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'Das ist mehr Handarbeit als Massenproduktion'

04.09.2003 | 12:54 Uhr |

Im zweiten Teil des Interviews mit Marcus Fairs erklärt Apples Chefdesigner Jonathan Ive, warum sich Apples Design-Team sogar um kleinste Details kümmert und wie er zu seiner Beschäftigung in Cupertino gekommen ist.

Jonathan Ive, Apples Chef-Designer, hat Anfang Juni 2003 vom Londonder Design Museum den mit 25.000 Pfund (rund 37.000.Euro) dotierten Preis "Designer des Jahres" verliehen bekommen. Marcus Fairs, Chefredakteur des Icon Magazines hat die Gelegenheit der Preisverleihung genutzt, den gebürtigen Briten über seine Grundsätze der Gestaltung und das Teamwork in Cupertino zu befragen.

Das vorliegende Interview ist ursprünglich im Icon Magazine erschienen, einer Fachzeitschrift, die sich mit Architektur, Inneneinrichtung und industriellem Design beschäftigt. In ihrer September-Ausgabe 2003 hat auch unsere Schwesterzeitschrift Macworld UK das Gespräch abgedruckt.

Ins Deutsche übertragen von Peter Müller

Organische Ergebnisse

Der äußerliche Eindruck der Produkte, fährt Ive fort, ist das Resultat einer organischen Herangehensweise, die jeder einzelnen Komponente gleichmäßige Beachtung beschert. Das pochende Licht, das den Ruhezustand des iBook anzeigt, und die LED an der Stromversorgung, die ihre Farbe von orange zu bernsteinfarben wechselt, solange der Rechner seine Akkus lädt, sind Manifestationen des Ganzen wie auch die wunderschön ausgeführten Bauteile aus gepresstem Aluminum innerhalb des Powerbooks - Bestandteile, die dem Auge des Betrachters verborgen bleiben.

"In der Ausstelllung im Design-Museum sind Teile eines zerlegten 17-Zoll-Powerbooks ausgestellt, so dass man unsere Arbeit an Komponenten, die man

normalerweise nicht sieht, genauer unter die Lupe nehmen kann. Ich denke - ich hoffe - der inneren Architektur des Produktes und wie wir es zusammenbauen haftet eine eigene Schönheit an: Mit Lasern verschweißtes Aluminium und dergleichen.

Sehr oft nehmen die Leute an, dass nur bei einer Produktion mit geringer Auflage sich die Hersteller über alle Details Gedanken machen. Doch eines der typischsten Merkmale unserer Arbeit bei Apple ist, dass wir uns eben um die kleinsten Details sorgen. Das wird dann oft mehr als Handarbeit denn als Massenproduktion empfunden. Aber ich denke, das ist sehr wichtig."

Designer, die nur die Farben des iMac kopieren, verfehlen den Kern der Sache, sagt er: "Die Farbe war nur ein Teil dessen, was wir beim ersten iMac versucht haben. Wir haben keinen Zwang in dem Sinne, dass wir uns mit der Farbe auseinandersetzen - es war nicht nur die Farbe, es war nicht nur die Transparenz. Bei einigen der frühen Produkte haben wir eine ganz spezielle Transparenz entwickelt. Wir haben uns ebenfalls mit einfarbigen Produkten beschäftigt, die mehr über ihre Materialien und Fülle wirken."

Der G4-Cube in der klaren Kunststoffhülle, die Harman-Kardon-Lautsprecher und die Apple LCD-Displays folgen eher diesem speziellem Anspruch.

"Wir hatten große, komplett transparente Plastikteile, und eigens geformte Metallkomponenten, die das Plastik hielt oder stütze. Einige der weißen Produkte sind eine Erweiterung dessen."

Die Entscheidung, die Bonbon-Farben zugunsten von weiß aufzugeben - wie es bei iPod, dem neuen iMac, den iBook und dem eMac der Fall ist - fiel ähnlich unbewusst, erklärt Ive. Die Tatsache, dass die Leute den Produkten eine tiefere Bedeutung zumessen, versichert Ive lediglich, dass man mit dem Design vollkommen richtig gelegen hat.

Ive, 36, hat Industriedesign am Polytechnikum der nordenglischen Stadt Newcastle studiert und sich später der Londoner Designer-Agentur Tangerine angeschlossen, wo er Kämme, Elektrowerkzeuge und Fernsehgeräte entwarf, zudem hat er für Ideal Standard Sanitäreinrichtungen gestaltet.

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