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Chemicus I - schön und erbärmlich schwer

28.08.2002 | 12:41 Uhr |

Im Gegensatz zum Physikus hat Heurak-Klett die Rätsel im Chemie-Lernabenteuer unnnötig kopliziert gestaltet.

München/Macwelt - Der Multimedia-Verlag Heureka-Klett versucht mit seinen Lernadventures Schülern die Welt der Naturwissenschaften auf unterhaltsame Weise näher zu bringen. Erfreulicher Weise laufen Programme wie Physikus, Chemicus oder Bioscopia auch auf dem Mac.
Vor etwa einer Woche hat Macwelt Online "Physikus" vorgestellt, das in die Welt der klassischen Physik entführt und positiv bewertet. Diesmal werfen wir einen näheren Blick auf das Chemie-Lernadventure.

Eine erste Einschätzung gleich zu Beginn: Auch Chemicus ist ein schön gerendertes Spiel in klassischer Adventure-Manier. Einziges Steuerinstrument ist die Maus für das traditionelle Point-and-klick. Unser Gesasmturteil fällt jedoch eher negativ aus, weil man bei Chemicus das Gefühl aufkommt, in der Schönheit der Bilder unterzugehen und Weg und Ziel aus den Augen zu verlieren. Denn dieses Spiel ist größtenteils so absurd schwer, dass es dem Rezensenten irgendwann keinen Spaß mehr machte, weiter nach der Lösung zu forschen. Die Komplettlösung aus dem Internet zeigt sich nur bedingt hilfreich. Daraus seien die Schlusssätze zitiert : "Du hast das Spiel endlich geschafft, Gratulation. Ob das Ende allerdings deinen Vorstellungen entspricht, wage ich zu bezweifeln. Ich war enttäuscht und hätte das Spiel ohne die Tipps aus den Foren und der Hotline sowieso wohl nie geschafft". Dem ist aus Sicht des Rezensenten an sich wenig hinzuzufügen.

Wohlgemerkt soll dieses Spiel als Lernsoftware Schüler ab 12 Jahren zum Kennenlernen und Erforschen der Chemie motivieren. Elemente und Stoffe, Atombau und chemische Bindungen, Elektrochemie, Säuren und Basen sowie die Organische (Kohlenstoff-) Chemie stehen auf dem Lehrplan, mit deren Verständnis man die Rätsel des Spiels lösen können soll.
Auf den Lernteil in Gestalt eines digitalen Unterrichtswerks kann man jederzeit im Spiel zugreifen, jedoch braucht man diverse "Lernchips", die der Spieler im Laufe des Abenteuers findet, um alle Lerninhalte nach und nach aufrufen zu können. Im Unterschied zu Physikus ist dieses digitale Lehrbuch langweilig gemacht. Man liest dicht beschriebene Texte mit spärlichen Illustrationen, das einzig interaktive Gimmick sind Hyperlinks zu anderen Stellen im Buch. Es ist weder so ansprechend gestaltet wie Physikus noch wird man hier zu eigenen Experimenten aufgerufen. Gähnende Langeweile dürfte zumindest bei den jugendlichen Spielern bald die Folge sein.

Spannende Story - frustige Rätsel


Dabei beginnt Chemicus verheißungsvoll. Im Intro-Film erfahren wir, dass unser virtueller Freund Richard einer heißen Geschichte mit einem Molekül und um einen riesigen Turm auf der Spur ist. Plötzlich dringen Leute in sein Zimmer ein und entführen ihn. Sofort sucht unser Spieler-Ich diesen Raum auf und entdeckt durch das Entschlüsseln einiger leichterer Rätsel eine Geheimtür, die in einen Keller führt. Dort gilt es zunächst, mittels einer Zitrone einen Stromkreis zu schließen und so für Energie in dem unterirdischen Labor zu sorgen. Dieses Rätsel-Niveau macht Spaß, weil es mit ein bisschen Nachdenken und Ausprobieren weiter führt im Spiel und trotzdem lehrreich ist.
Doch dann beginnt der Frust - schon das Energietor zu der anderen Welt zu öffnen setzt erhebliches Tüfteln und wenig evidente Arbeitsschritte voraus.
Hat man diese Hürde überwunden, findet man sich in einer zugleich seltsamen wie faszinierenden Stadt wieder. Verschiedene Stationen sind durch eine U-Bahn miteinander verbunden. Die U-Bahn kann man nur in Betrieb nehmen, wenn man unterwegs immer wieder neue Transportmoleküle oder chemische Elemente findet, die sich im Steuerpult des Gefährts einsetzen lasse. Dieses Steuerpult hat die Form des Periodensystems der Elemente, die Transportmoleküle sind an der richtigen Stelle einzufügen. Auf diese Weise erhält man zugleich eine erste Ahnung der Struktur des Periodensystems. Ohne Zweifel eine der besseren Ideen in diesem Spiel.
Viele beeindruckend gestaltete Räume und Umgebungen erwarten uns. Man würde gerne loslegen und mit den ersten Gegenständen, die man findet (Chemikalien, Gefäße, ein Prisma und dergleichen) auch etwas anstellen. Es läuft aber nichts - der Spieler wird gnadenlos von einer Station zu anderen getrieben, stößt auf immer neue rätselhafte Vorrichtungen und Anordnungen und sammelt weitere Gegenstände im Inventar. Schließlich sind es davon über 30 (!), mit denen man weiter hin und her reisen muss, um dem Geheimnis dieser Stadt und dem Verbleib unseres Freundes auf die Spur zu kommen. Wer nicht resigniert und im Spiel bleibt, kann endlich mit dem Experimentieren beginnen. Durch chemische Versuche und Computerprogrammieren findet man die drei entscheidenden Zahlenwerte, mittels derer der Abenteurer am Zentralcomputer die Lösung findet und das Happyend herbeiführt. Abspann!
Als Systemvoraussetzungen für Chemicus I gibt der Hersteller einen G3-Mac ab 233 Megahertz mit mindestens 64 MB RAM an. Die Grafikkarte sollte 32 Bit Farbtiefe bei einer Auflösung von 800 x 600 darstellen können, das zum Spielen notwendige Quicktime 5 wird mitgeliefert. Auf unserem Testrechner, einem G4 PowerMac mit 733 MHz und über 800 MB RAM ruckelte es dennoch an einigen Stellen.

Fazit


Empfehlen lässt sich dieses Lernspiel nur unstillbar Wissbegierigen mit viel Zeit und Ausdauer beim Tüfteln sowie Kombinieren. Oder solchen Spielern, die nicht davor zurückschrecken, eine Komplettlösung heranzuziehen, um sich durch schöne Szenarien zu klicken. Es gibt aber ein Licht der Hoffnung am digitalen Chemiker-Himmel. Denn dem Rezensenten liegt auch der Nachfolger Chemicus II vor. Und dieser scheint zu halten, was der erste Teil nur verspricht: Ein Lernadventure, dessen Rätsel auch für einen engagieren Normalspieler lösbar sind und das gerade so viel eleganter und tiefer in die Welt der Chemie und darüber hinaus (die Alchemie!) einzuführen vermag als Chemicus I.
Etwas Positives zum Schluss: Das Spiel läuft auch unter Mac-OS X 10.2 im Classic-Modus. tha

Info: Chemicus … und Chemie wird zum Abenteuer, Heureka-Klett Software-Verlag GmbH , als DVD (ISBN 3-12-1 3 5 061-7 ) oder CD-ROM (ISBN 3-12-13 5060-9), beide hybrid für Mac und Windows, je 50,62 Euro (Listenpreis)

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