2168010

Buchkritik: Becoming Steve Jobs

07.01.2016 | 14:25 Uhr |

Die zweite wesentliche Biographie über Steve Jobs widmet sich anderen Aspekten als die von Walter Isaacson. Man erfährt auch Neues und über 500 Seiten wird klar, warum Tim Cook und seinen Kollegen aus der Apple-Führungsriege das Buch besser gefällt.

Im Schlusskapitel kommt der heutige Apple-CEO Tim Cook mit einer eindeutigen Aussage zu Wort. Die schon kurz nach dem Tode Steve Jobs' erschienene autorisierte Biographie von Walter Isaacson zeichne das Bild eines Menschen, mit dem er niemals hätte 13 Jahre lang zusammenarbeiten wollen und lasse Steve Jobs daher in einem falschen Licht dastehen. Mehr schien Cook aber die Berichterstattung über das Buch erzürnt zu haben, gewiss nicht zu Unrecht, da viele Rezensionen sich auf die von Isaacson geschilderten negativen Seiten des Apple-Gründers fokussierten.

Das Buch von Brent Schlender und Rick Tetzeli ist anders - verschweigt aber keineswegs Jobs' vor allem in seiner ersten Zeit bei Apple oft schwierigen Charakter. Insgesamt bildet die Biographie Jobs aber milder ab und legt großen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung des 2011 verstorbenen Apple-CEOs. Das zeigt schon der Titel " Becoming Steve Jobs - vom Abenteurer zum Visionär " (Original: "Becoming Steve Jobs: The Evolution of a Reckless Upstart into a Visionary Leader"). In den USA schon im März vergangenen Jahres erschienen, liegt das Werk seit Anfang November 2015 in deutscher Übersetzung vor.

Schlender, der Jobs erstmals bei der Recherche für einen Artikel für das Wall Street Journal traf, als der von Apple gefeuerte Gründer gerade seine Zweitgründung NeXT promotete, und sein Co-Autor Tetzeli legen anders als Isaacson mehr Wert auf den Unternehmer Jobs und etwas weniger den Privatmenschen. So erfährt man etwa nur in einem Nebensatz, dass Steve Jobs eine zeitlang mit der Folkmusikerin Joan Baez liiert war, der Name von Tina Redse, zu NeXT-Zeiten Jobs' wichtigste Beziehung, ist nur an einer einzigen Stelle erwähnt. Auch fallen nur wenige Worte über Jobs' spirituelle Reise nach Indien oder die Zeit auf der von seinem zeitweiligen Guru Robert Friedland geführten Apfelplantage in Oregon. Seine leiblichen Eltern, die Adoption, seine Adoptivschwester und seine leibliche Schwester Mona Simpson spielen auch kaum eine Rolle. Das stört aber keineswegs, Isaacson hat diese Themen ausführlich behandelt, eine Wiederholung ist nicht notwendig.

Anderer Blickwinkel, einige neue Fakten

Stattdessen erfährt der Leser einige neue Fakten, die Isaacson entweder nicht wichtig genug waren oder sich seiner Kenntnis entzogen. So will es etwa Schlender gewesen sein, der nach einer zufälligen Begegnung in einem Restaurant  im Jahr 1997 Jobs davon in Kenntnis setzte, dass Apple mit seinem Intimfeind Jean-Louis Gassée über einen Kauf von dessen Unternehmen Be Corp. verhandle - wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Auch lesen wir im Werk von Schlender und Tetzeli den bemerkenswerten Satz "Apple wird nie einen Fernsehapparat bauen", den Jobs einem jungen Designer namens Jonathan Ive angeblich zur Begründung gab, warum dessen 20th Anniversary Mac auf das Abstellgleis sollte - der Rechner verstand sich unter anderem auch auf TV. Wir erinnern uns: Der Jobs-Satz "Ich habe es endlich geknackt" über das Fernsehen in der Isaacson-Biographie löste seinerzeit einen wahren Hype aus...

Doch liegen zwischen diesen beiden Sätzen, so sie denn auch genau so gefallen sind, immerhin mehr als ein Dutzend Jahre. Und das will "Becoming Steve Jobs" doch auch zeigen: Steve Jobs war keineswegs stur und in seiner Meinung festgefahren, sondern nahm sehr wohl auch von Leuten, die er akzeptierte und respektierte, Ratschläge an, um seine Ansichten zu ändern beziehungsweise zu optimieren. Anderes hatte Isaacson aber auch nicht behauptet, so schildern beide Bücher beinahe wortgleich die Anekdote zur Eröfnung des ersten Apple Stores. Der mit der Entwicklung der eigenen Ladenkette beauftragte Retail-Experte Ron Johnson schlug unmittelbar vor der Präsentation des Projekts noch eine Umstrukturierung des Konzepts weg von der Bezogenheit auf das Produkt hin zu einer Bezogenheit auf die Lösung vor. Das Resultat seines Anliegens: Ein wütender Steve Jobs, der in eisiges Schweigen verfällt und dann den Apple-Mitarbeitern klar kommuniziert, dass Ron Johnson recht habe und nun alles so gemacht werde, wie er das vorschlage.

Werdegang eines CEOs

Abweichungen finden sich nicht nur beim Blickwinkel auf Jobs. Isaacson versuchte mehr, die gesamte Persönlichkeit zu erfassen, Schlender und Tetzeli befassen sich vorwiegend mit Jobs als Gründer von Apple und NeXT sowie Inkubator von Pixar. Vor allem dort habe er von Ed Catmull und John Lasseter gelernt, wie man ein Team von Kreativen führen könne, meinen die Autoren. Es ist aber vor allem die Distanz zum Porträtierten, die die beiden Bücher unterscheidet. Das wird vor allem darin offensichtlich, dass Schlender und Tetzeli meist von "Steve" schreiben und sich Schlender nicht selten als "Freund"  von Jobs bezeichnet. Für das Wall Street Journal und später für Fortune und Fast Company haben Schlender und Tetzeli Jobs von 1986 bis 2011 journalistisch begleitet, während Walter Isaacson erst im Auftrage von Steve Jobs ab 2008 für die von Jobs selbst autorisierte Biographie machte.

So verwundert eine Art von Verteidigungsrede auch nicht: Bekanntlich ließ Jobs sich von der  Krebsdiagnose bis zur ersten Operation ein dreiviertel Jahr Zeit, was er Isaacson gegenüber kurz vor seinem Tod durchaus bereute - eine schnellere Entscheidung hätte vielleicht geholfen. Bei Isaacson lesen sich die Passagen über  die Krankheit teilweise so, dass Jobs auch hier das bekannte "Reality Distortion Field" aufbaute, Schlender und Tetzeli zufolge befasste sich Jobs hingegen quasi wissenschaftlich mit Alternativen zu einer Operation und setzte daher zunächst auf eine Ernährungsumstellung. Schon bei der Diagnose hätte es nur eine Wahrscheinlichkeit von 55 Prozent gegeben, bei einer sofortigen Operation fünf Jahre zu überleben – bekanntlich wurden es nach der verzögerten Operation dann sieben Jahre. Kein Wunder, dass (nicht nur) Tim Cook diese Version besser gefällt . Was bei Isaacson fehlt, da damals nicht bekannt: Tim Cook bot sich Jobs Ende 2008 als Lebendspender für eine neue Leber an, was Jobs entrüstet ablehnte.

Ein weiteres Cook-Zitat aus dem Buch: "Jobs war kein Engel, das sind wir alle nicht." Keineswegs bejubelt das neue Buch Steve Jobs unkritisch, versucht sich aber an einer Erklärung, warum die von Jobs vor allem während seiner zweiten Zeit bei Apple auf den Wege gebrachten Produkte so außergewöhnlich sind. Dabei verschweigt es auch die dunklen Seiten der Persönlichkeit auch des späten Jobs nicht, etwa die wenig ruhmreichen Abgänge der alten Weggefährten wie Jon Rubinstein und Avie Tevanian. Schlender und Tetzeli gehen auch kurz auf die "Skandale" der späten Jobs-Phase ein: Die Sache mit den rückdatierten Aktienoptionen, "Antennagate", das Anti-Abwerbeabkommen mit anderen IT-Unternehmen, den Kartellprozess um E-Books oder den Problemen mit den Arbeitsbedingungen bei Zulieferern wie Foxconn. Hier hätten die Autoren ruhig ein wenig mehr in die Tiefe gehen können, wie das etwa Isaacson mit seiner Betrachtung der Erklärung Jobs' zu den Empfangsproblemen des iPhone 4 getan hat. Dass einige Dinge ein wenig aus dem Ruder gelaufen seien, wäre auch auf die Krankheit zurückzuführen, meinen Schlender und Tetzeli - womöglich wollten sie deshalb nicht tiefer schürfen.

Empfehlung: Ergänzung statt Widerlegung

Alles in allem ist "Becoming Steve Jobs" ein sehr lesenswertes Buch, das der autorisierten Biographie von Walter Isaacson eine neue Note und auch einige neue Fakten hinzufügt, ihr aber nicht widerspricht oder sie gar in Frage stellt – die beiden Bücher ergänzen sich hervorragend. Wer hingegen zudem noch mehr darüber erfahren will, wie es bei Apple in den Jahren von Steve Jobs' Abwesenheit zuging, dem sei Owen Linzmayers "Apple - Streng vertraulich" als weitere Lektüre empfohlen.

Auf zwei kleine Fehler (möglicherweise der Übersetzung geschuldet) sei aber noch hingewiesen: Steve Jobs' Todestag, der 5. Oktober 2011 war ein Mittwoch und kein Dienstag und die MacWorld war weder die einzige Gelegenheit, zu der Jobs sprach (die WWDC wird auch nur einmal erwähnt und einige Special Events Apples werden fälschlicherweise der MacWorld zugeschrieben), noch hatte sie Apple je veranstaltet. Veranstalter der Messen in New York/Boston, San Francisco und Tokio (und nicht: Paris) war IDG World Expo. Wir erwähnen das, weil IDG World Expo und unser Verlag IDG Tech Media der gleichen Konzernmutter angehören.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2168010