruppe Litigation & Regulatory bei DLA Piper, stellt die Frage: "Wie viel EU - Regulierung bleibt erhalten - in der Sache, aber auch auf anderer rechtlicher Grundlage - dies gilt beispielsweise bezogen auf die Grundfreiheiten?" Allerdings sieht der Experte nicht nur schwarz. "Trotz Brexit düfte auch hier gelten: Niemals geht man so ganz!" Obwohl Brüssels Überregulierung einer der Anlässe für den Brexit gewesen sei, werde es nicht zu anderen neuen UK-Regulierungen kommen. Im britischen Produktsicherheitsgesetz werde nach dem Brexit vermutlich lediglich die Bezugnahme der zugrunde liegenden EU-Richtlinie gelöscht. "Die Standards bleiben, da UK ja weiterhin Produkte in der EU verkaufen will."

Gartner: Der britische IT-Markt schrumpft

Die Analysten von Gartner waren ursprünglich davon ausgegangen, dass der britische IT-Markt in diesem Jahr gegenüber 2015 um 1,7 Prozent auf ein Volumen von 179,6 Milliarden Dollar wachsen wird. Diese Prognose ist nach dem Brexit-Votum passé. Die Analysten haben ihre Vorhersage um zwei bis fünf Prozentpunkt gesenkt und gehen damit von einem Minus aus. Gartner-Analyst John Lovelock spricht von einer deutlich spürbaren Verunsicherung, die auch in den kommenden Monaten anhalten werde. Das werde sich auch auf die Hightech-Ausgaben in ganz Europa auswirken. Schließlich mache Großbritannien rund ein viertel des westeuropäischen Marktes aus.

CIOs sollten indes nicht in Panik verfallen. Bis sich die Effekte des Brexit real in ihrem Bereich auswirkten, würde es noch einige Zeit dauern. Es gelte vielmehr, Projektteams einzusetzen, die die Folgen eruieren und einen Plan für notwendige Veränderungen ausarbeiten sollten. Um erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, sollten die Unternehmen die Situation und die daraus abgeleiteten Maßnahmen offen kommunizieren.

Forrester Research: Den Briten droht ein Braindrain

Die Analysten von Forrester erwarten, dass Unsicherheiten bezüglich der künftigen Einwanderungsgesetze zur Abwanderung von Talenten führen werden. Neue Experten aus Übersee würden außerdem künftig Kontinentaleuropa vorziehen. Neue, komplexere Visumsregelungen dürften dazu beitragen, dass sich diese Situation noch verschärfe. Handel, Finanzwirtschaft, Gesundheitswesen und Tourismus hätten darunter wohl besonders zu leiden, heißt es.

Einige britische Unternehmen wie Asos und Burberry hätten es verstanden, sehr gute digitale Kanäle zu ihren Kunden aufzubauen und den Lieferprozess grenzüberschreitend dramatisch zu beschleunigen. Diese Unternehmen, aber auch ähnlich gut aufgestellte Marken außerhalb Großbritanniens wie H&M, Ikea, Lego oder Inditex/Zara müssten nun mit Rückschlägen beim Warenverkehr rechnen.

Unsicherheiten sind laut Forrester auch in Sachen Datenschutz zu erwarten. Verlässt Großbritannien die EU, kann es entweder einen Status als "Trusted Entity" wie Norwegen oder Kanada bekommen oder es muss neue Datenschutzgesetze verabschieden, die den Anforderungen der EU Datenschutzregularien (EU GDPR) erfüllen. Passiert das nicht, werden EU-Unternehmen ihre Daten aus britischen Data Centers abziehen müssen.

Forrester rechnet auch damit, dass Londons Finanzdistrikt Schaden nehmen wird. Klassische Finanzdienstleistungen, aber auch viele Fintechs werden sich demnach auf nach Kontinentaleuropa machen. Besonders bedrohlich wäre aber ein Wegfall der "Passport-Regelung" für britische Banken: Sie berechtigt die Institute derzeit dazu, Services zu geringen Kosten und einfachen Regelungen EU-weit anzubieten. Die Passport-Regelung wird oftmals als das "Kronjuwel" der Briten bezeichnet. Dass sie im Falle eines Austritts wegfällt, scheint sicher, hatten doch diverse Politiker in der EU vor dem Referendum ausdrücklich gewarnt. Die europäischen Banken stehen freudig bereit, um hier die britischen Institute zu beerben.

Forrester glaubt auch, dass sich weltweite Industrie- und Automobilkonzerne von der Insel distanzieren werden. In Großbritannien betreiben beispielsweise BMW, Honda, John Deere und Siemens Forschungs- und Innovationszentren, in denen es vor allem um die Digitalisierung ihrer klassichen Produkt- und Servicewelten geht. Schrumpft der Talent-Pool nach dem Brexit und wird zudem der Schutz geistigen Eigentums erschwert, werden sich solche Konzerne nach alternativen Standorten umsehen.

Apple und der Brexit

Apple wird die möglichen Folgen des Brexit wohl nur wenig spüren . Fällt das Pfund weiter und auch der Euro, könnten zwar die verteuerten Produkte nicht mehr so attraktiv für die Briten sein, Europa ist aber bereits hinter China bei den generierten Umsätzen zurück gefallen. Apple hat indes einen wichtigen Partner in Großbritannien, den Chip-Designer ARM. Doch dieser hat seit Freitag an den Börsen kaum an Wert verloren, da er seine Kunden in der Regel außerhalb der EU hat und in Dollar bezahlt wird. In Cambridge betreibt Apple ein Büro und ein Forschungszentrum, in dem vor allem ehemalige Angestellte der übernommenen Startups Pin Drop und VocalIQ sich um die Weiterentwicklung von Karten und Siri kümmern. In Zukunft könnte es Apple schwerer fallen, talentierte Softwareingenieure nach Cambridge zu locken, wenn diese erst mühselig Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen einholen müssten. In Großbritannien betreibt Apple 39 eigene Stores, die Europazentrale indes ist in Cork angesiedelt. Und Irland will bekanntlich in der EU verbleiben. pm

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