Von Thomas Hartmann - 12.12.2007, 12:46

Buchrezension: Computerspiele - Faszination und Irritation

Computerspiele sind und bleiben in der Diskussion – nicht nur hinsichtlich der so genannten ”Killerspiele”. Ein kleiner Band von kirchlichen Herausgebern führt den Diskurs nur begrenzt weiter.
Ist Second Life ein Computerspiel? Eher nicht, man kann die virtuelle Umgebung treffender als Chat- und Konsum-Simulation betrachten, richtig zu ”spielen” gibt es dort nichts, sofern man bei Computerspielen an Aufträge, Quests, Missionen, Rätsel und kämpferische Herausforderungen denkt. Dennoch erhält dieses inzwischen schon reichlich ausgelutschte Thema im Büchlein ”Computerspiele: Faszination und Irritation” immerhin gut 15 von insgesamt 112 Seiten eingeräumt. Die Betrachtungen von Autor Harald Hillgärtner sind durchaus interessant. Und so geht es dem Rezensenten mit den meisten der acht Beiträge zuzüglich des Vorworts der Herausgeber: bedenkenswert, diskussionswürdig, aber irgendwie ”brav”. Es fehlt die Provokation, das Neue, bei dem man wirklich einhaken und sagen könnte: Dieser Aspekt ist tatsächlich noch nicht hinreichend bedacht worden.

Graue Vielfalt

Das Buch stellt eher eine komprimierte Bestandsaufnahme der aktuellen Diskussion dar, als dass es eine eigene Debatte in Gang setzt. So lauten die Kapitel der Autoren aus den Bereichen Kirche und Medienwissenschaften, Soziologie und Psychologie unter anderem: Positive Wirkungen von Computerspielen; Games & Gender; Gute Spiele und gut spielen; Computerspiele und Jugendschutz. Einen ”Starautor” allerdings konnten die Herausgeber für sich gewinnen: den Kinderpsychologen und Vielschreiber Wolfgang Bergmann, der das Suchtverhalten von Kindern am Computer aus psychoanalytischer Sicht beleuchtet. Gewohnt kompetent wie routiniert handelt er seinen Beitrag ”Im Tumult der digitalen Bilder – Fasziniert bis an die Grenze der Sucht” auf 14 Seiten ab. Alles richtig und einsichtig, was der Medienprofi aus tiefenpsychologischer Sicht schreibt – doch auch hier bleibt der ”Aha-Effekt” leider aus. Ein gewisses weiteres Highlight stellt das knappe Interview mit Jürgen Hilse, dem ”Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle” (will man einen solchen Titel wirklich tragen?!) am Ende des Büchleins dar. Doch auch hier nicht viel Neues wie bekannt zurückhaltende Aussagen der Art ”Ich glaube nicht, dass Computerspiele allein als Ursache oder treibende Kraft von Amokläufern angesehen werden können” (S. 110). Mit diesem Statement tut man niemandem so richtig weh, denn wer außer den ganz rechtsaußen agierenden Missionaren wie Beckstein, Pfeiffer & Co. würde dem schon widersprechen?!

Alternativen

Überflüssig ist das Buch nicht: Wer erste Informationen zu dem Thema sucht, findet hier durchaus einige Hinweise. Gründlicher allerdings und wesentlich kontroverser zu diesem Thema erschien ebenfalls kürzlich der Band ”Streitfall Computerspiele: Computerspiele zwischen kultureller Bildung, Kunstfreiheit und Jugendschutz”, herausgegeben vom Deutschen Kulturrat mit Olaf Zimmermann (”Erwachsene haben ein Recht auf Schund”). Wer konkreten Rat über den Umgang von Eltern und Kindern mit Computerspielen (und anderen Medien wie TV) sucht, dem lässt sich etwa der instruktive Band ”Kinder in der Mediengesellschaft. Fernsehen, Computer und Erziehung” von Ellen Nieswiodek-Martin (Hänssler) empfehlen.

Fazit

Für Einsteiger in das Thema Computerspiele und angrenzende Gebiete können wir das Buch mit Vorbehalt anraten, zumal es sich mit seinen 112 Seiten rasch lesen lässt. Wirklich Neues und Erhellendes findet sich darin leider nur sporadisch. Ein weiteres Zeichen, dass der Band etwas hastig zusammen gestellt erscheint, ist die Tatsache, dass die Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis mit den Artikelseiten nicht übereinstimmen. Etwas mehr Sorgfalt würde man sich gerade bei einem derart schmalen Band doch wünschen.
Info: Frölich, Margrit / Grunewald, Michael / Taplik, Ursula (Hrsg.), Computerspiele: Faszination und Irritation, Brandes & Apsel Verlag (2007), 112 Seiten Paperback, ISBN 978-3-86099-733-8, 12,90 Euro
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