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EU kämpft gegen Mobbing im Internet

09.02.2009 | 10:16 Uhr |

Der Terror begann mit einem Paar neuer Schuhe. Das hatte sich Alina gekauft, weil ihre beste Freundin Alex das gleiche hatte. Doch Alex war darüber sehr wütend. Wie sehr, das merkte Alina, als sie sich auf schuelerVZ einloggte, einem beliebten Internet- Netzwerk von Jugendlichen und Kindern in Deutschland.

«Dreckschlampe» stand plötzlich auf der Pinnwand der 14 Jahre alten Schülerin. Bald bildete sich auf schuelerVZ eine Alina-Hassgruppe, auf der anonyme Nutzer gegen das Mädchen hetzten, es täglich beleidigten und sogar gefälschte Bilder veröffentlichten. Alinas Geschichte ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Europäischen Kommission in Brüssel wurde bereits jeder fünfte Schüler in Deutschland im Internet gemobbt. In anderen EU-Ländern ist Cyber- Mobbing sogar noch verbreiteter. Untersuchungen ergaben, dass in Großbritannien jeder dritte Jugendliche und in Polen sogar jeder Zweite schon einmal im Netz fertig gemacht wurde. Cyber-Mobbing steht deshalb an diesem Dienstag im Zentrum des «Safer Internet Day», an dem Schüler und Lehrer weltweit dazu aufgerufen sind, über die Gefahren im Internet zu diskutieren.

Schirmherr der Aktion ist die EU-Kommission, die den Tag 2004 ins Leben gerufen hat. Damals beteiligten sich 15 EU-Länder. Mit der Zeit kamen auch Organisationen aus nicht EU-Staaten wie Australien, Venezuela und Ägypten hinzu. Anstatt aus EU-Töpfen werden ihre Aktionen meist national finanziert. «Cyber-Mobbing ist ein ernstzunehmendes Problem, vor allem in Europa», sagt Viviane Reding, EU-Medienkommissarin. Online-Netzwerke wie Facebook, schuelerVZ und YouTube, auf denen Nachrichten verschickt oder Fotos und Videos veröffentlicht werden können, sind für viele Teenager aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Allein in der EU ist die Zahl der regelmäßigen Nutzer sozialer Online-Netzwerke nach Angaben von Reding zwischen 2007 und 2008 um 35 Prozent auf 41,7 Millionen gestiegen. Für 2012 rechnen Prognosen mit einem weiteren Anstieg auf 110 Millionen Nutzer.

«Diese Netzwerke sind besonders für junge Leute ein Tummelplatz. Daher ist es wichtig, sie vor virtuellen Angriffen wie Mobbing zu schützen», sagt Reding. Mit verschiedenen Programmen setzt sich die EU seit 1999 für den Schutz von Jugendlichen im Internet ein. Mit dem neuen «Safer Internet Programm», das in diesem Jahr angelaufen ist, stellt sie bis 2013 etwa 55 Millionen Euro bereit. Mit dem Geld werden in allen Mitgliedstaaten unter anderem Projekte wie Online- Netzwerke oder Beratungshotlines finanziert. In Deutschland ist das etwa die Initiative klicksafe.de, die Eltern, Lehrer und Schüler für virtuelle Gefahren sensibilisieren will.

«Cyber-Mobbing hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen», erläutert klicksafe.de-Mitarbeiter Joachim Kind. Es komme in allen Schulstufen und -formen vor, verstärkt jedoch bei 12- bis 17-jährigen Gymnasiasten. «Die Betroffenen leiden sehr darunter», erzählt er. Zwar habe es schon immer Schüler gegeben, die von ihren Klassenkameraden gedemütigt und bloßgestellt wurden. «Früher hat sich das allerdings auf den Pausenhof beschränkt. Durch Cyber-Mobbing nehmen die Schüler die Beleidigungen mit nach Hause. Sie sind ihnen permanent ausgesetzt.» Verschlimmert würden die Attacken dadurch, dass sie im Internet für alle Welt zu sehen seien.

Auf Initiative der EU wollen 17 führende Anbieter sozialer Netzwerke wie Facebook, MySpace und studiVZ nun am Dienstag in Luxemburg die erste europäische Vereinbarung für einen besseren Schutz von Minderjährigen unterzeichnen. «Damit werden die Unternehmen jetzt selbst Verantwortung übernehmen», sagt Reding. So soll es etwa auf den beteiligten Seiten künftig einen Knopf geben, mit denen die Nutzer anstößige Kontaktversuche oder auch Cyber- Mobbing per Mausklick melden können. Profile von Minderjährigen sollen nicht mehr mittels Suchmaschinen zu finden sein, unter 13- Jährige sollen gar nicht mehr zugelassen werden.

Nach Ansicht von klicksafe.de-Mitarbeiter Kind sind diese Maßnahmen zwar sinnvoll, einen wirklichen Schutz vor Cyber-Mobbing könne jedoch nur durch Aufklärung gewährleistet werden. «Hier sind vor allem die Eltern gefragt», betont er. «Sie müssen mit ihren Kinder darüber sprechen, was die den ganzen Tag im Netz treiben.» Megan Meier aus dem US-Bundesstaat Missouri hat dies nicht getan. Der Fall des 13 Jahre alten Mädchens hatte 2006 weltweit für Aufsehen gesorgt. Megan beging Selbstmord, nachdem sie auf der Internetplattform MySpace von einem Nutzer namens Josh Evans wochenlang beschimpft und schikaniert worden war. Später stellte sich heraus, dass hinter Josh die 49 Jahre alte Lori Drew steckte. Sie wollte ihre Tochter rächen, die angeblich mit dem Mädchen zerstritten war. (dpa)

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