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DVD-Brenner unterm Weihnachtsbaum

02.12.2002 | 12:11 Uhr |

Nach dem großen CD-Brenner Boom bangt jetzt auch die Filmindustrie um ihre Filmlizenzen.

Das Superdrive ist Ende 2002 nicht mehr eine Domäne von Apple. Auch in Einsteiger-PCs von Dell, HP und anderen sind inzwischen DVD-Brenner integriert: Deutliches Zeichen, dass DVD-Brenner langsam den CD-Brenner ablösen werden. Nach Auskunft eines Angestellten von Vobis sind zwar DVD-Rohlinge noch lange nicht so gefragt wie CD-Rohlinge, die Nachfrage steigt jedoch ständig. Die ersten DVD-Brenner fsind jetzt für unter 300 Euro auf dem Mark, auch die Preise der Rohlinge fallen.

Ein Grund der Verbreitung ist wohl die epidemische Ausbreitung von DV-Camcordern, deren Videos sich schnell und einfach auf DVDs überspielen lassen. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass für viele Käufer auch das Kopieren von Film-DVDs ein Grund für den Umstieg zur DVD ist.
Bisher sah sich vor allem die Musikindustrie als Leidtragende des digitalen Lebensstils, seit der Massenverbreitung von DVD-Brennern sieht sich nun auch Hollywood bedroht. Schließlich spielt bei vielen teuren Produktionen die Vermarktung auf DVD eine immer größere Rolle. Wie die Seattle Times berichtet, scherzte Peter Chermin deshalb bei seinem Erscheinen auf der Comdex, er befände sich jetzt wohl auf feindlichem Territorium. Bisher hatte Hollywood dabei eher auf Konfrontation gesetzt, so hatte etwa vor einigen Jahren noch Disneys Steve Eisner Apples Slogan "Power to Burn" als Aufforderung zum Diebstahl empfunden. Auch die Einführung von CDs, die sich nicht mehr in Computerlaufwerken abspielen lassen, ist schließlich keine Lösung. Ziel des Mediengiganten Fox wie vieler anderer Medienunternehmen ist dagegen, eine partnerschaftliche Übereinkunft mit der IT-Industrie zu erzielen. Stärkstes Entgegenkommen hatte zuletzt Microsoft mit seinem Media Center PC gezeigt, war aber mit dessen restriktiven Aufnahmefähigkeiten über das Ziel hinaus geschossen. So sollte es ursprünglich nicht möglich sein, mit dem von HP produzierten PC aufgenommene TV-Sendungen zu kopieren und auf anderen Geräten abzuspielen . Eine Einschränkung, die von den potentiellen Kunden nicht akzeptiert wurde: nun soll es doch möglich sein, eine auf CD oder DVD gebrannte TV-Sendung auf einem handelsüblichen DVD-Player abzuspielen. Die Medienindustrie ist jedoch im Zwiespalt, ob sie sich mit Microsoft einigen soll. Die Stützung von Kopierschutzmechanismen auf Software und Hardware-Konzepte von Microsoft würde dem Monopolisten schließlich noch mehr Macht geben. So ist etwa Sony mit seiner Playstation und seinen Clie-PDAS Konkurrent von Microsofts Xbox oder AOL Konkurrent von Microsofts MSN-Dienst. Nach Meinung von Analysten soll es noch Jahre dauern, bis sich die Medienindustrie auf ein standardisiertes Kopierschutzverfahren geeinigt hat.

Zu sichere Kopierschutzmechanismen sind allerdings auch nicht im Interesse der kränkelnden Computerhersteller. Konkurrenz erwächst ihnen schließlich aus der Riege der erfahrenen Home-Entertainment-Produzenten wie Philips, Panasonic oder JVC. So fallen bereits die Preise von Festplatten- und DVD-Videorecordern, die durch ihre Größe und geringe Lautstärke besser ins Wohnzimmer passen als ein Tower inklusive Monitor, Tastatur und Drucker. Moralisch ist gegenwärtig die Position der Computerhersteller strittig: Schließlich ist das rechenaufwendige Umkodieren und Kopieren einer DVD oder einer TV-Sendung eine der wenigen Computeraufgaben die mit modernen CPUs spürbar beschleunigt werden, ein Verkaufsargument das bei einem implementierten Kopierschutz natürlich wegfallen würde. Gleichzeitig möchte man es sich nicht mit der Medienindustrie verderben.
DVDs lediglich abspielen kann schließlich auf einem am TV angeschlossenen DVD-Player besser, der Heim-PC eignet dagegen besser für die Weiterverarbeitung, seien es nun Fotos, Musikdateien, Videos oder DVDs.
So hatte sich vor einigen Jahren Apples Strategie, iMacs mit DVD-Laufwerk und DVD-Playersoftware auszustatten als Fehlschlag erwiesen: Die Kunden wollten keine DVDs kaufen und am iMac abspielen sondern lieber CDs kopieren. Apple mußte schließlich den Marktwünschen folgen und in breiter Linie CD-Brenner in seine iMacs und Powermacs einbauen. Mit dem reinen "Consumen" sind die meisten Heimanwender offenbar nicht mehr zufriedenzustellen, auch wenn das weder Filmindustrie noch Computerherstellern gefällt.

Stephan Wiesend

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