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Das World Wide Web wird 25

05.08.2016 | 17:20 Uhr |

Eine kleine, feine Idee stellte am 6. August vor 25 Jahren ein Physiker namens Tim Berners-Lee der Öffentlichkeit einer Newsgroup vor.

Wenn heute Nacht die Uhren auf 0 Uhr schalten und der 6. August beginnt, wird die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio ihren Höhepunkten entgegen steuern. Starke Bilder wird die Show benötigen, um all den Korruptions- und Dopingsumpf zu überstrahlen, der die Idee vom friedlichen Wettstreit der Jugend der Welt stark beschädigt hat. Gewiss waren auch die Spiele von London vom Thema Doping dominiert, auffällig, dass der Gastgeber eine wahre Medaillenflut erlebte, bei den Spielen davor aber eher hinterherlief, radelte und ruderte. Damals gelang dem Regisseur Danny Boyle aber eine großartige Show, mit Cameoauftritten von James Bond und der Queen, welche die Spiele auch offiziell eröffnete. Und in einem kleinen, beinahe unscheinbaren Auftritt zeigte der Physiker Tim Berners-Lee, was er gut zwei Jahrzehnte zuvor am CERN ausgeheckt hatte: Das WorldWideWeb, also das Internet, wie wir es heute kennen. "This is for everyone" tippte Berners-Lee auf einen NeXT-Cube, mit dem er auch damals hantiert hatte.

Wann genau das Internet beziehungsweise das WWW nun seine Geburtsstunde feierte, ist aber letztlich nicht genau zu definieren. Der 6. August spielt dabei aber eine bedeutende Rolle. Bernes-Lee wird heute Nacht aber dennoch nicht in Rio auftreten, da ist ja noch der 5. August...

Auch andere große Ideen kennen selten nur eine Geburtsstunde. So vermeldete schon am 20. Dezember 2015 das CERN auf seinem Twitter-Kanal stolz , dass es nun exakt 25 Jahre her sei, dass unter der Adresse http://info.cern.ch die erste Adresse des World Wide Web online ging. Andere Quellen sprechen jedoch vom 13. November 1990, an dem der Forscher seine erste Website fertig hatte, die im Wesentlichen nur darüber informierte, was es mit dem Projekt World Wide Web auf sich hatte. Am 20. Dezember jedoch kam das gesamte Forschungsinstitut am Genfer See in den Genuss des Konzepts und nicht nur Berners-Lees unmittelbares Umfeld. Am 26. Februar 1991 veröffentlichte der Physiker die Software WorldWideWeb. In dem Sinne öffentlich, als dass auch außerhalb des CERN Computeranwender das WWW entdecken konnten, wurde es dann aber erst am 6. August vor 25 Jahren, als Berners-Lee die Idee in der Newsgroup alt.hypertext vorstellte.

Für die breite Masse stand das WWW gar erst im Jahr 1993 zur Verfügung, erste benutzerfreundliche Browser und vor allem die Freigabe des Quellcodes durch das CERN ermöglichten den Siegeszug. Das Modem-Zeitalter begann und damit das (kurze) Zeitalter, in dem viele Telefonanschlüsse nicht erreichbar waren, weil der Anschlussinhaber sich in den Tiefen des Webs verlor...

Der NeXT-Computer von Berners-Lee, der zugleich der erste Webserver war, steht nach wie vor im CERN und auch die erste Website ist (wieder) unter ihrer Original-Adresse zu erreichen . Aber bitte nicht erschrecken, wenn Sie drauf klicken: Der Server antwortet Ihnen in einer Geschwindigkeit, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Alles, was es zu sehen gibt, ist schwarzer Text auf weißem Grund, die Links sind unterstrichen und blau gefärbt. Kein einziges Bild ist zu sehen, nichts zappelt, nichts blinkt. Von Werbebotschaften keine Rede, es sei denn, man betrachtet die hinterlegten Informationen als Werbung für das Projekt von Tim Berners-Lee. Noch obskurer wird die Seite aber, klickt man auf die Simulation des Kommandozeilen-Browsers : Grüner Text auf schwarzem Hintergrund, der sich zeilenweise aufbaut. Sieht man heute allenfalls noch in Science-Fiction- oder Action-Filmen, wenn der Regisseur keine bessere Bildidee hat, um Hacker bei der Arbeit zu filmen. So sah es auf Computerbildschirmen aber aus, als das Internet begann. Kaum zu glauben, dass das erst 25 Jahre her ist.

Arpanet: Das Militär als der Vater aller Dinge

Die Ursprünge des Internet liegen noch länger zurück, Tim Bernes-Lee hat sich vor allem um das Protokoll http, die Auszeichnungssprache HTML und das Konzept des Browsers verdient gemacht. Die Idee, Computer dezentral miteinander zu vernetzen, ist gute zwei Jahrzehnte älter, schon am 29. Oktober 1969 nahm das Internet den Betrieb auf. Nicht das Internet, wie wir es heute kennen und schätzen und wie wir es Berners-Lee zu verdanken haben, sondern sein Vorgänger, das vom US-Militär und Universitäten entwickelte Arpanet. Die erste Datenübertragung zwischen zwei Knotenpunkten des Ende der Sechziger geknüpften Netzes geschah zwischen den beteiligten Instituten der UCLA und des SRI , dem Forschungszentrum der Universität von Stanford. Schon ein Jahr zuvor hatten die Forscher den entscheidenden Kniff für das geforderte dezentrale Netz gefunden, die Paketvermittlung. Daten gelangen nicht komplett von einem Sender zum Empfänger, sondern werden in Pakete aufgeteilt, die sich im Idealfall unterschiedliche Wege suchen und erst beim Empfänger wieder zusammengesetzt werden. Die Entwicklung bekam aber erst im Jahr 1983 mit dem Protokoll TCP/IP richtig Schwung und eben mit HTML, dem Geniestreich  des Cern-Forschers Tim Berners-Lee. Das Arpanet existierte übrigens als Teilstruktur des Internet bis ins Jahr 1990 ehe es abgeschaltet wurde. Im Prinzip eine halbe Ewigkeit lang.

Das Web im Wandel der Zeit

Aus einer militärischen Forschung wurde ein Netz, das heute viele nutzen, virtuell für alle. Das war dann auch die Botschaft, die Tim Berners-Lee während der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London 2012 auf seinem NeXT-Computer tippte: "This is for every one". Zunächst nur als Werkzeug für Forscher gedacht, die ihr Wissen schnell und allumfassend teilen wollten, hat heute im Prinzip jeder gleichberechtigen Zugang zum Netz. Nicht nur die Hüter und Aufbereiter des Wissens, auch findige Unternehmer wie windige Geschäftemacher, Demokraten und Diktatoren und leider auch Verschwörungstheoretiker aller Art. Das Netz ist nicht besser, als die Menschen, die es knüpfen.

Dieser Tage steht das Internet, so wie wir es heute kennen, wohl vor einem massiven Wandel, den sich die Arpanet-Forscher und Tim Berners-Lee nicht hätten vorstellen können. Andererseits fehlte es ihnen auch an Fantasie, wie sehr die Idee kommerziell verwertet werden konnte. Der Gleichheitsgrundsatz der Basistechnologie gerät aber ins Wanken, die Netzneutralität steht auf der Kippe. Schon bald können sich womöglich große Unternehmen wie Apple, Facebook, Amazon und Google extra Bandbreite für ihre Dienste kaufen, andere sind auf vergleichsweise lahme Leitungen beschränkt. Netzbetreiber werden Intensivnutzer kräftiger zur Kasse lassen, Dienste wie etwa IP-TV werden entweder unattraktiv oder nur noch von Firmen angeboten, die sich die Extrakosten leisten können und wollen. Einen Vorgeschmack darauf bietet bereits das mobile Netz: Während etwa Telekom-Kunden auch unterwegs Musik von Spotify ohne Extra-Kosten streamen können, käme die Nutzung von Apple Music über mobile Daten entsprechend teuer. Und wer viel unterwegs surft, wird entweder am Ende der Datenflat massiv gebremst oder nochmals zur Kasse gebeten.

Eine sichere, schnelle Leitung hat aber auch Vorteile, für die man einen Aufpreis zu zahlen bereit ist, etwa bei kritischen Medizinanwendungen. Wenn während der Gehirnoperation in München, die der Chirurg von Boston aus steuert, plötzlich das monatliche Datenvolumen aufgebraucht ist und die Drossel greift, ist das nicht so witzig...

Die Argumente für das Fortbestehen der Netzneutralität sind gut, aber womöglich nicht gut genug. Natürlich könnte sich das nächste große Ding im Netz nur bei einer für alle gleich starken Infrastruktur entstehen. Aber dann müsste es sich auch gegen die Platzhirsche von heute durchsetzen, gegen Google, Microsoft, Amazon, Apple und Facebook. Will sagen: Das nächste Google weiß Google auch mit neutralem Netz zu verhindern.

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