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Das Silicon-Valley-Phänomen

16.09.1999 | 00:00 Uhr |

Man lag falsch, als man vor rund 100 Jahren bezweifelte, dass der Erfindergeist und die
Innovationen von Dauer sind. Nachdem man den Strom, das Auto und die Telekommunikation
bereits kannte, schienen weitere Entwicklungen nicht absehbar. Ein Glücksfall für die, die sich
nicht beirren ließen und weiter forschten. Ausgestattet mit Mut und Erfindergeist entstanden
Unternehmen wie IBM (1914) oder Hewlett-Packard (1939), die bereits die Vorboten einer
neuen Ära waren. Insbesondere Hewlett-Packard, ein Unternehmen, das in einer kalifornischen
Garage gegründet wurde, zeigt, dass es keinen Stillstand gibt und jede technologische Ära eine
Heimat hat. Das Herz der Computerindustrie liegt zwischen Palo Alto und San José, im
sogenannten Silicon Valley. Dort wurden etwa 1968 Intel (Santa Clara), 1976 Apple (Cupertino)
oder 1982 Sun (Palo Alto) gegründet.

Triebfeder

Als die eigentliche Triebfeder des Computerbooms gilt die Stanford Universität in Palo Alto. Im
Laufe der letzten Jahrzehnte gründeten immer mehr Absolventen ihre eigenen Unternehmen
und beflügelten damit das Wachstum dieser Region. Als bereits legendär gelten etwa die
Stanford-Absolventen Jerry Yang und David Filo, die 1995 ein Unternehmen der neuen Art aus
der Taufe hoben. Yahoo, das popluärste Internet-Verzeichnis, gilt als Paradebeispiel für den
zweiten Computerboom im Silicon Valley.

Das Internet wohnt im Valley

Seit rund zwei Jahren formen sich im Silicon Valley immer mehr Unternehmen, die Produkte und
Dienstleistungen rund um das Internet anbieten. Wer etwa heute mit dem Auto von San José
nach San Francisco fährt, wird mit Internet-Werbung am Rand des Highways geradezu
überflutet. Die lokale Radio-Werbung macht keine Ausnahme und besteht bereits zu mehr als
50 Prozent aus Internet-Spots.

Während es einige Börsinaner mit Internet-Gründungen wie die eingangs erwähnten
Pessimisten halten, gilt für die Mehrheit der Unternehmer in den USA nur ein Motto: "Wer
überleben will, muss ins Web". Selbst ehemalige Internet-Zweifler wie Bill Gates bekennen sich
nun zum Web. So behauptete etwa der Microsoft-Gründer noch im Herbst 1995, dass das Web
keine wesentliche Bedeutung für die Microsoft-Softwarestrategie darstelle. Auf einer
Pressekonferenz in San Francisco am 13. September 1999 hört man von Microsoft ganz neue
Töne. Unter dem Codenamen "Megaservices" stellte das größte Softwareunternehmen der Welt
seine neue Internet-Strategie vor. Mit den neuen Internet-Programmmodulen will Microsoft
indes vor allem das Windows-Betriebssystem stärken.

Der Millennium-Boom

Während Unternehmen wie Microsoft das Web in erster Linie als eine Gefährdung des Status
Quo betrachten, setzen vor allem zahlreiche Startup-Companys auf das Internet. So gibt es
mittlerweile Dienstleister wie etwa www.paytrust.com , die es einem ermöglichen, sämtliche
Rechnungen via Internet zu bezahlen. Andere Anbieter wie www.efax.com beglücken einen mit
einem kostenlosen Faxservice. Im Trend sind auch virtuelle Blumenhändler und kostenlose
Internetprovider wie www.netzero.com . Obwohl diese Unternehmen noch längst nicht ihre
Profitabilität erwiesen haben, scheint das Vertrauen der Geldgeber im Valley nahezu unbegrenzt
zu sein. Zu den bekannten Förderern gehört etwa Guy Kawasaki, der mit seiner Firma
www.garage.com Firmengründungen mit Rat und finanzieller Hilfe untestützt.

Bei dieser Computer-Euphorie im Silicon Valley wundert es einen nicht, dass das Internet für
nahezu jederman selbstverständlich ist. Fragt man etwa den Friseur um die Ecke, ob er eine
E-Mail-Adresse hat, erntet man einen verständnislosen Blick und ein kurzes "sure". Das Silicon
Valley hat nicht nur seine Unternehmen, sondern auch seine Kunden hervorgebracht. Über das
Web Häuser, Möbel oder Bilder zu kaufen, gilt hier bereits als selbstverständlich. Anbieter wie
www.carsdirect.com gehen noch einen Schritt weiter und versprechen neben der
Online-Bestellung sogar eine Frei-Haus-Lieferung eines Autos. Dass bei diesem Service die
Konkurrenz und somit die Qualität der Dienstleistung zunimmt, zeigen nicht zuletzt die
offiziellen Web-Seiten der Regierung. Alles ist übersichtlich strukturiert, zahlreiche Formulare
lassen sich als PDF-Dokumente herunterladen, im Idealfall spart man sich damit den Gang zum
Amt.

Das Valley wird teurer

Mit dem Internet-Boom scheint das Silicon Valley nun die kritische Masse erreicht zu haben.
Kaum ein Unternehmen der Computerbranche kann es sich leisten, hier nicht vertreten zu sein.
Das Wachstum schafft nicht nur Computer-Arbeitsplätze, sondern hilft der ganzen Region zu
mehr Wohlstand. San José, das Herz des Silicon Valley, glänzt etwa mit der niedrigsten
Kriminalitätsrate unter den amerikanischen Millionenstädten. Die Arbeitslosenrate liegt unter
dem US-Durchschnitt von 4.2 Prozent, und jeder Arbeitnehmer kann durch seine
Aktienbeteiligung im Idealfall zum Millionär werden.

Durch die hohe Zuwanderungs- und Mobilitätsquote steigen nicht nur die allgemeinen
Lebenshaltungskosten, sondern vor allem auch die Haus- und Autopreise. Galt die USA bisher
als "Billig-Haus-Land", sollte man sich im Silicon Valley von dieser Vorstellung trennen. Ein
kleines Einfamilienhaus fängt bei rund 350 000 US-Dollar an, ein Auto kostet ebenfalls mehr
als in Deutschland. Die hohen Kosten verhindern den zweiten Silicon-Valley-Boom jedoch nicht.
Bereits jetzt expandieren Unternehmen wie Cisco nach Morgan Hill, in den Süden von San José
und erweitern damit das Silicon Valley.

Fazit: Silicon Valley 2000

Mit der Computerindustrie begann der Boom des Silicon Valleys, das Internet vervielfacht jedoch
die Bedeutung dieses Standortes. An keiner Stelle der Erde gibt es mehr Hightech-Firmen, die
so konsequent auf das Internet setzen als im Valley. Dass vor allem Jungunternehmer
konsequent gefördert werden, stärkt dank Konkurrenzdruck den Standort. Glaubt man den
Prognosen der Silicon-Valley-Experten, ist das Herz der Computerindustrie noch im
Babystadium.

Martin Stein, mstein@macwelt.de

Stein ist neuer US-Korrespondent von Macwelt Online mit Sitz in Morgan Hill im Silicon Valley.

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