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Das Web: Neue Kunstform oder Gefahr für Autoren

26.04.2002 | 11:39 Uhr |

Der Schriftstellerverband PEN ist sich uneins über das Internet. Während die einen die "Allianz zwischen Wort und Bild" feiern, sehen andere keine Innovationen.

Das Internet wird nach Ansicht des Frankfurter Kulturredakteurs Wilfried Schoeller die Literatur verändern und eine neue Kunstform hervorbringen. "Die Moderne entsteht in Allianz zwischen Wort und Bild", sagte Schoeller am Donnerstagabend auf einer Diskussion über Medienkritik des PEN-Clubs in Darmstadt. Die Konturen des Prozesses seien noch nicht zu erkennen, aber die Schriftsteller sollten diese Entwicklung beobachten und versuchen, sie zu verstehen.

Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild traut dem Medium Internet dagegen keine literarischen Neuerungen zu. Die Kombination zwischen Schrift, Ton und Bild sei bereits von experimentellen Künstlern vorgemacht worden. Neu sei nur, dass jetzt jedermann schreiben und veröffentlichen könne. "Damit entfällt die Qualitätskontrolle der Verlage, so umstritten sie auch sein mag, und die Leser finden sich noch schwerer zurecht," sagte Rothschild. Problematisch sei auch die fehlende Honorierung. Damit drohe die Schriftstellerei als Erwerbsarbeit auszusterben.

Auch bei der Beurteilung des Fernsehens gingen die Meinungen auseinander. Rothschild rief die Literaten auf, "Widerstand gegen den täglichen Schwachsinn im TV" zu leisten. In dem Medium werde nicht auf die Sprache geachtet, der Genitiv so gut wie nie benutzt, jeder modische Jugendslang nachgeplappert. Hinzu komme, dass die Werke des amerikanischen Kapitalismus das Fernsehen bestimmten und die Zuschauer zu besinnungslosen Konsumenten erzögen. Literatursendungen seien selten oder schlecht. Reine Lesungen würden als nicht mediengerecht abgelehnt.

Schoeller, der beim Hessischen Rundfunk beschäftigt ist, verteidigte die große Zahl amerikanischer Filme und Serien: "Das liegt an ihrer überlegenen Dramaturgie." Die Kultursendungen seien in die Spartenkanäle abgewandert, und kein Zuschauer habe sich beschwert. Dies sei eine bittere Erfahrung gewesen, sagte Schoeller. Er bedauerte, dass die Zahl der Literaturverfilmungen drastisch zurückgegangenen sei. Ihre ruhige Erzählweise stehe im Widerspruch zu den heutigen Sehgewohnheiten der schnellen Schnitte. dpa

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