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Das E-Book nimmt den zweiten Anlauf

30.09.2008 | 13:29 Uhr |

Vor einem Jahrzehnt sorgten die ersten elektronischen Bücher schon einmal für Wirbel - bis sie kurz darauf wieder in der Versenkung verschwanden. Jetzt drängt das E-Book erneut mit Macht auf den Markt.

Und diesmal könnte es dank der inzwischen weit verbesserten Technologie tatsächlich klappen. «Das E-Book wird die Verlagswelt ziemlich durcheinanderwirbeln», glaubt Ronald Schild, Internet-Experte beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. In den USA meldet die E-Book-Branche bereits ein rasantes Wachstum.

Die neuen digitalen Lesegeräte werden auch im Blickpunkt der Frankfurter Buchmesse vom 15. bis 19. Oktober stehen. Sony will auf dem weltweit größten Branchentreff seinen «Reader» präsentieren und ein Vertriebsmodell für digitalisierte Inhalte vorstellen. Amazon, das im November vergangenen Jahres sein E-Book «Kindle» in den USA einführte, ist ebenfalls auf der Buchmesse. Der Online-Buchhändler gibt sich aber wie immer zugeknöpft, was mit Kindle in Deutschland geplant ist. Als die ersten E-Books Ende der 90er Jahre entwickelt wurden, waren es noch ziemlich klobige Geräte, deren Akku meist nach kurzer Zeit den Geist aufgab. Die neuen E-Books können nicht nur bis zu 20 Stunden per Batterie betrieben werden. Viel wichtiger: Sie können überall - am Strand oder im Bett zu Hause - bei konstant hoher Bildschirmqualität gelesen werden. Der Schwarz-Weiß-Kontrast ist nahezu so gut wie auf Buchpapier. Möglich macht dies die so genannte elektronische Tinte. Auch bei der Größe sind E-Books inzwischen handlicher und schlanker geworden. Außerdem können problemlos einige hundert Bücher darauf gespeichert werden.

In Deutschland sind derzeit zwei Modelle kleinerer Anbieter auf dem Markt, Cybook und iRex. Die Preise reichen von 200 bis etwa 600 Euro. Experten gehen davon aus, dass Sony voraussichtlich Anfang 2009 sein Gerät auf den deutschen Markt bringt. «Damit kommt erstmals ein Player mit großem Gewicht auf den Markt», sagt Schild, der beim Börsenverein als Geschäftsführer des Tochterunternehmens MVB für die Buchbranche derzeit eine zentrale Online-Plattform für Bücher («libreka!») aufbaut. Die Verlagsbranche stellt sich bereits darauf ein. «Wir hoffen jetzt, dass das Geschäft in Schwung kommt», sagt Frank Sambeth, bei Random House in München für Neue Medien zuständig. Der zu Bertelsmann gehörende Branchenführer unter den Verlagen will künftig die meisten Buchtitel auch als E-Book anbieten. Sambeth geht davon aus, dass dank der neuen Endgeräte der E-Book-Anteil in fünf Jahren auf fünf bis 15 Prozent am Gesamtmarkt wachsen könnte. Derzeit liegt der Umsatz bei E-Books bei Random House noch unter einem Prozent. Zu den Käufern gehören Menschen, die ihre Bücher - ähnlich wie PDF-Dokumente - gerne am Computer oder auf ihrem «Organizer» lesen.

Elektronische Bücher eröffnen den Verlagen vor allem auch im Wissenschafts- und Hochschulbereich ganz neue Geschäftsmodelle. Studenten könnten etwa sich nur Auszüge von Büchern bestellen. Oder Sie bestellen ein E-Book nur für ein Semester. Aber auch derjenige, der in einem Reiseführer nur eine bestimmte Stadt oder Region sucht, könnte das gezielt auf sein E-Book-Gerät ordern. Er bräuchte also nicht mehr im Laden das ganze Buch kaufen.

Beim Preis dürften E-Books nach den Schätzungen vermutlich etwa 20 bis 30 Prozent billiger sein als normale Hardcover. Viele Fragen sind aber noch ungeklärt. Die wichtigste ist dabei, ob die E-Book-Geräte «offen» für andere Systeme sind. Wer in den USA von Amazon den Kindle erwirbt, kann die dazugehörende Bücher-Software auch nur bei Amazon kaufen, weil sonst das Gerät nur eingeschränkt funktioniert. Der Dachverband der deutschen Buchbranche unterstützt ein offenes Format, bei dem alle im Handel erworbenen E-Books auch auf allen Geräten gelesen werden könnten. «Beim elektronischen Buch haben wir einen starken Trend zur Monopolisierung», warnt Schild. Der Verband setzt sich deshalb dafür ein, dass über seine Online-Plattform alle Buchhändler künftig auch Zugang zu E-Books erhalten können. Unklar ist derzeit auch noch die Frage des Copyrights, also des Kopierschutzes. Der Dachverband der deutschen Buchbranche will von den - leidvollen - Erfahrungen der Musikindustrie lernen. Diese versucht seit langem, Raubkopien zu verhindern. Ein harter Kopierschutz macht jedoch die Systeme auf der anderen Seite weniger benutzerfreundlich. Außerdem setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch das härteste Digital Rights Management (DRM) nicht verhindern kann, dass die Songs in den Internet-Tauschbörsen auftauchen. Random House setzt nach Angaben von Sambeth beim E-Book das DRM ein. Der Börsenverein unterstützt dagegen eine weichere Variante, das «elektronische Wasserzeichen». Damit könnten elektronische Bücher zwar an Freunde weitergegeben, sagt Schild. Sie könnten aber nicht auf illegalen Tauschbörsen im Internet verhökert werden, da mit Hilfe des Wasserzeichens der Eigentümer ermittelt werden könnte. (dpa)

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