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Das war die Woche: Bill geht, Apple kommt

27.06.2008 | 14:20 Uhr |

Wir befinden uns im Jahr 2008 nach Christus. Die gesamte IT-Landschaft wird von Microsoft beherrscht. Nein, falsch, die IT-Landschaft wird nicht mehr so stark von Microsoft beherrscht. Eine Momentaufnahme oder der Beginn eines tiefgreifenden Wandels? Ein Fehler in Time Machine hat uns einen Text aus dem Jahre 2020 auf die Platte gespielt.

Steve Jobs und Bill Gates auf D: All Things Digital
Vergrößern Steve Jobs und Bill Gates auf D: All Things Digital

Ende Oktober, im Jahre 2020: William H. Gates III, seit Urzeiten nur "Bill" genannt, ist gerade 65 Jahre alt geworden und hat damit das in Deutschland für den Jahrgang 1955 gültige Rentenalter erreicht. Natürlich muss der Gründer des vor drei Jahren insolvent gegangen Unternehmens Microsoft nicht am Hungertuch nagen, während seines erfolgreichen Geschäftslebens hat er genügend Rücklagen gebildet, um im Alter bestens versorgt zu sein. Auch wenn seine verbliebenen Microsoft-Aktien nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie längst nicht mehr gedruckt werden. Rückblickend sieht Gates es als seine wichtigste Entscheidung an, rechtzeitig seiner Gründung den Rücken gekehrt zu haben, zwölf Jahre zuvor, an einem warmen Juni-Freitag. Seitdem er die Führungsrolle im Jahr 2000 an seinen Kumpel Steve Ballmer übergeben hatte, der heute von Gelegenheitsjobs als Unternehmensberater lebt und für seinen Ruhestand in Florida spart, war es mit Microsoft bergab gegangen. Die Internetstrategie: Ein Flop. Der verzweifelte Versuch, einen Konkurrenten zum iPod zu etablieren: Grandios gescheitert. Selbst Gates ureigenster Bereich, die Softwareentwicklung war mit Windows Vista schwer in Verruf geraten. Gates gelang gerade noch rechtzeitig vor dem Niedergang der Absprung in ein neues Betätigungsfeld.

Nach dem Abgang des Chef-Visionärs wurden die Zeiten für Microsoft Jahr um Jahr finsterer. Einst mit zweifelhaften Methoden zur Nummer Eins unter den Browserherstellern geworden, verlor Microsofts Internet Explorer Ende des ersten Jahrzehnts seine Vormachtstellung. Technikhistoriker datieren den Umschwung auf die Jahre 2008 bis 2009, als die Mozilla Org zunächst sprunghaft mit Firefox 3 ihren Marktanteil ausbaute und später Apple mit Safari 4 einen Browser vorstellte, der es endlich verstand, geschickt das Netz mit dem Desktop zu verknüpfen. Im Internetgeschäft wurde Microsoft danach immer mehr zur Marginalie, spätestens als man seine unrentable Suche Live Search an Yahoo verkaufte, das sich seither den Markt für Werbung und Suche mit Google aufteilt. Kein Experte bezweifelt, dass die turbulente Hauptversammlung von Yahoo im August 2008 , als Yahoo-CEO Jerry Yang unter dem Jubel der meisten Aktionäre und dem Entsetzen des Großinvestors Carl Icahn symbolisch das letzte Angebot Microsofts auf offener Bühne in Fetzen riss, den Niedergang einleitete.

Gates’ Nachfolger machten haarsträubende Fehler und brachten mit Windows 7 den Nachfolger von Windows Vista viel zu früh auf den Markt - und gleichzeitig um Jahre zu spät. Das System war noch unausgereifter, schwerfälliger und speicherhungriger als sein Vorgänger, erst mit dem dritten Service-Pack im Jahr 2011 hatte Windows 7 den Rückstand aufgeholt. Den Rückstand von 2009, wohlgemerkt, alle anderen waren bis dahin zwei Jahre weiter. So verwunderte es bei der Yankee-Group 2010 auch keinen Marktforscher, dass nur noch vier von zehn Unternehmen Windows-PCs einsetzen. Zwei Jahre zuvor waren in acht von zehn Firmen bereits Macs in Einsatz , seinerzeit nicht selten mit Windows XP und Vista in virtuellen Umgebungen. In der Umfrage von 2010 identifizierten schon 18 Prozent aller IT-Verantwortlichen ihre Unternehmen als "größtenteils frei von Windows" - nur noch in Nischen käme das Betriebssystem in virtuellen Umgebungen zum Einsatz. 2012 war der Anteil schon auf 37 Prozent gestiegen, 2014 gar auf 68 Prozent.

Insbesondere die Skalierbarkeit von OS X habe die Wende eingeleitet, schreiben heute Historiker. In Redmond habe man das iPhone zunächst nur als einen "telefonierenden iPod" betrachtet und dabei übersehen, dass nach den missglückten Microsoft-Versuchen mit dem Tablet-PC nun endlich die lang erwartete ultramobile Plattform auf dem Markt war. Windows konnte mit der Entwicklung längst nicht mehr Schritt halten, völlig missglückte das Zune-Phone, das im Jahr 2012 nur wenige Monate als belächeltes "Ich auch!"-Produkt auf dem Markt war. Apple hatte im gleichen Jahr den einstigen Platzhirschen Palm nach dessen langer Agonie für einen Spottpreis übernommen und sich mit dem kanadischen Konkurrenten RIM und Googles Android den Markt aufgeteilt.

Der Nachfolger von Windows 7, Windows Nuevo Fuego, trug nicht nur einen schlecht phantasierten und unverständlichen Namen, sondern stand im Jahr 2015 gegen Mac-OS X 10.9 Ozelot und seiner mobilen Variante iPhone OS X 10.9 auf völlig verlorenem Posten - von wegen "Neues Feuer"! Als Betriebssystemanbieter war der Quasi-Monopolist, der 2013 seine Marktführerschaft verloren hatte, damit erledigt. In einer Nische als Hersteller von Unternehmenssoftware ging es noch eine Weile gut, aus der Konkursmasse nahm sich Apple mit den Exchange-Technologien noch das letzte wertvolle Stück heraus.

Steve Jobs, seit Februar im Rentenalter, agiert bei Apple nur noch mehr im Hintergrund. Kurz nach der Microsoft-Insolvenz hatte er seine Nachfolge geregelt, Jonathan Ive zum CEO berufen und sich in den Aufsichtsrat zurückgezogen. Seither ist er öfter als Botschafter der "Al-Gore-Foundation for Climate Reconstruction" in den Medien präsent und liefert sich mit Bill Gates einen Wettbewerb um den Titel des größten Wohltäters der USA. Erneut werden die beiden Silicon-Valley-Ikonen die Welt verändern, nur ist der Ausgang diesmal ungewiss und nicht so zwangsläufig wie beim Paradigmenwechsel der IT-Industrie, der gegen Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts einsetzte.

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