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Cue: "11 Mio. Music-Abos, 200.000 iMessages pro Sek"

15.02.2016 | 14:25 Uhr |

Apple-Software ist zuletzt immer stärker in die Kritik geraten. Im Interview mit John Gruber plaudern Craigh Federighi und Eddy Cue etwas aus dem Nähkästchen.

Craigh Federighi, bei Apple als Senior Vice President für die Softwareentwicklung von OS X und iOS zuständig und Eddy Cue, seines Zeichens als Senior Vice President Software and Services der Chef von iTunes und Apple Music, haben am Freitag mit dem Technikjournalisten John Gruber ausführlich über Apple-Software, die Services des Unternehmens und die zunehmende Kritik daran gesprochen. Dazu haben die beiden Führungskräfte eine interessante These aufgestellt: Bugs in iOS, OS X, Programmen und Services würden nur deshalb derzeit verstärkt auffallen, weil die Leute Apples Software und Dienste immer häufiger nutzen. Gleichwohl sehe man auch bei Apple Fehler in den Anwendungen und versuche sie unter Mithilfe der Anwender so gut wie möglich auszubügeln. Unsere Macworld-Kollegin Susie Ochs hat sich den gesamten Podcast The Talk Show mit John Gruber und seinen beiden Gästen angehört und das Wichtigste zusammengefasst.

iOS 9.3 und der Sinn der Public Beta

Erst seit letztem Herbst können Interessierte Vorabversionen von iOS-Updates testen und nicht nur registrierte Entwickler. Zuletzt hatte Apple die Beta von iOS 9.3 auf die Öffentlichkeit losgelassen. An den Betaprogrammen für iOS und OS X nehmen laut Federighi etwa eine Million Anwender teil.

Im Fall von iOS 9.3 hatte Apple erstmals vor der Veröffentlichung eines Updates schon eine Marketingseite aufgesetzt, um die Vorzüge des kommenden Updates wie etwa den Nachtmodus und das für Bildungseinrichtungen konzipierte Gerätemanagement zu rühmen. Zu diesem Zeitpunkt hatten erst Entwickler die Beta bekommen, die Public Beta erschien erst einige Tage später, die finale Version lässt noch auf sich warten. Ob das nun die neue Ausrichtung Apples sei und sich Entwicklertreffen künftig sparen könne, will Gruber wissen.

Die WWDC richte sich an Entwickler, denen Apple gebündelte Informationen über größere Veränderungen wie zuletzt bei iOS 8 und iOS 9 geben könne, erklärt Federighi. Dafür veröffentliche man auch ein SDK, mit denen die Entwickler ihre Apps bis zum Erscheinen der finalen Version anpassen können. In iOS 9.3 habe man jedoch einige neue Funktionen "für jedermann" integriert und den Fokus weniger auf Entwickler und ihre Werkzeuge gelegt, weshalb die Beta eben für die Öffentlichkeit zur Verfügung stehe. Einige Funktionen seien auch noch nicht ganz fertig und Apple wolle die Verbesserungsvorschläge der Anwender bei der Fertigstellung berücksichtigen. Konkret werde man bei Verbesserungen für das iPad Pro wertvolles Feedback umsetzen können.

Apple-Produkte selbst im Einsatz

Wenig überraschend schenken die beiden Chefs ihren Entwicklern grenzenloses Vertrauen und installieren die jüngsten Softwareversionen sofort. "Ich habe vier Macs, vier iPads und zwei iPhones," erklärt etwa Federighi, "und ich aktualisiere die quasi jeden Tag auf den neuesten Build." Auch Cue installiert selbst auf seinen Rechnern die jeweils aktuelle Version und kann so verfolgen, woran das Team arbeitet und es gleich mit Feedback versorgen. Der Nutzen sei aber auch gegenseitig. So habe Cue erst kürzlich bei der Installation eines neuen Builds von OS X auf seinem iMac ein schwer zu reproduzierendes Problem gefunden, den iMac zu Federighi gebracht, der seine Entwickler darauf ansetzte. Cue ging dann auf Geschäftsreise und konnte nach seiner Rückkehr den reparierten iMac wieder abholen – Genius Bar für VIPs, gewissermaßen.

Fehler gefunden

Was denn der letzte Fehler sei, den die beiden gefunden hätten, fragt Gruber. Das sei  auf dem Apple TV einer im  Zusammenhang mit dem Familienabo von Apple Music gewesen, das er selbst verwende, erklärt Cue. Als er einen neuen Film kaufen wollte, kam die Meldung, "Jemand aus der Familie hat diesen Film schon gekauft, wollen Sie ihn erneut kaufen?" - eine ziemlich stumpfsinnige Meldung, wie Cue befindet. Wie ihm sein Team erklärte, sei das ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Familienfreigabe , als der iTunes Store den Anwender mitteilte, er habe einen Inhalt schon gekauft, aber erlaubte, ihn neu zu kaufen, wenn er das wirklich wollte. Im Rahmen der Familienfreigabe sollten iTunes und Apple Music nicht mehr fragen, sondern einfach den Inhalt laden, meint Cue. Wir warten freudig auf das entsprechende Update, über das sich auch Singles freuen würden. Denn das Apple TV sollte jedweden Inhalt, den man schon einmal gekauft hat, ohne Nachfragen streamen...

Siri macht Apple TV kompliziert

tvOS 9.2 - derzeit ebenfalls in Beta - wird für das Apple TV einige Neuerungen bringen. Siri kann dann den kompletten App Store durchsuchen oder sich systemweit diktieren lassen (praktisch für die Eingabe von Nutzerdaten bei diversen Services). Das neue Konferenzraum-Display bietet im wesentlichen ein neutraleres Startmenü und nicht Werbung für trendige Filme. Apps lassen sich dann auch in Ordner ablegen, das Apple TV wird die iCloud-Bibliothek unterstützen. Siri spricht dann zwar auch spanisch und französisch, was aber bei weitem nicht an die 35 Sprachen heran reicht, die Siri auf iOS-Geräten unterstützt. Cue erklärt, warum das so ist: "Apple TV bringt ein interessantes Problem mit, weil man oft nach Inhalten in einer Sprache sucht, die man nicht selbst spricht." Also in einer deutschen oder französischen Sprachumgebung englische Songtitel oder Namen von Serien wie Breaking Bad, House of Cards, Game of Thrones. Aber das ist auch schon auf dem iPhone negativ aufgefallen . Siri müsse also erkennen, ob man "They Might Be Giants" mit deutschem, französischem oder spanischem Akzent ausspricht, ergänzt Federighi. Das für maschinelles Lernen zuständige Team mache bei Apple aber große Fortschritte und könne quer über alle Plattformen jede Woche eine Milliarde neue Anfragen zur Verbesserung nutzen.

Mehr zu tvOS 9.2

Warum erst mit tvOS 9.2 die Unterstützung von Bluetooth-Keyboards auf das Apple TV 4 kommt, wo doch die Vorgänger das schon an Bord hatten, erklärt sich laut Federighi mit einer einfachen Überlegung zur Priorisierung. Damit das Apple TV rechtzeitig fertig werden konnte, mussten die Entwickler die bis dahin noch nicht gut genug laufende Unterstützung für Bluetooth-Peripherie streichen. Analysen hatten gezeigt, dass auch an Apple TV 2 und 3 kaum jemand drahtlose Tastaturen angeschlossen hatte. Federighi lässt sich zu dem Scherz hinreißen, nur Entwickler oder Apple-Angestellte hätten das gemacht, denn während der WWDC sei die Nutzung von Bluetooth-Tastaturen am Apple TV auf nahezu null zurück gegangen.

Endlich kommt auch die Remote App für das Apple TV 4 zurück auf iOS, man ist beim Wischen und Scrollen durch die Menüs nicht mehr auf die Siri-Remote angewiesen. Die neue Remote-App soll nun auch die Benutzung von Siri auf dem iPhone zur Steuerung des Apple TV zulassen. Auch Spiele wird man steuern können, mit der Remote-App wird das iPhone also zum vollwertigen Ersatz der Siri-Remote.

Mehr Nutzer, mehr Fehlerberichte

Angesprochen auf Walt Mossbergs jüngsten Zornausbruch über Apple-Software , meinen Cue und Federighi, sie würden die Vorwürfe speziell zu iTunes (Mossberg: "Ich fürchte mich davor, das Ding zu starten") erst nehmen. Die zunehmende Kritik sei aber kein Hinweis auf ein Qualitätsproblem der Apple-Software, sondern eine Frage der Skalierung. Je mehr Leute die Produkte verwenden würden, umso mehr beschweren sich auch über tatsächlich und vermeintliche Fehler. "Ich weiß, dass im Grunde unsere Software-Qualität sich in den letzten fünf Jahren sogar dramatisch verbessert hat," versichert Federighi. Die Auswertungen der Anwenderstatistiken zeige, dass sich die Kunden immer häufiger und intensiver mit ihren Macs, iPads und iPhones beschäftigten. "Jahr für Jahr überlegen sich unsere Ingenieure, wie groß die Batterie im neuen iPhone sein dürfe," erklärt Federighi. Man müsse den Entwicklern dann stets sagen, dass sie noch Kapazität draufpacken sollten, denn die Leute würden ihre Geräte immer intensiver verwenden. Wenn man dann eine Milliarde iOS-Geräte in allen Ecken der Welt laufen habe, zu jedem möglichen Zweck, in dutzenden Sprachen mit all den Apps von Drittherstellern, treten zwangsläufig Probleme auf, erklärt Federighi. Diese habe es immer gegeben, aber mit mehr Nutzern treten diese Probleme immer wieder "hier und dort" auf. Die steigende Anwenderschaft habe also auf die Bugreports eine "verstärkende Wirkung".

Cue kommt seinem Vorstandskollegen mit konkreten Zahlen zur Hilfe: Apple habe 782 Millionen iCloud-Nutzer, 11 Millionen Abonnenten für Apple Music, iTunes Store und App Store tätigen 750 Millionen Transaktionen in jeder Woche und über iMessages würden zu Stoßzeiten bis zu 200.000 Nachrichten pro Sekunde verschickt.

Eddy Cue sagt auch etwas interessantes zu iTunes selber: "Es ist nicht so, dass wir nicht ständig darüber nachdenken, wie wir die App am besten aufbauen sollen, ob wir für einige Komponente lieber eine separate App machen sollen. Aber jetzt haben wir eine neue Version von iTunes gemacht, diese Version werdet ihr nächsten Monat mit dem OS-X-Update sehen. Sie wird es noch leichter machen, gute Musik zu hören."

"Wir sind natürlich darüber frustriert, überall so charakterisiert zu werden, dass unsere Qualität insgesamt zurückginge," führt Federighi aus, "denn wir wissen ja, dass dem nicht so ist. Gleichzeitig sehen wir aber, dass es der Realität entspricht: Wenn die Leute diese negativen Erfahrungen machen, können wir etwas verbessern."

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