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Das Silicon-Valley-Phänomen

15.09.1999 | 00:00 Uhr |

Man lag falsch, als man vor rund 100 Jahren bezweifelte, dass der Erfindergeist und die Innovationen von Dauer sind. Nachdem man den Strom, das Auto und die Telekommunikation bereits kannte, schienen weitere Entwicklungen nicht absehbar. Ein Glücksfall für die, die sich nicht beirren ließen und weiter forschten. Ausgestattet mit Mut und Erfindergeist entstanden Unternehmen wie IBM (1914) oder Hewlett-Packard (1939), die bereits die Vorboten einer neuen Ära waren. Insbesondere Hewlett-Packard, ein Unternehmen, das in einer kalifornischen Garage gegründet wurde, zeigt, dass es keinen Stillstand gibt und jede technologische Ära eine Heimat hat. Das Herz der Computerindustrie liegt zwischen Palo Alto und San José, im sogenannten Silicon Valley. Dort wurden etwa 1968 Intel (Santa Clara), 1976 Apple (Cupertino) oder 1982 Sun (Palo Alto) gegründet.

Triebfeder

Als die eigentliche Triebfeder des Computerbooms gilt die Stanford Universität in Palo Alto. Im Laufe der letzten Jahrzehnte gründeten immer mehr Absolventen ihre eigenen Unternehmen und beflügelten damit das Wachstum dieser Region. Als bereits legendär gelten etwa die Stanford-Absolventen Jerry Yang und David Filo, die 1995 ein Unternehmen der neuen Art aus der Taufe hoben. Yahoo, das popluärste Internet-Verzeichnis, gilt als Paradebeispiel für den zweiten Computerboom im Silicon Valley.

Das Internet wohnt im Valley

Seit rund zwei Jahren formen sich im Silicon Valley immer mehr Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen rund um das Internet anbieten. Wer etwa heute mit dem Auto von San José nach San Francisco fährt, wird mit Internet-Werbung am Rand des Highways geradezu überflutet. Die lokale Radio-Werbung macht keine Ausnahme und besteht bereits zu mehr als 50 Prozent aus Internet-Spots.

Während es einige Börsinaner mit Internet-Gründungen wie die eingangs erwähnten Pessimisten halten, gilt für die Mehrheit der Unternehmer in den USA nur ein Motto: "Wer überleben will, muss ins Web". Selbst ehemalige Internet-Zweifler wie Bill Gates bekennen sich nun zum Web. So behauptete etwa der Microsoft-Gründer noch im Herbst 1995, dass das Web keine wesentliche Bedeutung für die Microsoft-Softwarestrategie darstelle. Auf einer Pressekonferenz in San Francisco am 13. September 1999 hört man von Microsoft ganz neue Töne. Unter dem Codenamen "Megaservices" stellte das größte Softwareunternehmen der Welt seine neue Internet-Strategie vor. Mit den neuen Internet-Programmmodulen will Microsoft indes vor allem das Windows-Betriebssystem stärken.

Der Millennium-Boom

Während Unternehmen wie Microsoft das Web in erster Linie als eine Gefährdung des Status Quo betrachten, setzen vor allem zahlreiche Startup-Companys auf das Internet. So gibt es mittlerweile Dienstleister wie etwa www.paytrust.com , die es einem ermöglichen, sämtliche Rechnungen via Internet zu bezahlen. Andere Anbieter wie www.efax.com beglücken einen mit einem kostenlosen Faxservice. Im Trend sind auch virtuelle Blumenhändler und kostenlose Internetprovider wie www.netzero.com
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Obwohl diese Unternehmen noch längst nicht ihre Profitabilität erwiesen haben, scheint das Vertrauen der Geldgeber im Valley nahezu unbegrenzt zu sein. Zu den bekannten Förderern gehört etwa Guy Kawasaki, der mit seiner Firma www.garage.com Firmengründungen mit Rat und finanzieller Hilfe untestützt.

Bei dieser Computer-Euphorie im Silicon Valley wundert es einen nicht, dass das Internet für nahezu jederman selbstverständlich ist. Fragt man etwa den Friseur um die Ecke, ob er eine E-Mail-Adresse hat, erntet man einen verständnislosen Blick und ein kurzes "sure". Das Silicon Valley hat nicht nur seine Unternehmen, sondern auch seine Kunden hervorgebracht. Über das Web Häuser, Möbel oder Bilder zu kaufen, gilt hier bereits als selbstverständlich. Anbieter wie www.carsdirect.com gehen noch einen Schritt weiter und versprechen neben der Online-Bestellung sogar eine Frei-Haus-Lieferung eines Autos. Dass bei diesem Service die Konkurrenz und somit die Qualität der Dienstleistung zunimmt, zeigen nicht zuletzt die offiziellen Web-Seiten der Regierung. Alles ist übersichtlich strukturiert, zahlreiche Formulare lassen sich als PDF-Dokumente herunterladen, im Idealfall spart man sich damit den Gang zum Amt.

Das Valley wird teurer

Mit dem Internet-Boom scheint das Silicon Valley nun die kritische Masse erreicht zu haben. Kaum ein Unternehmen der Computerbranche kann es sich leisten, hier nicht vertreten zu sein. Das Wachstum schafft nicht nur Computer-Arbeitsplätze, sondern hilft der ganzen Region zu mehr Wohlstand. San José, das Herz des Silicon Valley, glänzt etwa mit der niedrigsten Kriminalitätsrate unter den amerikanischen Millionenstädten. Die Arbeitslosenrate liegt unter dem US-Durchschnitt von 4.2 Prozent, und jeder Arbeitnehmer kann durch seine Aktienbeteiligung im Idealfall zum Millionär werden.

Durch die hohe Zuwanderungs- und Mobilitätsquote steigen nicht nur die allgemeinen Lebenshaltungskosten, sondern vor allem auch die Haus- und Autopreise. Galt die USA bisher als "Billig-Haus-Land", sollte man sich im Silicon Valley von dieser Vorstellung trennen. Ein kleines Einfamilienhaus fängt bei rund 350 000 US-Dollar an, ein Auto kostet ebenfalls mehr als in Deutschland. Die hohen Kosten verhindern den zweiten Silicon-Valley-Boom jedoch nicht. Bereits jetzt expandieren Unternehmen wie Cisco nach Morgan Hill, in den Süden von San José und erweitern damit das Silicon Valley.

Fazit: Silicon Valley 2000

Mit der Computerindustrie begann der Boom des Silicon Valleys, das Internet vervielfacht jedoch die Bedeutung dieses Standortes. An keiner Stelle der Erde gibt es mehr Hightech-Firmen, die so konsequent auf das Internet setzen als im Valley. Dass vor allem Jungunternehmer konsequent gefördert werden, stärkt dank Konkurrenzdruck den Standort. Glaubt man den Prognosen der Silicon-Valley-Experten, ist das Herz der Computerindustrie noch im Babystadium.

Martin Stein, mstein@macwelt.de

Stein ist neuer US-Korrespondent von Macwelt Online mit Sitz in Morgan Hill im Silicon Valley.

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