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Das Ende des Geldbeutels? Eine Bestandsaufnahme.

18.02.2013 | 13:00 Uhr |

Die Idee ist wahrlich nicht neu: aus dem Handy soll über kurz oder lang eine Geldbörse werden. Mit Bezahl-Systemen wie mPass, das von den drei großen Mobilfunkanbietern Telekom, Vodafone und O2 gemeinsam ins Leben gerufen wurde, sollte aus der Idee endlich gelebte Realität werden – doch das funktioniert nur bedingt.

Im vergangenen Jahr hatten wir bereits über die Einsatzmöglichkeiten eines iPhone 5 mit NFC-Chip berichtet und versucht, auch die mit iOS 6 eingeführte Passbook-App in den Kontext von Mobile- und Micropayment einzuordnen. Die Realität hat uns dann mit der Vorstellung des iPhone 5 eingeholt: Passbook bleibt bislang eher ein nettes Feature bei Flugreisen (Passbook-Tickets bei Lufthansa oder Airberlin), das iPhone 5 bekam natürlich keinen NFC-Chip spendiert.

Ist das Thema damit also für iPhone-Besitzer durch? Mitnichten. Denn Ende 2012 haben sowohl die Telefonica-Tochter o2 mit Mpass , als auch die Telekom mit Ihrer Kooperation mit Mastercard eigenen Bezahlsysteme für Ihre Mobilfunk-Kunden auf den Weg gebracht. O2‘s Mpass-System startete bereits, die Telekom will bald nachziehen. Viele Kunden und iPhone-Besitzer fragen sich natürlich zurecht, was Ihnen die Dienste eigentlich bringen. René Schuster, Vorstandsvorsitzenden der Telefonica Deutschland, hat da eine eindeutige Sichtweise: "Kinder, die heute geboren werden, werden keine physische Geldbörse mehr haben, wenn sie 20 Jahre alt sind." Wir haben im Umfeld des kontaktlosen und mobilen Bezahlens eine Bestandsaufnahme versucht.

Begriffsklärung: NFC und RFID

Der Begriff "NFC" wird derzeit inflationär verwendet. Denn echtes NFC bezieht sich auf eine echte Funkverbindung zwischen zwei Geräten. Im Sprachgebrauch und im Marketing vieler Unternehmen gelten jedoch auch viele passive Anwendungen wie Aufkleber mit Funkchip als NFC. Dies ist jedoch eigentlich schlicht ein RFID-Tag, also ein passives Funkelement, das über ein Funkfeld ausgelesen werden kann. Oftmals – wie bei den Smart Tags von Sony – gibt es auch einer Vermischung von NFC und RFID. Echtes NFC besteht hingegen aus zwei aktiven Geräten, die eine beidseitige Verbindung zueinander aufbauen.

Mpass, Paypass, Paywave und Co.

Eines haben alle NFC-Systeme gemeinsam: In der Theorie funktionieren die Bezahlvorgänge schnell und unkompliziert nach dem Prinzip „Tap and Go“. Man hält beim Bezahlen an der Kasse seinen NFC-Chip – sei er im Handy, in einer Kreditkarte oder in einem der viel zitierten NFC-Sticker ist für die Funktionsweise unerheblich – in einem Abstand von maximal 4 Zentimetern an das NFC-Terminal, dann wird die Zahlung „angestoßen“ und der Kunde kann „gehen“.

Spärlich: Mit dem Paypass-Store-Locator sieht man im Umkreis des Münchner Marienplatzes nicht allzu viele Akzeptanzstellen für Mpass und Paypass.
Vergrößern Spärlich: Mit dem Paypass-Store-Locator sieht man im Umkreis des Münchner Marienplatzes nicht allzu viele Akzeptanzstellen für Mpass und Paypass.

Das Bezahlsystem Mpass beispielsweise haben Telefonica o2 und Vodafone im Jahr 2008 als Initiative ins Leben gerufen, die Telekom stieß 2010 zum Konsortium hinzu. Bis zuletzt funktionierte Mpass als reines Online-Payment-System. Das heißt: Wollte ein Kunde nach der Registrierung bei Mpass einen Geldbetrag in einem Online-Shop bezahlen, musste er zunächst seine Handynummer nebst persönlicher Mpass-PIN im Bestellvorgang angeben und dann eine Autorisierung-SMS mit einer mobilen TAN-Nummer abwarten. Nach der Eingabe dieser TAN wurde die Zahlung autorisiert und das Geld dem bei Mpass hinterlegten Konto belastet.

Klingt kompliziert. Und das ist es auch, zumindest in der Wahrnehmung der Anwender. Nicht zuletzt deswegen konnte sich Mpass bisher nicht erfolgreich als Mobile-Payment-Standard in Deutschland etablieren. Mal ganz davon abgesehen, dass die bisherige Lösung bei den meisten Online-Händlern auf wenig Akzeptanz stieß. Inzwischen wurde Mpass von o2 um die Möglichkeit erweitert, auch in Ladengeschäften zu bezahlen, und zwar mithilfe eines kleinen Aufklebers mit eingebautem NFC-Chip. Diesen erhält man nach der Registrierung auf dem Portal des Dienstes kostenlos. Da o2 jedoch keine eigene Infrastruktur für die Umsetzung dieses Mobile-Payment-Vorhabens besitzt, beschloss man eine Kooperation mit der Wirecard AG als Dienstleister für die Transaktionsabwicklung. Mittlerweile kann dank der Funktion Mpass-Geld-senden (nach Identifikation per Postident ) auch beinahe in Echtzeit Geld zwischen zwei Mpass-Kunden ausgetauscht werden.

Dieser NFC-Sticker wird an angehende Mpass-Kunden ausgeliefert und wird auf das iPhone geklebt.
Vergrößern Dieser NFC-Sticker wird an angehende Mpass-Kunden ausgeliefert und wird auf das iPhone geklebt.

Mastercard wiederum hat mit dem Paypass -System ein eigenes kontaktloses Bezahlsystem geschaffen, das neben Handystickern vor allem auf NFC-Chips in Kreditkarten setzt – das Prinzip der kontaktlosen Bezahlung in Sekundenschnelle ist aber das gleiche wie bei Mpass. Ähnlich machen es in Deutschland auch die Sparkassen. Hier nennt sich der Dienst dann Girogo , der Chip sitzt auf der EC-Karte der Sparkassen. Der ambitionierte Plan der Sparkassen Finanzgruppe sieht vor, bis 2015 alle der insgesamt 45 Millionen EC-Karten der Sparkassen-Kunden durch NFC-fähige Karten ausgetauscht haben. Bei Banken und Kreditinstituten, die mit VISA zusammenarbeiten, nennt sich das kontaktlose Bezahlen VISA Paywave . Der Chip sitzt hier ähnlich wie bei Mastercard auf den Kreditkarten der Kunden.

Visa Paywave: Das Symbol (hervorgehoben) ähnelt dem von Mpass, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass entsprechend gekennzeichnete Terminals kompatibel sind
Vergrößern Visa Paywave: Das Symbol (hervorgehoben) ähnelt dem von Mpass, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass entsprechend gekennzeichnete Terminals kompatibel sind

Interessant ist für potentielle Anwender aber vor allem, dass sowohl Mpass (o2), als auch Girogo (Sparkassen Finanzgruppe) Paypass-zertifizierte Bezahlterminals mit nutzen können – nur mit jeweils unterschiedlichen Trägern der NFC-Chips auf Kundenseite. Möglich machen das Lesegeräte, die für alle der genannten Verfahren von deren Anbietern zertifiziert wurden.

Doch alleine die technischen Voraussetzungen zu schaffen reicht für den Einzelhandel nicht. Auch die entsprechenden Abwicklungsverträge mit den Kreditkartenfirmen müssen natürlich von Händlerseite abgeschlossen werden – mit den ungeliebten Transaktionsgebühren für die Händler, die man in der Form auch schon Visa- oder Mastercard-Kreditkarten kennt.

Persönliches Fazit

Sie sehen, dass im Moment die Landschaft der mobilen und kontaktlosen Bezahllösungen ziemlich komplex, ja fast schon unübersichtlich daherkommt. Wenn der Eingangs zitierte René Schuster tatsächlich Recht behalten will und den vielen aktuellen und kommenden Digital Natives ein adäquates, verbreitetes und akzeptiertes kontaktloses Bezahlsystem verpassen möchte, müssen sich ein paar grundlegende Dinge ändern.

Bezahlen mit Girogo funktionier genauso, wie die Systeme der Konkurrenz – nur dass der Chip hier auf der EC-Karte sitzt.
Vergrößern Bezahlen mit Girogo funktionier genauso, wie die Systeme der Konkurrenz – nur dass der Chip hier auf der EC-Karte sitzt.

Zum einen die Einheitlichkeit – sowohl was die verwendete Technik, als auch die Kommunikation gegenüber den Kunden betrifft. O2 Mpass, Girogo, Visa Paywave und Mastercard Paypass nutzen die gleiche Technik und eine vergleichbare Infrastruktur für Ihre Dienste. Die Zeit wäre also reif für eine Kooperation aller beteiligten Branchen und Player, also Mobilfunkanbieter, Kreditkartenunternehmen bzw. Banken und nicht zuletzt auch Händler. Mpass startete ja zunächst als Kooperation der deutschen Mobilfunkriesen – doch nur Telefonica O2 vollzog auch den Schritt hin zum kontaktlosen Bezahlen im Laden, während Vodafone lediglich das weiter oben beschriebene Online-Verfahren unterstützt. Die Deutsche Telekom hat indes angekündigt, über ihre Tochter Click and Buy ein separates Bezahlsystem mit Mastercard auf die Beine stellen zu wollen. Eine einheitliche Herangehensweise sieht anders aus.

Zum anderen muss eine neue Bezahllösung auch von den Kunden angenommen werden. Ein Blick beispielsweise in die USA verrät, dass dort die Akzeptanz solcher kontaktlosen Bezahllösungen ungleich größer ist. Das mag man als Mentalitätsfrage und damit auch entsprechend kritisch sehen. Doch haben die neuen Möglichkeiten Vorteile, gerade für Klein- oder Kleinstbeträge: Wer kennt nicht die zugegebener Maßen nervigen Zeitgenossen, die Ihren Apfel im rappelvollen Supermarkt mit der EC-Karte bezahlen, weil Sie auf Bargeld verzichten? An dieser Stelle könnten „Tap and Go“-Bezahlsysteme beispielsweise für schnellere Kassiervorgänge sorgen.

Zum Weiterlesen: Warum die Geldbörse nicht verschwinden wird von Karsten Werner

Haben Sie sich ebenfalls etwas am Eingangszitat von Telefonica Deutschland CEO René Schuster gestört? Karsten Werner hat sich gestört. Und In seinem Artikel "Mobile Payment: Warum die Geldbörse nicht verschwinden wird " mit dem Zitat auseinandergesetzt. Sehr lesenswert!

Ich persönlich muss sagen, dass ich mit den ersten Gehversuchen mit dem Mpass-System recht zufrieden bin. Die iPhone-App ist übersichtlich und die Transaktionen gehen schnell von statten. Doch die Zahl der Akzeptanzstellen ist in München ausbaufähig. Wollen die Beteiligten Firmen das Thema ernsthaft und nachhaltig anschieben, gibt es wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt: Die Hardwarebasis an Smartphones ist riesig und der Zeitgeist eher experimentierfreudig. Doch dann muss diese Idee auch konsequent und gemeinsam umgesetzt werden – davon sind O2, Telekom, Mastercard und Co aber noch ein gutes Stück entfernt!

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