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Das ABC des Macintosh: P wie Parallels

11.08.2008 | 10:02 Uhr |

Der Mac kann Windows, muss aber nicht. Dank Parallels Desktop, VMWare Fusion, WINE und Boot Camp bestehen jedoch mehr Optionen. Dem Marktanteil Apples hat das genützt.

Für die Windows- und Intel-Hasser unter den Mac-Fans war der 6. Juni 2005 ein finsterer Tag. Apple kündigte an, binnen Jahresfrist erste Macs mit Intel-Prozessoren herauszubringen und die gesamte Produktlinie innerhalb von zwei Jahren von den PPC-Prozessoren des Herstellers IBM auf die x86-Chips des Marktführers Intel umzusteigen. Was Apple mit den besseren Aussichten in Hinsicht auf Performance pro Watt begründete, war für diejenigen, die sich einen Mac gekauft hatten, um betont anders zu sein, ein Schlag ins Gesicht. War Intel nicht die Ausgeburt des Bösen, die zusammen mit den Monopolisten aus Redmond ihre Marktmacht genutzt hat, um schlechte Computer mit schlechten Prozessoren und schlechten Betriebssystemen zum Standard zu machen? Und Apple, das waren die Guten, die zusammen mit dem engagierten Technologiepartner IBM technisch überlegene, aber leider durch unfaire Praktiken des Wintel-Kartells unterdrückte Maschinen herstellten? Gerade mache die PPC-Technik doch enorme Fortschritte, der Mehrkernprozessor Cell sei doch der beste Kandidat für sie sechste Power-Mac-Generation und der Intel-Schrott aber auch so etwas von rückständig? Für Argumente waren die PPC-Freaks nicht mehr zugänglich. IBM hatte es in den zwei Jahren zuvor einfach nicht geschafft, einen G5-Prozessor für mobile Geräte zu entwickeln. Mit den Intel-Chips bestünden Chancen auf Preissenkungen. Und, nicht zuletzt: Dank der x86-Architektur, an die Apple sein Betriebssystem Mac-OS X schon jahrelang im Geheimen angepasst hatte, würde es über kurz oder lang möglich sein, auf Macs auch Windows zu installieren. Die Reaktionen der PPC-Jünger auf das letzte Argument sind nicht druckreif, nur etwa so viel Zitat sei hier erlaubt: "Windows? Wer braucht den Sch…?"

Drei Jahre nach der überraschenden Ankündigung ist der Intel-Switch längst erfolgreich abgeschlossen. Alle großen Softwarehersteller haben ihre Programme auf die neue Plattform umgestellt umgestellt, einige Software wie etwa Adobe Soundbooth ist gar nur für Intel-Macs zu haben. Apple hat im dritten Quartal 2007/2008 fast 2,5 Millionen Macs verkauft, davon 1,5 Millionen Mobilrechner, für die es auch heute noch keinen passenden PPC-Chip gäbe. Der Marktanteil ist unaufhörlich gestiegen, in den USA steht Apple bereits mit 8,5 Prozent auf dem dritten Platz unter allen PC-Herstellern und hat vor sich nur noch die Dickschiffe HP und Dell, deren Verkäufe deutlich langsamer wachsen als die Apples. Gründe für den augenblicklichen Apple-Boom gibt es viele, der Halo-Effekt von iPod und iPhone und die starke Medienpräsenz sind das Eine, Windows auf dem Mac erweist sich aber als wichtiger Verkaufsgrund.

Natürlich braucht ein hartgesottener Macianer nicht unbedingt Windows auf dem Mac, das Betriebssystem bietet alles, was Vista und XP haben und noch viel mehr. Software für den Mac gab es auch zu PPC-Zeiten mehr als ausreichend. Wer aber schon jahrelang über seine Aldi-Kiste hinweg begehrlich zum Mac gestarrt hatte, dem fehlen nun die letzten Argumente gegen einen Wechsel. Denn die alten Programme, mit denen man etwa seit Jahren die Einkommenssteuer macht, die Modelleisenbahn steuert oder den Weinkeller verwaltet, kann man jetzt ohne große Probleme weiterverwenden, ohne sich extra ein Mac-Pendant anzuschaffen.

Windows läuft auf dem Mac nun nativ, seit Mac-OS X 10.5 ist die Installationshilfe Boot Camp fester Bestandteil des Systems, schon für Mac-OS X 10.4 Tiger hatte Apple die Software angeboten. Nun mag es sinnvoll sein, auf seinem Mac mit Windows XP oder Vista zu booten, wenn man die meiste Zeit des Tages in einer Windows-Umgebung arbeiten will oder muss. Der Springer-Verlag nennt dies als einen der Gründe für seinen angekündigten Wechsel auf Macs. Selbst die Buchhaltung darf mit den eleganten Maschinen arbeiten, obwohl deren Programme weiterhin nur unter Windows laufen.

Wer aber nur gelegentlich in eine Windows-Umgebung wechseln möchte, etwa für die lästige Steuererklärung, die entspannende Modelleisenbahnsteuerung, die interessierte Bestandsaufnahe der Vinothek oder weil mal wieder eine Website sich nur mit dem Internet Explorer 7 aufrufen lässt, ist mit einer Virtualisierungslösung besser bedient. Emulator kannte der Macianer ehedem von Connectix (Virtual PC, später von Microsoft aufgekauft) oder FWB ( Real PC, 2003 eingestellt ), nach dem Intel-Switch traten neue Anbieter auf den Plan, die Erfahrungen mit der Virtualisierung von Systemen unter Windows und Linux mitbrachten. Im Gegensatz zu einem Emulator, der ein anderes System lediglich nachahmt, bildet eine virtuelle Maschine die komplette Hardware inklusive CPU, Grafik und Speicher auf dem Hostsystem nach. Die Virtualisierung ist also wesentlich komplexer als ein Emulator, dafür aber wesentlich schneller. Während Virtual PC den Mac-User beim Ausführen von Windows schier einschläferte, lassen Parallels Desktop und VMWare Fusion in punkto Geschwindigkeit nichts zu wünschen übrig. Eine weitere Alternative für Windows auf dem Mac ist die Open-Source-Lösung WINE, die einen etwas anderen Ansatz verfolgt und die Befehle bestimmter Windows-Anwendungen so übersetzt, dass Mac-OS X sie versteht. Installation von Windows ist nicht nötig, jedoch arbeitet nicht jedes beliebige Programm mit WINE zusammen.

Dank Parallels Desktop, VMWare Fusion, WINE und Boot Camp erhält der Mac-Anwender das Beste aus beiden Welten. Der Neuling kann seine alten Programme noch ein wenig weiter laufen lassen und der erfahrene Mac-Anwender kann sich Windows mal nur so zum Spaß auf die Platte spielen. Auch die hartnäckigsten PPC-Fans dürften beim Löschen einer virtuellen Maschine und der damit verbundenen Entfernung von Windows von ihrem Intel-Mac eine gewisse Genugtuung verspüren.

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