918662

Buchrezension: "Kinder brauchen Monster"

21.01.2004 | 12:11 Uhr |

Können Computerspiele, die virtuelle Gewaltdarstellung gestatten und digitales Blut fließen lassen, verantwortlich gemacht werden für Massaker wie in Littleton oder Erfurt? Gerard Jones, Autor des Buches "Kinder brauchen Monster - Vom Umgang mit Gewaltphantasien" bestreitet das - mit überzeugenden Gründen.

Manche Diskussionen wiederholen sich unter anderen Vorzeichen. Man erinnert sich noch an die Debatte um Märchen der Gebrüder Grimm, mit denen Generationen von Kindern groß wurden. Plötzlich waren sie in Verruf geraten wegen ihrer zum Teil erheblichen Gewaltdarstellung. Vielleicht berühmtestes Beispiel: wie Hänsel die Hexe in den Ofen schiebt und sie verbrennen lässt, dadurch aber das Leben seiner Schwester Gretel und das eigene rettet. Ungeeignet als Vorbild für Konfliktlösung in der Realität, war das Verdikt namhafter Pädagogen. Bis der analytisch orientierte Kinderpsychologe Bruno Bettelheim gegen dieses verbreitete (Vor-)Urteil mit seinem heftig diskutierten Buch "Kinder brauchen Märchen" (deutsch 1977) anschrieb. Seine Hauptthese: Märchen auch mit expliziter Gewaltbeschreibung sind für Kinder wichtig für die innere Bewältigung von äußeren Konflikten speziell mit Erziehungspersonen. Der deutsche Titel "Kinder brauchen Monster" (im Original: "Killing Monsters") spielt darauf gezielt an.

Ego-Shooter: Argumente statt Vorurteile

Jones ist freilich kein gelernter Pädagoge. Der heutige Medienspezialist arbeitete ursprünglich als Comic-Zeichner und Drehbuchautor (Batman, Spiderman und Pokémon), einige seiner Figuren und Geschichten wurden auch in Videospielen eingesetzt. In seinem Buch geht es um den Einfluss von fiktiver Gewalt auf die Psyche und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Dies kann ein Thema in Film und Fernsehen, in Comics oder "harter" Musik sein, oder eben in Computerspielen. Uns interessierte namentlich das 10. Kapitel seines Buches über "Ego-Shooter" (S. 249 - 274). Gerard Jones bringt eine ganze Fülle von Argumenten, von denen die wichtigsten im Folgenden zusammengefasst sind:

Die These, Computerspiele machten aus Kindern Killer, ist verständlich, aber die nachweislichen Fakten sprechen dagegenShooter von einem Nicht-Spieler betrachtet wirken brutal; lernt man Spiele und Spieler selbst kennen, erscheinen Computerspiele als "die harmloseste und unschädlichste von allen Formen gewaltorientierter Unterhaltung"Die Untersuchung des US-Militärpsychologen Dave Grossman, der zufolge Computerspiele Ähnlichkeiten mit operanten Konditionierungsmethoden in der Army beispielsweise in Vietnam aufweisen, wodurch Soldaten das Töten ihrer Feinde lernen sollen, hält in ihrem Analogieschluss wissenschaftlichen Kriterien nicht stand. Denn "wirksame Konditionierung setzt strukturierte Anwendung und eine kontrollierte Umgebung voraus" - so findet "das gesamte militärische Training in einem autoritätsgeprägten Umfeld statt, in dem sich die Soldaten vollkommen bewusst sind, dass der Zweck des Spiels darin besteht, sie zu besseren Schützen auszubilden" (aaO. S. 251). Diese Motivation fehlt "normalen" Computerspielern, Gefühle, Gedanken und Interpretationszusammenhänge sind aber für die Wirkung einer operanten Konditionierung wesentliche FaktorenNach den über 10 Jahren, seitdem Shooter wie Castle Wolfenstein, Doom oder Quake auf dem Markt sind, gibt es keine empirische Beweise für die von Grossman und anderen Kritikern prophezeiten Folgen; im Gegenteil habe gemäß Spezialisten die Brutalität von Kindern und Jugendlichen in diesem Zeitraum sogar abgenommen, das gelte auch für WaffengewaltExperten für Jugendkriminalität können im Profil betroffener Jugendlicher keine Verbindung zwischen Computerspielen und Gewalt nachweisen; Gewalt bereite Jugendliche interessieren sich demnach eher für brutale Musik wie Death Metal, Gewalt verherrlichende Webseiten sowie entsprechende Filme; auf Shooter sehen diese Jugendlichen in der Regel verächtlich als "Kinderkram" herabMessungen erhöhter Aggressivität unmittelbar nach einer Ego-Shooter-Session entsprechen ziemlich genau denjenigen Werten, die man nach beliebigen Wettkampf-Erlebnissen gewinnen kannVon den 16 Massakern, die in den letzten Jahren an amerikanischen Schulen stattgefunden haben - verursacht von insgesamt 18 männlichen Schülern - waren lediglich am 13. Tatort die Amokschützen zugleich besessene Shooter-SpielerAuch frühere Massenmörder haben sich gern auf angebliche Vorbilder berufen - so etwa Charles Manson auf einen Beatles-Song. Niemand käme auf die Idee, ernsthaft einen Zusammenhang zwischen einem solchen Lied und der späteren Gräueltat zu behaupten

0 Kommentare zu diesem Artikel
918662