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Computervirus im Kernkraftwerk Gundremmingen

26.04.2016 | 15:09 Uhr |

Gefahr für die Bevölkerung habe keine bestanden, die Entdeckung eines Viruses im Kernkraftwerk Gundremmingen lässt Fragen offen.

Im Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen haben die Betreiber bei einer Revision einen Computervirus entdeckt. Dieser hatte sich in einem zuletzt 2008 aktualisierten Computersystem einer Brennelementelademaschine versteckt und habe versucht, ungewollte Verbindungen zum Internet herzustellen. Wie genau der Virus auf die Anlage kam, soll eine genauere Überprüfung durch den Betreiber RWE herausfinden, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sei alarmiert. Eine Gefährdung der Bevölkerung habe niemals bestanden, beschwichtigt RWE. Die betroffene Maschine sei nicht zur Steuerung des Reaktors eingesetzt, kritische Bereiche der Anlage seien aus Sicherheitsgründen ohnehin vom Internet getrennt.

Sicherheitsexperte Eugen Kaspersky zeigt sich in einer Pressemitteilung wenig überrascht. Er geht davon aus, dass kein gezielter Angriff vorliege, sondern eine versehentliche Infektion, die nach der Verbindung eines Speichergeräts mit der Maschine zustande kam. Der Vorfall zeige aber, dass auch kritische Systeme verwundbar seien, sofern sie auch nur mittelbar mit dem Internet in Kontakt kämen. Gezielte Cyberattacken seien indes nicht unbekannt, so war bereits ein Hochofen Opfer eines Angriffs und vor einigen Jahren hatte der Virus Stuxnet offenbar gezielt Anlagen zur Urananreicherung in Iran lahm gelegt - CIA und andere Geheimdienste wurden den Verdacht nie los, Urheber der Schadsoftware gewesen zu sein.

Kaspersky warnt aber nicht nur vor gezielten Angriffen auf Hochsicherheitsanlagen, es sei zudem zu befürchten, dass eine für ganz andere Zwecke konzipierte Malware schweren Schaden anrichtet.

Ratlos auch nach 30 Jahren

In der Tat macht die Nachricht vom Virus im (bayerischen) Kernkraftwerk am 30sten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ratlos. Damals war es zwar ein fahrlässig konzipiertes Experiment, das gnadenlos schief ging und ganze Landstriche für Jahrhunderte unbewohnbar machte. Doch hatten Ingenieure des Kernkraftwerks Three Mile Island im US-Bundesstaat New York  sieben Jahre zuvor einfach nur Glück, dass ein Störfall mit einem defektem Ventil nicht zu einer ähnlichen Katastrophe führte. Erst der durch Erdbeben und Tsunami ausgelöste GAU im japanischen Fukushima führte zu einem Umdenken in Sachen Kernenergie – zumindest in Deutschland.

Derzeit gehen in Tschernobyl die auf ein Jahrhundert und länger angesetzten Aufräumarbeiten weiter, bis nächstes Jahr soll eine über 250 lange wie breit und 110 Meter hohe Halle über den Unglücksreaktor geschoben werden und in dessen Inneren der mittlerweile marode Sarkophag abgebaut und das radioaktive Material zur Entsorgung aufbereitet werden. Da die Strahlenbelastung seit dem 26. April 1986 kaum geringer geworden ist, werden automatische Kräne diesen Job im Inneren der Halle erledigen.

Die beteiligten Ingenieure wissen aber nicht genau, was sie unter dem 1986 eilig errichteten Sarkophag erwartet, die nukleare Kettenreaktion dauert immer noch an, wie sich der Reaktorkern mit dem zur Notabwehr aufgetürmten Bauschutt in den zurückliegenden 30 Jahren verbunden hat, weiß niemand so genau. Aber die inneren Kreise von Dantes Inferno müssen lauschige Orte dagegen gewesen sein.

Auf den Tag genau 30 Jahre nach der Katastrophe veröffentlicht der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) die bis jetzt geheimen Unterlagen aus den alten KGB-Archiven . Die Sammlung ist nur 32 Dokumente groß, dennoch finden sich dort interessante Angaben (bis jetzt nur auf Russisch und Ukrainisch) über eine weitere Panne in Tschernobyl, die sich bereits 1982 ereignet hat. In Wien auf einer Sitzung der Internationalen Atomenergie-Organisation gaben die sowjetischen Ingenieure zu , dass die Atomreaktoren wie in Tschernobyl nicht stabil genug konstruiert werden. Auch finden sich dort diverse Problemmeldungen bereits bei dem Bau der Reaktoren 1978.  Hauptproblem: Während im „Westen“ hauptsächlich Leichtwasserreaktoren zum Einsatz kamen, bei dem der Moderator Wasser gleichzeitig Kühlmittel ist, wurden die Reaktoren in der Sowjetunion von Graphit moderiert. Die Steuerstäbe bremsen dabei die bei der Kernspaltung erzeugten Neutronen so weit ab, dass sie weitere Kerne spalten können.

Gefahr noch lange nicht gebannt

Die Aussichten sind nicht besonders erheiternd, beim Unfall entwich nur vier Prozent des vorhandenen radioaktiven Materials in die Atmosphäre und hat bereits nachhaltige Schäden in einem großen Gebiet angerichtet. Die Kraftwerksruine ist aber nicht das einzige Problem in Tschernobyl, ausrangierte Brennstäbe aus dem regulären Betrieb harren dort auch weiterhin der Entsorgung - bisher eher notdürftig in Abklingbecken abgestellt. Dieses Problem haben aber nicht nur die Reaktorblöcke im Norden der Ukraine, weltweit ist noch keine vernünftige Lösung dafür gefunden, was mit dem strahlenden Müll geschehen kann und soll. Die weitere Finanzierung des neuen Sarkophags, der weitgehend von EU-Geldern bezahlt wurde, ist auch noch völlig offen. Dabei soll die Maschine aber mindestens 100 Jahre lang zuverlässig arbeiten.

Derweil machen auch Besorgnis erregende Berichte aus der EU die Runde, in Belgien sind anscheinend etliche Kernanlage so marode wie es die Tschernobyl vor dem Unfall eher nicht war, in Baden-Württemberg wurden Sicherheitsüberprüfungen einfach erfunden und die Protokolle darüber gefälscht. Sollte es nun aber einen Reaktor in Belgien zerreißen wie einst den Block 4 in Tschernobyl, wäre beim meist vorherrschenden Westwind vor allem Aachen betroffen. Die Befugnis der deutschen Atomaufsichtsbehörde endet aber an der Grenze, welche eine radioaktive Wolke nicht einmal als eine solche erkennen würde.

Irgendwie, so scheint es, ist ein Virus, der sich verhält wie die Ende der Neunziger populären Dialer, das geringste Problem bei der Nutzung der Kernenergie.

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