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Buchvorstellung: 'Mustererkennung' von William Gibson

25.08.2004 | 12:27 Uhr |

Eine Allergie der Protagonistin Cayce gegen Markensymbole, seltsame Filmclips im Internet sowie der 11. September 2001 haben im Plot eine entscheidende Bedeutung.

Berühmt wurde William Gibson durch seinen Sciencefiction-Thriller "Neuromancer" bereits seit 1984. Begriffe wie "Cyberspace" oder "Matrix" rückten mit dem ersten Band einer Trilogie in den selbstverständlichen Sprachgebrauch aller Computerfreaks ein. In seinem jetzt bei Klett-Cotta ins Deutsche übersetzten Roman "Mustererkennung" ("Pattern Recogniton", Original 2003) geht der US-Autor teils neue Wege: Die Geschichte spielt in der Gegenwart vorwiegend in London, New York und Moskau, die Terroranschläge vom 11. 9. 2001 und ihre Folgen sind eindrucksvoll mit der Story verwoben. Heldin des Buchs ist Cayce Pollard, die große Marketing-Firmen berät. Sie ist allergisch gegen bestimmte starke Markensymbole wie etwa das ursprüngliche Michelin-Männchen, damit verbunden ist aber auch eine unfehlbare Sensitivität für die Wirkung eines neuen Logos oder Trends in der Mode: "Coolhunterin" ist eine Variante ihrer Tätigkeitsbeschreibungen. Zugleich tauchen an schwer zugänglicher Stelle im Internet etappenweise mysteriöse Fragmente von Videoclips auf, deren Inhalt schwer zu beschreiben ist, aber eine intensive emotionale und suggestive Wirkung auf deren Betrachter ausübt. Schnell hat sich eine Fangemeinde gebildet ("Clipheads"), die in eigenen Foren teils hitzig über die Herkunft und den Sinn der Clips diskutieren. Cayce gehört in ihrer Freizeit zu den Clipheads, bis sie einen kommerziellen Auftrag eines Marketing-Magnaten erhält, dem Muster der Clips auf Grund ihrer besonderen Begabung nachzuspüren und deren Ursprung zu entlarven. Ausgestattet mit allen finanziellen und technischen Möglichkeiten gerät sie in eine spionagereife Story von Verfolgung und Intrigen, bis sie dem Geheimnis schließlich auf die Spur kommt. Dieses präsentiert in der Tat eine unvorhergesehene Überraschung. Nur so viel sei verraten: "Mustererkennung" ist auf weiten Strecken eine Art Frauenbuch, bei Cayce Pollard angefangen. Männer spielen letztlich - bis auf Cayces am 11.9. verschollenen Vater und ihren Forumsfreund "Parkaboy" - nur Randrollen. Dafür taucht der männliche Autor Gibson einfühlsam in die Psyche seiner weiblichen Protagonistin ein, das macht einen starken Reiz des Buchs aus, der sich darin aber beileibe nicht erschöpft. Computer- und Thrillerfreunde kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Jedenfalls - Achtung, kleiner Spoiler - ist die Lösung der Clip-Rätsel - weiblich...

Ja, und die Macs?

Der bekennende Apple-Fan William Gibson lässt sie gebührend zur Geltung kommen. Gleich zu Beginn in der Wohnung ihres guten Londoner Freundes Damien steht "ein treuer Cube eingeschaltet, aber auf Sleepmodus." Selbstverständlich wird Cayce ihn für ihre Internet-Recherchen ausgiebig nutzen, und an der Art und Weise, wie Gibson ihr Handling des Macs beschreibt, merkt man, dass der Autor sich mit dem einstigen Lieblingsprojekt von Steve Jobs gut auskennt. Im weiteren Verlauf der Geschichte geht Cayce mit Handy - und einem iBook dem Clip-Mysterium nach. Keine Frage: Sollte die streckenweise filmreife Geschichte in Hollywood landen, das Product-Placement ist vorgegeben. Zumal die Sensitive Cayce Pollard gegen das Apple-Logo ganz offensichtlich nicht allergisch ist ...

Fazit

"Mustererkennung" ist ein intensives, packendes Gegenwartsbuch mit - typisch Gibson - seherischer, Kultur kritischer Kraft sowie einer ordentlichen Prise Apple. Der Roman dürfte für viele Computer- und Medienfans nicht nur aus der Werbe- oder Publishingbranche wie ein virtueller Spiegel wirken: Zwar nicht immer schön, aber wahr. Wer den Schreibstil William Gibsons schätzt, kommt an dem Buch keinesfalls vorbei. Wenn es auch nicht durchgängig die Dichte seiner frühen Werke erreicht, steht für uns fest: Es ist eins seiner besten!

Wertung: 6 Mäuse 1,3 sehr gut

Info: William Gibson, Mustererkennung, Deutsch Stuttgart 2004 Euro [D] 24,50 bzw. sFr 43,90, 461 Seiten ISBN: 3-608-93658-0
Klett-Cotta TEL 0711 / 6672-1256 WEB http://www.klett-cotta.de/?js=yes

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