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Das sagen Entwickler zu iOS 7

02.08.2013 | 14:29 Uhr |

Wir fragten die Chefs der deutschen Unternehmen Elgato und Boinx, was sie von iOS 7 halten, welche Kritik es gibt und wie hoch sie den Aufwand einchätzen, für iOS 7 Apps zu entwickeln.

Die Reaktionen der Apple-Fangemeinde auf die Vorstellung von iOS 7 mit einem komplett neuen Konzept sind zum großen Teil positiv ausgefallen, vereinzelt gab es auch harsche Kritik. Neben Apple sind nun die App-Entwickler am Zug: Zumindest kommende Apps werden sie mit neuem Design entwickeln müssen, alte unter Umständen neu gestalten. Wir haben Dr. Markus Fest von Elgato und Oliver Breidenbach von Boinx befragt, beide Firmen sind Top-Entwickler und in Deutschland beheimatet.

Der erste Eindruck

iPhoneWelt: Zur WWDC hat Apple das Design des kommenden iOS 7 zum ersten Mal gezeigt. Wie gefällt es Ihnen?

Oliver Breidenbach: Über Geschmack lässt sich streiten, und stellenweise sieht das neue Design sehr elegant aus. Allerdings habe ich nach ein paar Minuten spielen mit dem iPad Kopfschmerzen bekommen, da sich meine Augen so anstrengen mussten, den dünnen Text auf dem grellen Hintergrund zu lesen. Das ist dann leider keine Frage des Geschmacks mehr. Und natürlich bedeutet das neue Design auch wieder viel Arbeit für die Entwickler. Einerseits werden die Kunden erwarten, dass sich eine App dem neuen Look anpasst und Apps, die das nicht tun, für veraltet halten, andererseits werden sie aber nicht bereit sein, nur für den neuen Look zu bezahlen.

Markus Fest: Mir gefällt es. Die Farben sind klasse, die Aufteilung ist sehr schön und das Ganze wirkt frisch und erfreulich leicht, mit fließenden Übergängen. Die Kalender- und die Fotos-App zum Beispiel sind hervorragend und zeigen, was möglich ist. iOS 7 ist ein beeindruckend großer Schritt in die Zukunft.

Probleme habe ich mit der extremen Reduktion, etwa bei den App-Icons. Gerade bei iOS waren Icons oft kleine Kunstwerke, das scheint vorbei zu sein, und das finde ich schade. Mit den radikal vereinfachten Strichzeichnungen, zum Beispiel in den Safari-Controls, kann ich gar nichts anfangen, die sehen billig aus, und die Bedeutung ist auch nicht mehr klar. Buttons sind oft nur Text auf einem farbigen Hintergrund, das sieht vielleicht besser aus, macht die Bedienung aber nicht einfacher. Einiges fühlt sich so an, als ob die Einhaltung der Designsprache Vorrang vor der Bedienbarkeit gehabt hätte.

Markus Fest, CEO Elgato Systems

© 2015

Elgato ist vielen Benutzern durch die TV- und Videolösungen der Eye-TV-Reihe bekannt. Das Unternehmen bietet eine große Auswahl an TV-Tunern für OS X und Windows, Netzwerk-Tuner und DVB-T-Adapter für iOS-Geräte sowie Smartphones und Tablets unter Android. Die zugehörigen Apps bietet Elgato im App Store und im Google Play Store an. Mit Game Capture HD bietet Elgato seit einem Jahr eine Box für Gamer, die ihr Gameplay von Xbox, PS3 und Co. in HD aufzeichnen und in sozialen Netzwerken teilen oder live streamen können. Darüber hinaus stellt das Unternehmen den weltweit ersten komplett mobilen Highspeed-Speicher mit Thunderbolt-Technologie her. Das Unternehmen wurde im Jahr 1992 gegründet und hat seinen Hauptsitz in München und eine Niederlassung in San Francisco, Kalifornien.

PhoneWelt: Musste Apple nach sechs Versionen von iOS mit nahezu unverändertem Design etwas tun, als Abgrenzung oder Annäherung an Android?

Markus Fest: Mit Android hat das meiner Ansicht nach nichts zu tun. In den letzten Jahren hat die Hardware große Sprünge gemacht. Die komplette Produktlinie hat jetzt hochauflösende Displays, dazu natürlich schnellere CPUs und massiv bessere Grafikchips. Es ist überaus sinnvoll, die Benutzerschnittstelle mithilfe der neuen Hardwarefähigkeiten auf eine neue Stufe zu heben. Mir hätte nächstes Jahr auch noch gereicht, aber fällig war es auf jeden Fall.

Oliver Breidenbach: Ich denke schon, dass es Zeit für eine Renovierung des iOS-Look-and-feel wurde. Allerdings hatte ich von den Milliardären in Cupertino einen größeren Wurf erwartet. Vieles sieht sehr unfertig aus und mehr nach Konzeptentwurf als nach ausgearbeitetem Design. Aber vielleicht kommt da ja noch was nach.

Aufwand für Entwickler

iPhoneWelt: Werden nach Ihrer Einschätzung der Aufwand für die Programmierung und das Design unter iOS 7 höher sein als noch unter iOS 6?

Oliver Breidenbach: Der Aufwand für ein gutes Design liegt weniger in der eigentlichen Programmierung, daher glaube ich nicht dass sich der Aufwand stark ändern wird. Wenn eine App sowohl die neuen Möglichkeiten für iOS 7 nutzen als auch für ältere Systeme funktionieren soll, wird es allerdings doppelt so aufwendig, da dann praktisch zwei unterschiedliche User-Interfaces entwickelt werden müssen.

Markus Fest: Grundsätzlich wird es etwas einfacher mit iOS 7, es gibt viele gute neue APIs, und die Tools haben auch einen Schritt nach vorn gemacht. Für uns reduziert sich der Designaufwand, da Android und Windows 8 jetzt nicht mehr ganz so weit entfernt sind. Dafür erwarten die Anwender mehr Anima­tionen, Transparenz und fließende Übergänge, sodass wir insgesamt keine große Verschiebung in die eine oder andere Richtung erwarten. Wenn man allerdings iOS 6 und iOS 7 unterstützen muss, hat man ein Problem.

Oliver Breidenbach, CEO Boinx Software

© 2015

Fans von Stop-Motion-Produktionen kennen Boinx Software schon lange Zeit. Für den Mac bietet Boinx mit iStopmotion 3 das Tool für Kreative, die Stop-Motion-Animationsfilme erstellen wollen. Für iOS-Benutzer hat Boinx mit iStopmotion Remote Camera ein innovatives Tool zur Ergänzung der Software im App Store – iStopmotion selbst gibt es übrigens auch für das iPad. Weitere Lösungen von Boinx verwandeln den Mac in ein TV-Studio und erlauben Bildcollagen. Daneben bietet das Unternehmen zahlreiche Lösungen für Fotografen und Fotofans, zudem Werkzeuge, um professionelle Präsentationen zu erstellen. Boinx Software wurde 1996 von den Brüdern Achim und Oliver Breidenbach gegründet und hat seinen Hauptsitz in Puchheim in der Nähe von München.

iPhoneWelt: Werden Sie Ihre Apps, die bereits im App Store verfügbar sind, an das neue Design anpassen – und lohnt sich das überhaupt?

Oliver Breidenbach: Bei iOS 7 ändert sich, wie das System den Bildschirm ausnutzt. Daher werden wir unsere Apps auf jeden Fall anpassen müssen, ob wir dabei aber auch das Look-and-feel von iOS 7 übernehmen, haben wir noch nicht entschieden. Da im App Store keine bezahlten Updates möglich sind, wird sich der Aufwand vermutlich nicht lohnen. Andererseits kann es aber sein, dass sich eine App ohne neues Design in Zukunft nicht mehr so gut verkauft.

Markus Fest: Selbstverständlich werden wir die Apps anpassen, denn unabhängig davon, ob man iOS 7 gut findet oder nicht, eines steht fest: In sechs Monaten wird iOS 6 alt aussehen.

Was iOS 7 fehlt

iPhoneWelt: Was hätten Sie sich persönlich vom neuen Betriebssystem erhofft?

Markus Fest: Von einer so grundlegenden Änderung hätte ich mehr "Wow"-Effekte erwartet. Features oder auch einfache kleine Details, die Freude machen und die man begeistert gleich zwei- oder dreimal ausprobieren und anderen zeigen muss. Und damit meine ich nicht: "Wow, ist die Schrift aber dünn , die kann ich kaum lesen."

Oliver Breidenbach: Für mich gehören auch grundsätzliche architektonische Dinge zum "Design", und da fehlt mir weiterhin die Möglichkeit, Daten zwischen Apps auszutauschen. Für wichtig hielte ich für das iPad auch die Einführung eines Konzepts für die Nutzung durch verschiedene Personen und/oder die Trennung von persönlichen und geschäftlichen Daten.

Außerdem hätte ich mir von Apple verbesserte Bedingungen für Entwickler im App Store gewünscht. Da hat sich zwar ein bisschen was getan – Apps können jetzt an andere Entwickler übertragen werden und der Mac App Store wird Abo-Modelle unterstützen –, aber Apple zeigt weiter kein Interesse daran, dass Entwickler mit den Kunden im App Store in den Dialog treten und ein tragfähiges Geschäft aufbauen können.

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